Evangelische Kirche in Bayern
Die katholische Filialkirche in Serrfeld ist seit der Reformation fast ausschließlich von Evangelischen umgeben – Gottesdienste werden dort nur sehr selten gefeiert.
Kirchenburg in Serrfeld
Kirchenburg in Serrfeld

Mittendrin im historischen Altort von Serrfeld steht eine jahrhundertealte Kirchenburg – zwar fehlen heute die meisten der ursprünglich 28 Gaden (Lagerräume), die wurden in den vergangenen Jahrhunderten fast alle geschleift. Aber die Kirche St. Maria ist gut in Schuss. Das Kuriosum ist: Während Serrfeld seit der Reformation faktisch ununterbrochen und mit großer Mehrheit evangelisch war, blieb St. Maria katholisch. Bis vor ein paar Jahren wollten und durften die Evangelischen die Kirche deshalb auch nicht nutzen.

Die Sturheit und Eigensinnigkeit der Serrfelder gründet vermutlich auch in ihrer jahrhundertelangen Randlage: Noch nicht Grabfeld, nicht mehr Haßberge. An der nordöstlichen Grenze des Fürstbistums Würzburg gelegen. Umgeben von Reichsrittern und nahe rein evangelischer Hoheitsgebiete. Als das Dorf 1528 evangelisch wurde, trotzten die meisten Einwohner allen Gegenreformationsversuchen – auch denen des diesbezüglich als berüchtigt geltenden Würzburger Fürstbischofs Julius Echter.

Kirchenburg in Serrfeld: Konfessionelle Streitigkeiten

Die teils heftig ausgetragenen konfessionellen Streitigkeiten in und um Serrfeld führten zu einem zumindest in der Region einmaligen Kuriosum, sagt Reinhold Albert, Heimatpfleger des Landkreises Rhön-Grabfeld: Inmitten eines seit rund 500 Jahren immer größtenteils und teilweise auch komplett evangelischen Dörfchens steht das uralte katholische Kirchlein "Unserer Lieben Frau". Wie es deren Name vermuten lässt: Sie war lange eine bedeutende Wallfahrtskirche zu Ehren von Maria.

Damit der Kuriositäten noch nicht genug: Die Kirche steht inmitten einer inzwischen geschliffenen Kirchenburg, deren Grundmauern der Sage nach Anfang des 11. Jahrhunderts von 28 Kreuzrittern errichtet wurde. Der rund um die Kirche angelegte Friedhof überstand die Säkularisation von 1803, als fast alle Friedhöfe an den Rand der Siedlungen verlegt wurde. In Serrfeld wurde er immer auch von Evangelischen genutzt – die Trauergottesdienste aber durften nicht in der Kirche stattfinden.

Kreisheimatpfleger Albert kennt sich in der Serrfelder Kirchengeschichte gut aus, er stammt aus einem der Nachbarorte. In der Ortschronik von Sulzdorf an der Lederhecke, zu dem Serrfeld seit dem Jahr 1978 politisch gehört, beschäftigt er sich eingehend mit dem konfessionellen Gezänk. 1528 etwa wurde nach Würzburg berichtet: "Neuses und Serrfeld haben einen lutherischen Prädikanten, so gar nit geweiht…!" Doch lange behielten die Serrfelder ihre eigenen evangelischen Prediger nicht.

Die Serrfelder, größtenteils gut situierte Bauern, pilgerten die meiste Zeit ihres Evangelischseins in benachbarte Ortschaften, anfangs etwa nach Schweinshaupten oder Birkenfeld, heute gehören die Serrfelder zur Kirchengemeinde Sulzdorf an der Lederhecke im Dekanat Bad Neustadt. Eine eigene evangelische Kirche zu bauen stand zwar immer mal wieder im Raum – 1906 schließlich hätten sie die katholische Kirche sogar kaufen können. Letztlich aber reute die Serrfelder das Geld dafür.

Kirche in Serrfeld: Renovierungsarbeiten

Das Kirchlein ist eine der ältesten der Region, sie weist viele vorreformatorische Besonderheiten auf, erläutert der Kreisheimatpfleger. So gibt es an der Außenmauer beispielsweise eine Piscina, auch als Sacrarium bezeichnet – ein kleines Handwaschbecken, in dem etwa sakrale Gegenstände gereinigt wurden. Das verwendete Wasser sollte nicht in die profane Kanalisation geleitet werden, sondern am besten in dem um die Kirche gelegenen Friedhof versickern konnte, erläutert Experte Albert.

Bei Renovierungsarbeiten in den Jahren 1978/79 wurden an der Kirche auch Ausgrabungsarbeiten vorgenommen. Entdeckt wurde eine alte behauene Grabplatte unter der Schwelle der ehemaligen Eingangstür. Diese steht inzwischen in der Kirche. Sie trägt ein eingemeißeltes Vortragekreuz, unter der Platte fanden Archäologen ein auffallend großes männliches Skelett von rund 180 Zentimetern. Diese Art von Grabstein "ist sicherlich romanisch", schreibt Albert, könnte aber auch älter sein.

1168 soll sogar Kaiser Friedrich Barbarossa einmal in der Kirchenburg übernachtet haben, als er selbst die unweit gelegene Burg Bramberg wegen angeblichen Raubrittertums zerstören ließ. Belegt ist der kaiserliche Besuch in Serrfeld freilich nicht. Nach dem Dreißigjährigen Krieg kamen übrigens auch die Schweden in dem Dorf vorbei – und setzten dort den lutherischen Prediger Stephan Götz ein. Der allerdings wurde später wieder vertrieben, die Bevölkerung aber blieb protestantisch.

Über viele Jahrhunderte lebten immer nur eine Handvoll Katholiken im Dorf, meistens ein bis zwei Familien. Und die kümmerten sich liebevoll um das Kirchlein, in dem – wenn überhaupt - nur alle paar Wochen ein katholischer Gottesdienst gefeiert wurde, während die Evangelischen sonntags in die Nachbarorte pilgerten. Erstmals wurde 1944 ein evangelischer Beerdigungsgottesdienst in der Kirche gefeiert, und nicht wie sonst unter freiem Himmel, weil es dermaßen heftig regnete.

Protestanten und Katholiken in Serrfeld

Noch in den 1950er bis in die 1970er Jahre hinein kam es in Serrfeld – wie vielerorts – immer noch zu konfessionellen Zwistigkeiten. Eheschließungen zwischen Protestanten und Katholiken wurden nicht gerne gesehen und manches Mal sogar durch "öffentlichen Druck" der Dorfgemeinschaft entweder ganz verhindert, oder aber die Verliebten und Verlobten so gegängelt, bis sie ihre Heimat verließen. "Das hat Wunden geschlagen, die man teilweise bis heute spürt", sagt Kreisheimatpfleger Albert.

Seit 1993 schließlich ist die konfessionelle Trennung vollends überwunden. Die Evangelischen dürfen die Kirche mit nutzen – tun es allerdings äußerst selten, erläutert Kirchenvorstandsmitglied Hartmut Scheider aus der benachbarten Ortschaft Zimmerau. Für Kasualien wie Taufen, Hochzeiten oder eben Beerdigungen werde die Kirche von Protestanten genutzt, sowie einmal im Jahr abends an Silvester für einen Jahresabschlussgottesdienst. Viel häufiger feiern aber auch die Katholiken nicht dort.

Die Marienkirche gehörte früher zur katholischen Pfarrei im Nachbardorf Neuses – das heute zum Landkreis Haßberge gehört. Zwischenzeitlich war Serrfeld katholischerseits Teil der Pfarrei Bundorf, inzwischen gehört es zur Pfarreiengemeinschaft Hofheim. "Gottesdienste finden aber nur noch sehr selten hier statt", sagt Siegfried Schweinfest, der sich vor Ort um das Serrfelder Kirchlein kümmert. Nur am 1. Mai werde von Bundorf aus regelmäßig eine Wallfahrt in die Filialkirche unternommen.

Dass das katholische Kirchlein samt der Reste der geschliffenen Kirchenburg mitten im evangelischen Serrfeld unbedingt erhaltenswert ist – darüber besteht konfessionsübergreifende Einigkeit. Nicht nur wegen des jahrhundertealten thüringischen Marienaltars, sondern auch wegen der alten Orgel, die noch mit Blasebalg betrieben wird und jüngst erst wieder spielbar gemacht wurde. Oder auch, weil es dort keinen Stromanschluss gibt. Abendgottesdienste finden immer bei Kerzenschein statt.

"Diese Kirche ist unbedingt erhaltenswert", betont Heimatpfleger Albert. Gerade auch wegen ihrer besonderen und so kuriosen Geschichte. Das findet auch das evangelische Kirchenvorstandsmitglied Hartmut Scheider "Diese Besonderheit, die gibt es nur bei uns", ist Siegfried Schweinefest überzeugt.

Kirchenburg in Serrfeld
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