TikTok hat sich längst von einer trendigen Kurzvideo-App zu einem globalen Infrastrukturmedium entwickelt. Mit weltweit 65,5 Millionen Accounts und in Deutschland rund 23 Millionen Nutzerinnen und Nutzern durchdringt die Plattform nahezu alle Altersgruppen, insbesondere die Jüngeren.
Studien zeigen, dass Jugendliche das Netzwerk mit einer hohen Nutzungsintensität verwenden: bis zu 75 Minuten täglich. TikTok ist nicht nur ein Unterhaltungsraum, sondern zunehmend ein zentraler Bestandteil medialer Sozialisation. Längere Videos gewinnen an Bedeutung, während Algorithmen gezielt Inhalte hervorheben, die Engagement und Verweildauer steigern. Dadurch verläuft die Grenze zwischen Bildung, Unterhaltung und Manipulation oft unsichtbar.
Was die zentralen Studien zu TikTok für 2026 sagen
Gleichzeitig verändert sich das Suchverhalten rasant. Mehr als die Hälfte der User nutzt TikTok aktiv als Suchmaschine, häufig innerhalb der ersten Sekunden einer Nutzungssession. Die Plattform setzt damit einen klaren Impuls: Wer Informationen sucht, sucht immer öfter visuell, spontan und algorithmisch geleitet. Für Nonprofits bedeutet das, dort präsent zu sein, wo Fragen entstehen – und Antworten erwartet werden.
Doch neben Chancen stehen auch die Risiken der Plattform: TikTok gilt aufgrund seines endlosen Scrollmechanismus als eine der süchtig machendsten Plattformen überhaupt. Die Dopaminlogik sozialer Medien kann zu Abhängigkeit, Überreizung und verzerrter Selbstwahrnehmung führen. Besonders junge Menschen reagieren sensibel auf Stimmungen, Trends und sozialen Vergleich. Auch extremistische Akteure nutzen TikTok gezielt: rechte Narrative werden in einfache Bilder und emotional aufgeladene Clips verpackt, verstärkt durch Memes und Soundtrends. Der Einsatz von KI und Deepfakes erschwert zusätzlich die Orientierung. Visuelle Manipulation wird subtiler, Ideologien werden scheinbar spielerisch vermittelt.
Auch regulatorisch bleibt TikTok unter Druck. Mit dem Digital Services Act rückt die EU Transparenz und Jugendschutz stärker in den Fokus. Inzwischen gibt es eine ganze Reihe an Studien und Untersuchungen zu Datenschutz, Suchtgefahren und möglicher Wahlmanipulation. Für Organisationen stellt sich daher nicht nur die Frage, ob TikTok Chancen bietet – sondern wie diese sicher und verantwortungsvoll genutzt werden können.
Handlungsempfehlungen für NGOs
Für Vereine, Verbände und Nonprofitorganisationen gilt es also, Chancen und Nutzen abzuzwägen. Grundsätzlich müssen sie weit über die reine Contentproduktion hinausgehen. Zunächst braucht es eine klare Zielsetzung: TikTok sollte kein zusätzlicher Kanal ohne Richtung und klare Zilegruppe sein. Organisationen sollten wissen, welche Wirkung sie erzielen wollen und welche Zielgruppen sie erreichen können. Dazu gehört auch das Bewusstsein für rote Linien: Hier gilt es, interne Richtlinien zu sensiblen Themen, dem Umgang mit Hasskommentaren und der Beteiligung Ehrenamtlicher zu etablieren, um sowohl die Organisation als auch Community zu schützen.
Selbstverständlich sollte der Schutz junger Menschen im Mittelpunkt stehen. Inhalte sollten so gestaltet sein, dass sie Sicherheit, psychische Gesundheit und Medienkompetenz fördern. Das bedeutet transparente Kommunikation, das Einordnen von Informationen und das bewusste Vermeiden manipulativer Mechaniken. Da Desinformation und KI-generierte Inhalte zunehmen, sollten NGOs aktiv darauf eingehen, Inhalte kennzeichnen und pädagogische Ansätze wie Pre‑Bunking einbauen, um Resilienz zu stärken.
Auch ein systematischer Start ist zentral. Statt sofort große Ressourcen zu investieren, empfiehlt sich eine Pilotphase mit wenigen, gut ausgewerteten Formaten. Reichweite allein ist kein Qualitätskriterium; entscheidend ist eine verantwortliche Wirkung. TikTok kann für NGOs ein mächtiger Kommunikationsraum sein – wenn er mit Umsicht, Strategie und ethischem Bewusstsein betreten wird.
Studien und Untersuchungen
- TikTok-Next-Report, Trends 2026, TikTok, 2026
- JIM-Studie - Medienumgang 12- bis 19-jähriger, mpfs 2025
- Challenge Accepted: Welche Challenges sich auf TikTok verbreiten und wie Kinder und Jugendliche sie wahrnehmen, Befragung, Februar 2024, Landesanstalt für Medien NRW
- Relevanz und Potential von TikTok für die Social-Media-Marketing-Strategie von Unternehmen, IU Hochschule Erfurt, 2021
- almCorp, Studie Dezember 2025
- Das TikTok-Universum der extremen Rechten, Bildungsstätte Anne Frank 2024
- Swipe to Power: Was der Bundestagswahlkampf über TikTok lehrt, Dr. Bendix Hügelmann, Kas 2025
- TikTok Ungeschminkt / Industrieverband Körperpflege und Waschmittel, 2025
- POV: Wahlkampf - Eine Analyse politischer Kurzvideos auf TikTok und Instagram im Bundestagswahlkampf, Bertelsmann 2025
- Alatassi, Leonie; Hölig, Sascha; Kessling, Philipp (2025): Zwischen Wertschätzung und Widerstand: Algorithmische Kompetenz junger Menschen am Beispiel der Kurzvideoplattform TikTok. Hamburg: Verlag Hans-Bredow-Institut, November 2025
- American Psychological Association, 2025
- Meltwater TikTok Trends 2025
Lunch & Learn: TikTok in Kirche & Religion
Über das Format
Lunch and Learn ist ein virtuelles Format, das einmal im Monat in der Mittagszeit stattfindet. In rund 30 Minuten geben verschiedene Personen aus unserer Redaktion oder anderen Organisationen einen tiefen Einblick in konkrete Anwendungen und Entwicklungen rund um das Thema TikTok.
Da wir alle auf Innovationen angewiesen sind, setzen wir auf den Austausch über unsere Organisationsgrenze hinweg. Ziel ist es, voneinander zu lernen: Was funktioniert in der Praxis? Wo gibt es Herausforderungen? Welche Ideen bringen echten Mehrwert?
Das Lunch and Learn Format startet immer mit einem kurzen Impuls. Danach bleibt Zeit für Fragen und offenen Austausch. Das Format richtet sich an alle, die sich einfach und praxisnah weiterbilden möchten – offen, verständlich und gemeinsam.
Hier findet Ihr alle Termine und Themen.
Anfragen und Ideen bitte an Chefredakteurin Rieke C. Harmsen, rharmsen@epv.de