Wie kann Europa unabhängiger von US-amerikanischen Diensten und Plattformen werden? Diese Frage wird in Foren und Mediennetzwerken immer wieder thematisiert. Ein neues Social-Media-Netzwerk sagt den etablierten Diensten nun den Kampf an. Das Netzwerk W Social wurde von einem schwedischen Start-up gegründet und soll eine europäische Alternative zu Elon Musks X sein. Das ist doch mal ein Lichtblick!

Der Name des neuen Netzwerks, das ähnlich wie das frühere Twitter funktioniert, bezieht sich auf zwei Werte, die auch im Logo wiedergegeben werden.  Die V-Buchstaben stehen für "Values" und "Verified", also "Werte" und "verifizierte Seiten”. Der neue Social-Media-Dienst funktioniert wie ein Kurznachrichtendienst. Das Layout und die Bedienung ähneln denen von X und sind intuitiv nutzbar. 

Drei wesentliche Unterschiede gibt es zu den US-amerikanischen Diensten:

  • Die Server sollen bei Anbietern in Europa stehen. Somit gilt ausschließlich europäisches Recht und es gelten die europäischen Datenschutzrichtlinien.
  • Jeder Account wird überprüft und soll nur von echten Menschen genutzt werden können. Jeder Nutzer muss sich mit einem Identitätsdokument anmelden. Dieses Vorgehen soll die Flut an Fake-Profilen und Bots stoppen.
  • Technisch setzt das Netzwerk auf dasselbe Protokoll wie der Dienst BlueSky. Die Entwickler haben sich jedoch darum bemüht, die Funktionsweise zu vereinfachen, um die Schwelle für die Nutzung zu senken. 

Wie kann man sich anmelden?

Die Verifizierung erfolgt über den Chip im Personalausweis. Ähnlich wie bei anderen Diensten, etwa Leihfahrrädern, müssen die Nutzer ihre Identität über die App verifizieren lassen. Wer möchte, kann weiterhin anonym im Netz unterwegs sein und sich einen Spitznamen geben. Das soll die Hemmschwelle für die Nutzung senken. 

Der entscheidende Unterschied in der Funktionsweise der App besteht darin, dass die Daten auf dem eigenen Gerät bleiben. W Social will die Daten gar nicht erst speichern. Es soll lediglich technisch geprüft werden, ob die Daten von einem Menschen gesendet werden. 

Wie soll der Dienst W Social ausgerollt werden?

Das neue Social-Media-Modell wurde erstmals beim Weltwirtschaftsforum in Davos vorgestellt. Damals lautete das Motto: "Made in Europe for the World". Laut Impressum stehen hinter dem Unternehmen die schwedischen Unternehmer Lars Ingmar Stensson Rentzhog, Pekka Henrik Hedqvist und Mats Anders Pellbäck Scharp.

Laut WDR ist außerdem die Juristin Anna Zeiter mit im Boot. Elfeinhalb Jahre lang war sie eine Schlüsselfigur bei eBay, zuständig für das gesamte nicht-amerikanische Geschäft und als Chief Privacy Officer weltweit verantwortlich für den Datenschutz beim Internet-Auktionshaus. Sie weiß also, worum es geht.

Seit Anfang Mai gibt es die Plattform im sogenannten Beta-Betrieb, also einem Testbetrieb, der bislang nur einem ausgewählten Kreis von Menschen zur Verfügung stand. Seit dem 17. Juni 2026 kann sich jeder anmelden. Zwar befindet sich das Modell immer noch im Testbetrieb, doch nun soll geprüft werden, wie der Dienst konkret genutzt wird. Positiv ist, dass man auf der Startseite sofort zu den "News" der Seite geführt wird. 

 

Nachtrag vom 1. Juli 2026: 

Inzwischen wächst die Kritik an dem Dienst. Die Tech-Bloggerin Elena Rossi machte publik, wie der Dienst offenbar eine Woche lang lahmgelegt war und weder gepostet werden konnte noch die Profile bearbeitet werden konnten. Zudem könnten viele Fakten nicht belegt werden, wie etwa die Frage, wo genau die Daten liegen oder wie mit den Sicherheitsproblemen umgegangen werde. Das Netzwerk Netzpolitik kritisiert die Zugangsbeschränkungen, zumal ein Alters- und Identitätsnachweis benötig werde, was die Anonymität einschränke und den Zugang erschwere.  Zudem werde die Plattform von einem profitorientierten Startup betrieben, was Zweifel an Neutralität und Unabhängigkeit des Unterfangens aufwerfe. Auf diverse Probleme angefragt, reagierte die Pressestelle von WSocial auf meine Anfrage nur mit einer Routine-Antwort und der Bitte um Nachsicht, dass nicht alle Anfragen beantwortet werden können. 

Ein Bildschirm, auf dem "Trust your Feed" steht
Vertraue deinem Feed? Das bleibt natürlich abzuwarten.

Kann sich W Social gegen die etablierten US-Plattformen behaupten?

Die Idee, eine Alternative zu den bestehenden Social-Media-Plattformen zu schaffen, ist nicht neu. Bislang sind fast alle Modelle und Ideen gescheitert, weil sich zu wenige Menschen für die neuen Dienste begeistern konnten – und nach einiger Zeit feststellen mussten, dass ihre Community nicht auf der neuen Plattform vertreten war oder der Nutzen für die eigenen Bedürfnisse zu gering ausfiel. In diesem Fall scheint sich jedoch eine rege Kooperationslandschaft gebildet zu haben. Im Vorfeld gab es offenbar Anfragen für eine Beteiligung aus mehr als 180 Ländern. Das Interesse ist groß, endlich eine vernünftige Alternative zu finden. 

Das System könnte schnell an Fahrt gewinnen, weil aus allen bisherigen Systemen und Fehlern gelernt wurde. Wenn sich jetzt nicht nur die Länder, sondern auch viele Nonprofit-Organisationen, Open-Source-Netzwerke, Communities und die Medienbranche auf dieses System setzen würden, könnte es schnell an Fahrt gewinnen. Wenn sich zudem die katholische und die evangelische Kirche dazu entscheiden würden, mitzumachen, könnten gleich mehrere Millionen potenzielle Nutzer:innen hinzukommen.

Natürlich bleibt eine gewisse Skepsis erlaubt. Bislang konnte sich nämlich noch keine Plattform gegen US-Formate oder TikTok durchsetzen. Und natürlich hat sich auch schon Widerstand geregt. So wurde die Europäische Kommission laut dem Infodienst Euractiv verklagt, weil sie angekündigt hatte, den neuen Dienst selbst nutzen zu wollen. Der EU-Sprecher reagierte jedoch gelassen. Es sei doch ein Unterschied, ob die Kommission ankündige, einen neuen Service einzusetzen, oder ob sie aktiv dafür werbe.