"Das Tolle an den Smart Glasses ist, dass man Frauen damit heimlich filmen kann, ohne dass sie ihr Verhalten ändern." 

Dieser Satz stammt von einem jungen Mann aus den USA. Er ist Influencer, hat über 84.000 Follower bei Instagram und gehört zur Szene der sogenannten Pickup-Artists – also selbsternannter Verführungskünstler, die ihren Anhängern per Video erklären, wie man Frauen anspricht und ihr Vertrauen gewinnt.

Seit neusten werden die Frauen dabei gefilmt, ohne dass sie es auch nur ahnen. Oder, wie er es formuliert: ohne dass sie "ihr Verhalten entsprechend anpassen".

Rizz-Videos und Smart Glasses: Der öffentliche Raum als Bühne ohne Zustimmung

Seine Videos erscheinen, wie die vieler anderer Pickup-Artists, vor allem auf TikTok und Instagram unter dem Hashtag "Rizz", einer Ableitung des englischen Wortes "Charisma", das derzeit besonders unter jungen Menschen für romantische Anziehungskraft oder Charme kursiert.

Zu sehen sind fast ausschließlich junge Frauen: eine, die sich im Bikini im Park sonnt, eine andere, die mit Freundinnen durch das Nachtleben zieht, eine dritte, die schwer bepackt mit Einkaufstüten die Straße entlangläuft und gerade nichts dringender möchte, als nach Hause zu kommen.

Die sogenannten "Rizzfluencer" laufen auf sie zu, eine Brille mit versteckter Kamera auf der Nase, und sprechen sie mit einstudierten Sprüchen an.

Wie die Frauen reagieren, ist dabei fast nebensächlich. Ihre Reaktionen landen anschließend auf TikTok und Instagram in den Kommentarspalten unter den hochgeladenen Videos, wo Männer sie bewerten und verhöhnen. Erst dort wird das eigentliche Geschäft vollendet: Eine Frau wird öffentlich als Content-Ware verwertet ohne davon zu wissen oder geschweige denn zugestimmt zu haben.

Smart Glasses aus dem Silicon Valley: Unsichtbare Technik im Alltag

Das neue Werkzeug dieser digitalen Manipulationsexperten kommt, wie so vieles, das die Welt schneller verändert als menschliches Verhalten und Gesetze hinterherkommen, aus dem Silicon Valley. Es ist eine Brille, die aussieht wie jede andere Brille. Erhältlich bislang bei Meta und Ray-Ban, Lieferzeit drei bis fünf Werktage, Preis zwischen 300 und 500 Euro.

Ihre Raffinesse besteht darin, nicht aufzufallen. Fünf Mikrofone, verteilt über Bügel und Nasenbrücke, hören mit. Ein Objektiv, so unauffällig in den Rahmen eingelassen, dass man es nur entdeckt, wenn man weiß, wonach man sucht, filmt mit.

Zwar soll ein kleines Blinklicht die Aufnahme nach außen signalisieren. Doch diese vermeintliche Datenschutzmaßnahme wirkt eher wie ein Feigenblatt. Wer wenige Minuten im Internet recherchiert, findet Anleitungen, wie sich das Lämpchen mit einem Stück Klebeband in weniger als einer Minute verdecken lässt.

Recherche des SWR: Wenn Technik zur Machtfrage wird

Das Rechercheteam des "SWR" hat sich mit dieser Technologie beschäftigt – und mit der Frage, was geschieht, wenn diese Brille in die Hände jener gerät, für die der öffentliche Raum schon immer ein Selbstbedienungsladen war, in dem Frauen weniger als Menschen, sondern als Inventar erscheinen.

Was die Reporter:innen nach monatelanger Recherche herausgefunden haben, dürfte die meisten Frauen kaum überraschen: Mit jeder technischen Innovation entstehen neue Möglichkeiten, Macht über andere auszuüben. Technischer Fortschritt hat nun mal die unangenehme Eigenschaft, nicht nur Probleme zu lösen, sondern auch neue zu schaffen.

Frauen, aber auch Kinder und andere gesellschaftlich benachteiligte Gruppen gehören zu den Ersten, die sie zu spüren bekommen.

Plattformlogik und digitale Verwertung: Frauen als Content-Ressource

Und während sich die Technik immer rasanter entwickelt, hinkt der rechtliche Schutz konsequent hinterher. Besonders in Deutschland, wo viele Formen heimlicher Aufnahmen im öffentlichen Raum rechtlich nur schwer zu greifen sind, steht der Rechtsstaat vor der digitalen Entwicklung wie das Kaninchen vor der Schlange.

Das Ergebnis lässt sich täglich auf TikTok und Instagram besichtigen: Frauen werden zum Rohstoff einer Aufmerksamkeitsökonomie, an der Männer verdienen. Der Preis ist eine asymmetrische Überwachungsgesellschaft, in der Männer filmen und Frauen die Konsequenzen tragen.

Der öffentliche Raum im Wandel: Vom Alltag zur potenziellen Bühne

Damit verliert der öffentliche Raum ein weiteres Stück seiner Unschuld. Der Weg zu Uni, der Park im Sommer, die U-Bahn oder das Café werden zu potenziellen Gefahrenzonen für digitale Verwertung. Jede Begegnung kann Stunden später viral gehen.

Seit Jahren wird darüber gerätselt, warum die Generation Z lieber auf der heimischen Yogamatte liegt als abends in den Club zu gehen. Oft ist dann von übertriebener Self-Care und einem fast schon altklugen Umgang mit Alkohol die Rede. Vielleicht haben junge Menschen aber auch einfach schlicht verstanden, dass Öffentlichkeit heute etwas anderes bedeutet als noch vor zehn Jahren. Nicht mehr nur das Internet ist potentiell gefährlich, sondern auch die Welt "da draußen".

Genau hier zeigt sich die schleichende Veränderung des öffentlichen Raums. Je selbstverständlicher heimliches Filmen wird, desto niedriger sinkt die Schwelle, es überhaupt noch als Übergriff einzustufen. Zumal dort, wo das Recht nur begrenzt greift und Plattformen die Aufnahmen als harmlosen Content behandeln, der Reichweite, Aufmerksamkeit und Einnahmen generiert.

Rechtliche Grauzonen: Wenn Schutzlücken sichtbar werden

Zwar stehen bestimmte Formen heimlichen Filmens unter Strafe. Wer Frauen unter den Rock fotografiert und intime Körperbereiche gezielt aufnimmt macht sich strafbar. Doch gerade im öffentlichen Raum verlaufen die Grenzen bis heute erstaunlich unscharf.

Ausgerechnet dort, wo sich das Leben tatsächlich abspielt – auf Straßen, Plätzen, in Parks, am Badesee oder vor Clubs –, tun sich bis heute erhebliche Schutzlücken auf. Viele Aufnahmen, die Betroffene als zutiefst übergriffig erleben, sind strafrechtlich nur schwer zu erfassen und bleiben oftmals folgenlos.

Selbst heimliche Aufnahmen in öffentlichen Saunen oder Wellnessbereichen waren bis vor kurzem rechtlich nicht eindeutig erfasst. Das Bundesjustizministerium unter Stefanie Hubig (SPD) versucht diese Schutzlücke zumindest seit diesem Jahr zu schließen.

Kontrolle ohne Institution: Die stille Verschiebung der Verantwortung

Das Problem liegt also tiefer. Das Strafrecht stammt aus einer Zeit, in der Öffentlichkeit vor allem bedeutete, dass man sich im selben Raum und im selben Moment begegnet. Heute bedeutet Öffentlichkeit, dass etwas gespeichert, millionenfach geteilt und jederzeit wieder hervorgeholt werden kann. Das ist was anderes.

Für die betroffene Person kann genau das intime Folgen haben – etwa am Badesee, wenn aus einem ungestörten Moment wenige Stunden später ein virales Video wird. Das ist der Moment, in dem sich die Logik endgültig verschiebt: Nicht derjenige, der heimlich filmt, muss sein Verhalten ändern. Sondern diejenigen, die gefilmt wird. 

"Verhalte dich ab jetzt immer so, als würdest du gerade gefilmt werden. Du kannst es nie wissen", sagt der Influencer aus dem Eingangszitat. Das ist eine gesellschaftliche Drohung gerichtet an alle Frauen. Neu ist die nicht. Pass auf dich auf. Zieh dich nicht so an. Geh nicht allein. Melde dich, wenn du angekommen bist. Jede Frau kennt sie.

Überwachung von innen: Eine neue Form gesellschaftlicher Kontrolle

Kontrolle braucht heute keine Institution mehr, die sie ausübt. Sie braucht im Grunde nur einen Markt, der die Werkzeuge liefert, eine Plattform, die den Content verbreitet, und ein hinterherhinkendes Strafrecht.

Was dabei entsteht, hat die Struktur eines Überwachungsstaates – mit dem entscheidenden Unterschied, dass er nicht von oben kommt, sondern von innen. Nicht der Staat überwacht die Gesellschaft. Ein Teil der Gesellschaft überwacht den anderen.

Und dieser Teil trägt, wie zufällig, immer dasselbe Geschlecht.