Alina Lorenz ist Gründerin und Geschäftsführerin der Plattform für vertrauenswürdige KI sowie Lehrbeauftragte für Digitale Ethik am Institut für Informatik der Universität Augsburg. Im Podcast Ethik Digital spricht sie darüber, wie im Bereich von Verwaltungen von Staat, Verbänden oder Nichtregierungsorganisationen mit KI die Arbeit verbessert werden kann - und warum wir mehr Transparenz bei der Nutzung von KI brauchen und wie wir die Verbraucher schützen.
Harmsen: Ihre Expertise im Bereich Datenrecherche haben Sie unter anderem in der Bundesverwaltung bei der Arbeitslosenstatistik gesammelt. Was fasziniert Sie an KI und Digitalisierung?
Lorenz: Die Digitalisierung ist die Voraussetzung für KI. Mich fasziniert dabei der Perspektivenwechsel: IT wird nicht mehr nur technisch gedacht, sondern vom Bedarf des Menschen her. Es geht nicht primär um Technologie, sondern um den Nutzen. Die zentrale Frage lautet nicht mehr: Welche Tools haben wir? Sondern: Welches Problem lösen wir? Dieser Perspektivenwechsel hat die IT-Arbeit positiv verändert. An KI fasziniert mich die Interdisziplinarität. Sie geht über Digitalisierung hinaus, weil wir eine soziotechnische Perspektive benötigen. Technik, Daten und Modelle müssen gemeinsam mit Menschen, Prozessen, Organisation, Macht- und Wertefragen gedacht werden.
Harmsen: Sie haben in der Verwaltung gearbeitet. Medienberichte kritisieren oft den schleppenden Fortschritt, andere betonen die bereits erreichten Erfolge. Wie bewerten Sie den aktuellen Stand der deutschen Verwaltung in Bezug auf KI und Digitalisierung?
Lorenz: Lassen Sie mich das anhand eines positiven und eines negativen Beispiels erläutern. Ein Erfolgsmodell ist die Kataster-KI in Niedersachsen. Alle drei Jahre werden hochauflösende Luftbilder erstellt. Die KI erkennt darauf automatisch Gebäudedachflächen und vergleicht sie mit dem bestehenden Kataster. Bei Veränderungen - sei es Neubau, Abriss oder bauliche Änderung - markiert die KI diese Stellen. Wichtig dabei: Die Einträge erfolgen nicht automatisch, sondern werden von Mitarbeitern geprüft, bevor sie ins amtliche Kataster übernommen werden.
Dies ermöglicht die Sichtung und Aktualisierung von Millionen Gebäuden in kürzester Zeit - eine Arbeit, die zuvor jahrelange Vor-Ort-Einsätze von Vermessungsingenieuren erforderte. Das System liefert aktuelle Daten für Grundsteuerberechnung, Stadtplanung, Infrastruktur und Einsatzkräfte. Nach EU-Verordnung hat es ein geringes Risiko, da es rein unterstützend arbeitet und nicht in Grundrechte eingreift. Zudem stellt Niedersachsen diese KI allen Bundesländern zur Nachnutzung zur Verfügung.
Ein negatives Beispiel sind Large Language Models, die von Baden-Württemberg und Hamburg entwickelt wurden. Beide werden als Leuchtturmprojekte präsentiert, erfüllen aber den gleichen Zweck: Sie unterstützen Verwaltungsmitarbeiter bei Recherche, Dokumentenzusammenfassung und Vermerkerstellung. Wenn alle Bundesländer und Bundesbehörden eigene LLMs entwickeln, entstehen 30 parallele Projekte mit hohen finanziellen und ökologischen Kosten - ohne zusätzlichen Nutzen.
Harmsen: Wie können wir verhindern, dass das Rad immer wieder neu erfunden wird?
Lorenz: Betrachten wir zunächst den Stand der öffentlichen Verwaltung bei KI. Wir bewegen uns zwischen Sondierung, Experimentieren und ersten Einführungen. Es gibt Leuchtturmprojekte, aber keine flächendeckende Umsetzung. In der KI-Entwicklung dominieren Assistenzsysteme, Datenanalyse und punktuelle Prozessoptimierung.
Aus ethischer Sicht wurde KI bisher in der Verwaltung auf Objekte angewandt - Bescheinigungen, Dokumente, Verwaltungsprozesse, Katasterkarten - nicht auf Menschen. Dies hat uns vor großen Krisen bewahrt, anders als in England mit zurückgetretenen Ministern oder den Niederlanden mit Regierungskrisen. Unsere vorsichtige Herangehensweise, auch aufgrund der negativen Beispiele aus Nachbarländern, hat sich bewährt.
Diese Phase geht jedoch zu Ende. Mit Projekten wie Palantir bei Polizei und Sicherheitsbehörden verschiebt sich der Fokus von Objekten zu Subjekten - zu Bewegungsprofilen, sozialen Netzwerken und potenziellen Verdachtsmomenten. Die KI richtet sich nun direkt auf Menschen und ihr Verhalten, wodurch sie grundrechtsrelevant wird. Fragen der Diskriminierung, des Machtmissbrauchs und der Transparenz rücken in den Vordergrund.
Deutschland steht an der Schwelle von der vorsichtigen, objektbezogenen KI zu Anwendungen, die Bürger direkt betreffen. In dieser Phase benötigen wir klare rechtliche Rahmenbedingungen, strenge Kontrollen und eine breite gesellschaftliche Debatte. Wir setzen große Hoffnungen in die Arbeit des neuen Digitalministers, dass durch die Bündelung der Kompetenzen eine vertrauenswürdige KI-Entwicklung gelingt.
Harmsen: Sie erwähnten den neuen Minister, der erstmals diese Arbeiten in Deutschland bündeln wird. Kritiker sehen eine Gefahr in der engen Verbindung zur Wirtschaft, Sie nannten Palantir als Beispiel. Welche Forderungen haben Sie an die Bundespolitik, basierend auf Ihrer Studie zu KI-Kompetenz in der Verwaltung?
Lorenz: Wie die KI selbst ein Werkzeugkasten mit vielen Methoden und Perspektiven ist, brauchen wir auch verschiedene Lösungsansätze. Die Kompetenzfrage ist zentral. Die KI-Kompetenz in der Verwaltung ist ähnlich heterogen wie in der Gesellschaft: Es gibt erste Ansätze und gute Ideen, aber keine flächendeckende Expertise. Zu viele Projekte werden noch von externen Beratern umgesetzt. Wir müssen dringend interne Kompetenz aufbauen - ein zentrales Anliegen für den öffentlichen Dienst.
Dafür haben wir ein praxisorientiertes Kompetenzmodell entwickelt. Es definiert die erforderlichen Kompetenzen: technische Kompetenz, Datenkompetenz zum Verständnis von Datenqualität und -information, rechtliche Kompetenz, ethische Kompetenz und Fachkompetenz. Je nach Einsatzbereich der KI variieren die Anforderungen. Nicht jeder Mitarbeiter benötigt alle Kompetenzen in gleicher Tiefe - ein Vermittler vor Ort braucht andere Fähigkeiten als ein Jurist. Der Planungsrat empfiehlt dieses Modell bereits allen Verwaltungen zur Nutzung.
Harmsen: Sie sprechen von interdisziplinären Teams. Wie können solche Teams zwischen Kommunen, Ländern und Bund aufgebaut werden?
Lorenz: Der Aufbau erfolgt kompetenzbasiert. Nehmen wir als Beispiel eine Risikobewertung nach EU-Verordnung für Predictive Maintenance im Produktionsumfeld: Wir brauchen Juristen mit Spezialisierung auf KI-Verordnung und Maschinenbau für Robotik-Aspekte, Ethiker, den Projektleiter oder Geschäftsführer als Entscheider.
Wenn diese Experten zusammenkommen, müssen alle zunächst ein gemeinsames Verständnis der jeweiligen KI entwickeln. Dies geschieht über systematische Checklisten: Was macht die KI? Welche Daten werden genutzt? Diese Informationen werden verständlich aufbereitet und geteilt. Anschließend analysiert man jede Lebensphase der KI von der Konzeption bis zur Stilllegung. Der Vergleich zwischen Ist- und Soll-Zustand identifiziert Risiken. Von den 1600 spezifischen Risiken muss man die relevanten im konkreten Kontext erkennen. Daraus entwickeln sich Maßnahmen, deren Wirksamkeit geprüft wird.hen, indem wir sie gehen. Wir müssen es einfach angehen und bestmöglich umsetzen.
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Warum es ein KI-Transparenzregister für Deutschland braucht
Harmsen: Sie haben am Transparenzregister für Deutschland mitgearbeitet. Was ist das und wozu brauchen wir es?
Lorenz: Das Transparenzregister ist ein Instrument für gesellschaftliche Teilhabe und demokratische Kontrolle. Es enthält verständliche, klare und verlässliche Informationen über eingesetzte KI-Systeme. Der Bürger als primärer Adressat soll nachvollziehen können, welche KI in seinem Umfeld wirkt und wie sie ihn betrifft. Gleichzeitig dient es als Informationsquelle für Verwaltungen, Medien, Wirtschaft und Wissenschaft.
Harmsen: Wie ist der aktuelle Stand?
Lorenz: Vor drei Jahren herrschte breiter Konsens in Verwaltung, Zivilgesellschaft und Wissenschaft über die Notwendigkeit eines KI-Transparenzregisters. Heute stehen wir vor dem gegenteiligen Problem: Es gibt zu viele parallele Register. Wir haben mindestens fünf identifiziert, Tendenz steigend, von verschiedenen Bundesministerien. NRW hat eines, Hessen plant eines. Diese Register verfolgen unterschiedliche Ziele, je nach Ministerium, Regierungszugehörigkeit oder Region. Sie unterscheiden sich erheblich in Umfang und Art der erfassten Informationen. Die Bürger erhalten dadurch widersprüchliche, teilweise veraltete Informationen - das Gegenteil von Transparenz.
Harmsen: Sie plädieren für ein zentrales Register für alle Bundesländer?
Lorenz: Gefördert von der Volkswagenstiftung haben wir mit der Uni Speyer ein Konzept entwickelt. Wir fordern ein einheitliches zentrales Transparenzregister in Deutschland, betrieben von der für die Umsetzung der Verordnung zuständigen Behörde - aktuell der Bundesnetzagentur. Kein Flickenteppich an Zuständigkeiten. Wir fordern auch die Anbindung an das europäische Transparenzregister für konsistente, vergleichbare Informationen.
Wichtig sind Qualitätssicherung bezüglich Verständlichkeit, Korrektheit und Aktualität sowie Feedbackmöglichkeiten für Bürger. Das Register soll von einem unabhängigen, interdisziplinären Expertengremium begleitet werden, das kontinuierlich Bedarf, Wirksamkeit und Nutzerperspektive überprüft."
Harmsen: Fühlen Sie sich manchmal wie David gegen Goliath? Jeder Bürger würde Ihr Konzept als logisch empfinden, aber Politik und Länderinteressen scheinen zu blockieren.
Lorenz: Es gibt Tage mit weniger Optimismus, aber gerade beim Transparenzregister sehen wir Fortschritte. Bei der Re:publica haben wir das Konzept vorgestellt. Das Bundesinnenministerium und die Bundesnetzagentur waren anwesend, haben unser Konzept gelesen und wollen darin enthaltene Ideen aufgreifen. Wenn ein bestehendes KI-Transparenzregister nach unseren Vorstellungen umgestaltet wird, hat sich die Arbeit gelohnt.
Harmsen: Was empfehlen Sie kleinen Organisationen, die sich KI-Entwicklung kaum leisten können?
Lorenz: Das ist ein besonderes Anliegen. Kleine und mittelständische Unternehmen sowie kleinere Kommunen entwickeln tolle KI-Ideen, haben aber nicht die Ressourcen einer Bundesagentur. Wir arbeiten an gezielter staatlicher Förderung für Mittelstand und kleine Kommunen. Sie brauchen kein permanentes interdisziplinäres Team, sondern punktuelle Unterstützung für spezifische Aufgaben - finanziert durch Bund, Länder oder EU.
Harmsen: Ihr Blick in die Zukunft von KI, Ethik und Digitalisierung?
Lorenz: Prognosen für die nächsten fünf Jahre wage ich nicht. Ich konzentriere mich darauf, die Probleme nacheinander anzugehen. Es gibt viel zu tun. Mit Nietzsche gesagt: Neue Wege entste
Transparenzregister
Empfehlungen für ein verbindliches KI-Transparenzregister für Deutschland
Das Policy-Papier der Volkswagen-Stiftung bündelt die Empfehlungen für ein verbindliches, umfassendes und klar geregeltes KI-Transparenzregister, das Vertrauen, Effektivität und Teilhabe stärkt. Es konzentriert sich auf drei zentrale Handlungsfelder:
- Rechtsrahmen: Das KI-Register muss gesetzlich verankert sein und sollte verpflichtend alle KI-Systeme erfassen, die die öffentliche Verwaltung produktiv nutzt – ohne pauschale Ausnahmen, aber auch ohne Einträge zu vorläufigen Testsystemen. So würde das Register übersichtlich bleiben und zugleich die Nachvollziehbarkeit für die Öffentlichkeit erhöhen. Eine tragfähige Lösung erfordert aus unserer Sicht eine Verfassungsreform, die ein einfach handhabbares Register für Bund und Länder erlaubt. Ein nationales KI-Register würde nicht im Konflikt mit der KI-Verordnung der EU stehen, sondern ihre praxisnahe Umsetzung erleichtern.
- Inhalte und Funktionen: Das Transparenzregister muss korrekte, aktuelle, konsistente und verständliche Informationen zu allen erfassten KI-Systemen bereitstellen – ohne technische Überfrachtung, aber mit klaren Angaben zum Zweck, zum Einsatzkontext und den Risiken. Zudem sollte das KI-Register Analyse- und Reportingfunktionen bieten, damit unterschiedliche Zielgruppen unbürokratisch die Informationen erhalten können, die sie benötigen.
- Governance: Klare Zuständigkeiten und eine zentrale, unabhängige Aufsicht sind unerlässlich, damit das Register seinen Zweck erfüllen kann. Wir empfehlen, dass die Behörde, die die Umsetzung der KI-Verordnung koordiniert, für den Betrieb, die Qualitätssicherung und die Weiterentwicklung des Registers verantwortlich ist. Ein dauerhaft eingesetzter, interdisziplinärer KI-Beirat soll gewährleisten, dass verschiedene gesellschaftliche Perspektiven berücksichtigt werden.