Tina Barroso beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Energiebranche und organisiert regelmäßig Konferenzen. Im Podcast "Ethik Digital" spricht die Beraterin bei Conexio-PSE darüber, wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz die Energiewende voranbringen können – und warum ethische Fragen dabei nicht erst im Nachhinein gestellt werden dürfen. Sie erklärt, wo KI im Energiesystem konkret helfen kann, warum Netzausbau und Speicher entscheidend sind und weshalb Europa seine technologische Unabhängigkeit stärken sollte.
Sie organisieren zum zweiten Mal den AI Energy Summit. Was wollen Sie damit erreichen?
Tina Barroso: Wir leben in einer Welt mit zahlreichen Herausforderungen. Ich weiß, dass es nicht mehr besonders attraktiv erscheint, über Klimaschutz und Umwelt zu sprechen. Trotzdem beschäftigt mich dieses Thema sehr. Welche Welt hinterlassen wir unseren Kindern?
Einen wichtigen Lösungsansatz sehe ich in den erneuerbaren Energien. Deutschland hat bereits große Fortschritte gemacht und viel Wind- und Solarenergie ausgebaut. Nun stehen wir vor der Herausforderung, dass die Netze nicht schnell genug mitwachsen. Einen Solarpark kann man in einem halben Jahr bauen, ein Windrad vielleicht in einem oder anderthalb Jahren, mit dem Genehmigungsverfahren acht bis neun Jahre. Der Netzausbau hingegen dauert oft fünf, zehn oder sogar zwanzig Jahre. Das ist aktuell eine der größten Herausforderungen, für die die Branche bereits erste Lösungen entwickelt hat.
Wohin geht die Reise?
Wenn wir auf die politischen Entscheidungen schauen, geht die Entwicklung derzeit eher in Richtung einer Drosselung erneuerbarer Energien, egal ob es sich um kleine Dachanlagen oder große Solarparks handelt.
Ich denke, dass Energiespeicher einen entscheidenden Beitrag leisten können. Sie entlasten die Netze und gleichen die schwankende Erzeugung aus Wind und Sonne aus. KI kann dabei helfen, Einspeisung und Entnahme aus Speichern bedarfsgerecht zu steuern und an die Belastbarkeit der Netze anzupassen. Wir könnten ein enormes Potenzial erschließen, wenn wir uns intensiver mit KI im Energiesystem beschäftigen.
KI ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits verspricht sie Effizienzgewinne, andererseits wird gerade im Zusammenhang mit dem Klima oft auf den hohen Ressourcenverbrauch hingewiesen. Ist das in der Energiewirtschaft genauso?
Sie bringen es auf den Punkt. Auf der einen Seite kann KI uns dabei helfen, das Klima effizienter zu schützen und Erzeugung, Speicherung und Nutzung von Energie zu optimieren. Auf der anderen Seite stehen Rechenzentren, die erhebliche Ressourcen verbrauchen.
Diese beiden Seiten zusammenzubringen, ist eine große Herausforderung. In der Energiebranche gibt es bereits viele Projekte und Konzepte. Ein Beispiel sind Systeme, bei denen hinter einem Netzanschlusspunkt erneuerbare Energieerzeugung, Rechenzentrum, Energiespeicher und die Nutzung der Abwärme gemeinsam gedacht werden.
Dabei liefern Wind- oder Solaranlagen Energie, Speicher gewährleisten die Versorgung rund um die Uhr, und die Abwärme eines Rechenzentrums kann beispielsweise durch Wärmepumpen besser im städtischen Wärmenetz genutzt werden. Solche Konzepte existieren bereits und werden umgesetzt. Allerdings gibt es noch großes Potenzial. Ich persönlich würde mir wünschen, dass solche integrierten Ansätze stärker vorgeschrieben werden.
Die Herausforderung besteht also darin, diese einzelnen Elemente konsequent zusammenzudenken?
Genau. Nicht überall passiert das bereits. Es gibt zwar sehr innovative Netzbetreiber, die mit Energieproduzenten und Rechenzentrumsbetreibern zusammenarbeiten. Dennoch bleibt die Herausforderung groß.
Das Energiesystem, Rechenzentren und erneuerbare Energien sind jeweils Wirtschaftsgüter. Erst wenn alle Beteiligten miteinander sprechen und gemeinsame Projekte entwickeln, können wir das wirklich skalieren. Es geht darum, nicht nur den eigenen Gewinn zu maximieren, sondern Win-win-Situationen für alle Beteiligten zu schaffen.
Die Komplexität im Energiebereich ist enorm. Wo kann KI konkret helfen, solche Prozesse zu beschleunigen?
Wir stehen hier noch ganz am Anfang. Einen Masterplan gibt es nicht. Im Moment sehen wir vor allem Pilotprojekte, in denen KI beispielsweise im Stromnetz, bei der Steuerung von Speichern oder bei der Flexibilisierung industrieller Energieverbräuche eingesetzt wird.
KI kann große Beiträge leisten, ist aber kein Allheilmittel. Vorher müssen wichtige Fragen geklärt werden. Wer trägt Verantwortung, wenn eine KI eine Entscheidung trifft? Welche Entscheidungen dürfen niemals autonom getroffen werden? Gerade weil die Energiebranche zur kritischen Infrastruktur gehört, ist sie hier zu Recht vorsichtig.
Ich habe kürzlich mit jemandem über den Blackout in Spanien gesprochen. Diese Person sagte, man habe vorher gespürt, dass sich etwas anbahnt. Eine KI hätte möglicherweise frühzeitig warnen und Vorschläge für Gegenmaßnahmen machen können. Das Potenzial ist groß, aber wir stehen noch am Anfang.
"Wind und Sonne stellen schließlich keine Rechnung" (Tina Barroso)
Was müsste politisch geschehen, um diese Entwicklung zu unterstützen?
Persönlich glaube ich nicht, dass Investitionen in zahlreiche neue Gaskraftwerke der richtige Weg sind. Auch langfristige Abhängigkeiten von Ölimporten oder eine verlängerte Nutzung von Kohlekraftwerken halte ich nicht für ideal.
Natürlich verstehe ich die Sorge vieler Politikerinnen und Politiker, dass der Umbau des Energiesystems teuer ist. Gleichzeitig zeigt sich, dass erneuerbarer Strom zunehmend günstig erzeugt werden kann. Wind und Sonne stellen schließlich keine Rechnung.
Hinzu kommt: Wenn wir erneuerbare Energien, Speicher und Netze gemeinsam entwickeln, bleibt ein großer Teil der Wertschöpfung in Deutschland und Europa. Das betrifft Handwerk, Industrie und viele weitere Bereiche.
Die Situation ist komplex, und es gibt nicht die eine Lösung. Ich glaube aber, dass wir viel mehr miteinander sprechen müssen. Das passiert derzeit zu wenig.
Wie nehmen Sie die Rolle von Industrie und Wirtschaft wahr? Ist Deutschland weiterhin ein attraktiver Standort?
Deutschland ist für die Energiebranche ein sehr spannender Markt, weil wir die Energie hier vor Ort benötigen. Viele Unternehmen und Branchen setzen zunehmend auf grüne Energie.
Ein Beispiel ist die Stahlindustrie. Dort wird stark in grünen Stahl investiert, der aktuell noch teurer ist als konventioneller Stahl. Die Politik könnte hier unterstützend wirken, indem sie etwa bei öffentlichen Bauprojekten den Einsatz von grünem Stahl fördert. Das würde entsprechende Absatzmärkte schaffen.
Gleichzeitig stehen wir vor der Herausforderung, ein neues System aufzubauen und das alte weiterhin am Laufen zu halten. Genau darin liegt derzeit ein großes Reibungspotenzial.
"Braucht es dafür wirklich eine KI oder lässt sich das Problem einfacher lösen?" (Tina Barroso)
Gibt es bereits viele Unternehmen, die sich gezielt an der Schnittstelle von Energie und KI engagieren?
Das Interesse wächst. Die Energiebranche rückt zunehmend in den Fokus der Tech- und KI-Unternehmen. Dennoch ist sie noch nicht das dominierende Anwendungsfeld.
Man sieht das auch daran, dass es bislang nur sehr wenige Konferenzen gibt, die sich speziell mit KI und Energie beschäftigen. Gleichzeitig hatte ich keinerlei Schwierigkeiten, das Programm für den AI Energy Summit zusammenzustellen. Die Resonanz war durchweg positiv.
Vor Ort treffen wir auf Expertinnen und Experten, die bereits konkrete Projekte umgesetzt haben und sich mit Datenstrukturen, Plattformarchitekturen und Pilotanwendungen beschäftigen. Es geht nicht um theoretische Überlegungen, sondern um handfeste Praxisbeispiele.
Wir müssen Fragen nach Verantwortung, Regulierung und dem sinnvollen Einsatz von KI diskutieren. Besonders schätze ich es, wenn KI-Expertinnen und -Experten kritisch nachfragen: Braucht es dafür wirklich eine KI oder lässt sich das Problem einfacher lösen? Diese Haltung hilft der Branche enorm. Es geht nicht darum, möglichst viele Dienstleistungen zu verkaufen, sondern gemeinsam Lösungen zu entwickeln.
"Wir alle tragen Verantwortung: Unternehmen, Veranstalterinnen, Journalistinnen und die Menschen, die zuhören" (Tina Barroso)
Ist die Ethik ein Thema oder wird sie gerne übergangen?
Auch das wird derzeit verhandelt. Begriffe wie Greenwashing oder Pinkwashing kennen wir alle. Ich bin überzeugt, dass rein wirtschaftliche Motive zu kurz greifen. In meiner Konferenz möchte ich unterschiedliche Perspektiven zeigen, habe Fachleute aus Energie und KI, Frauen und Männer. Außerdem ist mir Partizipation wichtig. Reine Frontalveranstaltungen gibt es bei mir nicht. Durch den Austausch kommen ethische Fragen automatisch auf den Tisch. Dann wird diskutiert, welche Risiken bestehen und welche Folgen bestimmte Entscheidungen haben können. Wir alle tragen Verantwortung: Unternehmen, Veranstalterinnen, Journalistinnen und die Menschen, die zuhören.
Könnte es irgendwann so etwas wie ein Energielabel für die gesamte Wertschöpfungskette geben?
Ehrlich gesagt fände ich es besser, wenn wir einfach 100 Prozent erneuerbare Energie erreichen. Dann brauchen wir kein Label mehr, weil klar ist, was dahintersteht. Außerdem sollten wir Lock-in-Effekte vermeiden, etwa durch langfristige Investitionen in fossile Infrastruktur, die uns über Jahrzehnte binden würden.
Wie können wir als Einzelperson zum Klimaschutz beitragen? Sind Solaranlagen oder Balkonkraftwerke nur symbolische Maßnahmen?
Überhaupt nicht. Gerade die Dezentralität hat die Energiewende enorm vorangebracht. Viele Menschen betrachten eine Solaranlage nicht als klassisches Investment, sondern als Gebrauchsgegenstand. Wenn wir diesen Geist beibehalten und in Solaranlagen, Speicher, Elektroautos oder Wärmepumpen investieren, leisten wir einen wichtigen Beitrag.
Natürlich hat nicht jeder diese Möglichkeiten. Dann kann man sich politisch engagieren, Wahlprogramme prüfen, sich mit anderen zusammenschließen oder eigene Ideen in Förderprogramme einbringen. Vor allem aber sollte man aktiv werden. Ein Klick oder eine Unterschrift sind gut. Noch wirksamer ist es, selbst Projekte anzustoßen oder andere dabei zu unterstützen.
"Ethik sollte kein Wirtschaftsgut sein, sondern eine Haltung" (Tina Barroso)
Und wie bekommen wir die Ethik in die Energiewirtschaft und in die Digitalisierung?
Indem wir immer wieder darüber sprechen und Menschen sensibilisieren. Bei meinen Veranstaltungen achte ich darauf, dass ethische Fragen nicht isoliert behandelt werden, sondern in Diskussionen, Moderationen und Vorträgen immer mitgedacht werden.
Ethik sollte kein Wirtschaftsgut sein, sondern eine Haltung. Ethisches Handeln ist für uns alle entscheidend, unabhängig davon, ob wir in der Energiebranche, der KI, der Medizin oder im Bildungsbereich tätig sind.
"Abhängigkeiten sind nie gut. Deshalb sollten wir europäische Lösungen stärken" (Tina Barroso)
Stehen wir nicht in einer großen Abhängigkeit der Tech-Bros?
Ob wir von Kohle, von Gas oder von einzelnen KI-Anbietern abhängig werden, spielt letztlich keine Rolle: Abhängigkeiten sind nie gut. Deshalb sollten wir europäische Lösungen stärken. Auch wenn über europäische Regulierungen oft geklagt wird: Sie dienen dem Schutz der Menschen.
Ich kenne niemanden, der fordert, alles zu deregulieren, damit große Konzerne noch schneller entwickeln können. Wir brauchen klare Regeln und eine gute Regulierung, damit wir heute die richtigen Weichen für die Zukunft stellen.
Wie sieht Ihr Szenario für die Branche in zehn Jahren aus?
Ich bin überzeugt, dass wir unsere Energieversorgung weitgehend auf erneuerbare Energien umstellen können. KI wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Sie wird uns helfen, Netze effizienter zu nutzen und den notwendigen Ausbau intelligenter zu gestalten.
Meine Vision ist, dass wir in zehn Jahren eine vollständig erneuerbare Energieversorgung erreicht haben, energieautark sind und gleichzeitig eng mit unseren europäischen Nachbarn zusammenarbeiten.
Wir werden Speicher installiert, Systeme intelligent vernetzt und das systemische Denken verankert haben. Dann können wir uns als Gesellschaft wieder stärker anderen Themen widmen, während Energie zuverlässig und nachhaltig aus der Steckdose kommt.
(Dies ist eine redigierte und gekürzte Text des Gespräches)
Die Tagung AI Energy Summit ist unter diesem Link zu finden: https://www.ai-energy-summit.com/
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