20. März 2021
Konsum

Expertin Kateryna Klaus-Ilienko: Wer weniger aufräumen möchte, beginnt mit weniger Konsum

Schlaue Leute sagen, wer weniger aufräumen will, schafft sich weniger an. Wenn aber die Schränke und Schubladen schon vollgestopft sind, muss man entrümpeln. Eine Expertin weiß wie.

Endlich ist die Frühlingssonne da - und scheint durch unsere schmutzigen Fenster. Höchste Zeit also für einen Frühjahrsputz.

Jetzt werden die Wohnungen durchgelüftet und die Fahrräder gecheckt. Und Entrümpeln gilt vielen als Bewältigungsstrategie - erst recht im Lockdown. Es ist also an der Zeit, tiefer in unsere Schubladen, Keller und Schränke hinein zu schauen.

Wer auf der Straße herumfragt, erfährt, dass derzeit zwar alle Befragten putzen, aber die wenigsten noch aufräumen müssen. Das haben sie im ersten Lockdown vor gut einem Jahr erledigt. Seitdem sind Dachböden wieder leer, und in Garagen parken wieder Autos statt Gerümpel. Der Weg zum Müllplatz hatte für viele etwas Befreiendes.

Kateryna Klaus-Ilienko: "Wir sind alle Jäger und Sammler"

Kateryna Klaus-Ilienko aus Fürth macht das schon lange so und gibt sogar Kurse und Workshops zum Thema Aufräumen, kürzlich bei Bildung Evangelisch in Erlangen.

Eine zentrale Frage für sie ist dabei der Umfang der Besitztümer: Müssen es wirklich zwei oder drei Handys sein? Bücher, die keiner liest oder Schallplatten, die seit Jahren nicht mehr angehört wurden? Wann wird Besitz zum Stressfaktor?

"Wir sind alle Jäger und Sammler, und das ist gut so", erklärt die 31-Jährige mit einem Blick in die Geschichte: "Früher haben unsere Vorfahren für die Wintermonate vorgesorgt und Vorräte gesammelt, um ihr Überleben zu sichern.

Heute konsumieren wir zum Zeitvertreib oder weil wir meinen, die Sammlung ist eine Wertanlage. Viele Menschen glauben auch, Sinnerfüllung in solchen Gegenständen zu finden."

Klaus-Ilienko löste sich von rund 80 Prozent ihres Haushalts

Durch einen Sterbefall ist Kateryna Klaus-Ilienko zu ihrem Thema gekommen. Nach der Haushaltsauflösung im Trauerhaus hat sie zu Hause losgelegt: "Mein Mann kann das bestätigen - ich habe ungefähr 80 Prozent unseres Haushalts gespendet oder weggeworfen", erklärt sie.

Der Mann habe nur den Kopf geschüttelt. "Aber er blieb ruhig und sagte: 'Okay, Schatz, du bist schwanger. Schau, was dir gut tut'".

Zwischen freundlicher Atmosphäre und Psyche, Wohlbefinden und Gesundheit besteht ein Zusammenhang

Klaus-Ilienkos Lebensmotto ist ein Zitat des Dalai Lama. "Eine freundliche Atmosphäre im eigenen Haus ist die beste Grundlage für das Leben." Der Zusammenhang zwischen freundlicher Atmosphäre und Psyche, Wohlbefinden und Gesundheit fasziniert sie.

Die Expertin verweist auf eine Studie, die sich um Essen aus Frust im Zusammenhang mit einem unordentlichen Zuhause befasst: "Wenn wir schlecht gelaunt sind und befinden uns in einem vollgestopften Zimmer, dann greifen wir öfters mal nach dem Süßen." Eine unaufgeräumte Wohnung könne also sogar dick machen.

Auch im Kinderzimmer ist Ordnung wichtig

Auch im Kinderzimmer können zu viele Sachen zu Frust führen. Im Idealfall sollte der Nachwuchs ja in seinem Raum auch die Hausaufgaben machen, so Klaus-Ilienko. Doch die Kinder würden ständig abgelenkt und hätten zu wenig Platz.

Natürlich ist es schwierig, sich von liebgewonnenen Gegenständen zu trennen. Aber Klaus-Ilienko hat ihr Hochzeitskleid, nachdem sie es nicht verkaufen konnte, im Altkleidercontainer entsorgt:

"Ich habe es ein letztes Mal angezogen, noch ein Foto davon gemacht, und mit einem sehr guten Gefühl verpackt. Es hat mir unglaublich viel Platz im Schrank gespart". Hochzeitskleid und verheiratet sein, das seien doch "verschiedene Paar Stiefel", merkt die Sozialpädagogin an.

Die Expertin rät: Immer nur die eigenen Dinge weggeben 

Allerdings sollte man immer nur eigene Dinge weggeben - niemals das Eigentum der Kinder oder des Ehemannes: "Das Thema birgt viel Konfliktpotenzial", betont Klaus-Ilienko. "Meine Nase hat nichts im Schrank meines Mannes zu suchen". Auch die Spielsachen gehörten den Kindern.

Am besten sei es, mit gutem Beispiel voranzugehen. "Wenn sie sich etwas Neues wünschen, dann kann man verlangen, dass erst ein anderes Spielzeug verschenkt oder verkauft werden muss. Wichtig ist, dass das Thema in den Köpfen der Kinder präsent bleibt."

Wer weniger aufräumen möchte, beginnt am besten mit weniger Konsum. Gerade in der Fastenzeit sei der Verzicht auf Unnötiges eine gute Option. Dieser Ballast halte davon ab, die schönen Dinge des Lebens zu genießen und strapaziere das Unterbewusstsein enorm, stellt Kateryna fest.

Evangelischer Pfarrer Tiki Küstenmacher schreibt im Buch "Simplify your life" über Ordnung im Büro

Wie man sein Zuhause von sinnlosen Gegenständen befreit und dadurch mehr Energie und Klarheit bekommt, weiß auch der evangelische Pfarrer und Bestseller-Autor Werner Tiki Küstenmacher. In seinem Buch "Simplify your life" erklärt er, wie man im wahrsten Sinn des Wortes in seinem Büro "reinen Tisch" macht.

Dabei helfe die "Vier-Quadranten-Methode": Drei Ordner und ein Papierkorb, das gehe auch digital. Und der perfekte Moment, mit dem Aufräumen zu beginnen, sei, wenn dafür gerade keine Zeit ist: Denn Gerümpel und Unordnung seien der größte Zeitfresser und der Wohlfühl-Effekt des Ausmistens trete sofort ein. 

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

Nachhaltigkeit

Spätestens im November denken die Ersten über Weihnachtsgeschenke nach. Auf der Wunschliste stehen dabei oft technische Geräte. Doch wie kauft man verantwortungsvoll ein, wie geht man schonend mit Ressourcen um, fragen sich Verbraucher zunehmend.