Könnte Religion helfen, den globalen Geburtenrückgang zu bremsen? Das klingt erstmal wie ein Argument, das man gar nicht erst in voller Länge hören muss, um direkt die Augen zu verdrehen. Doch bei genauerem Hinsehen entpuppt es sich als ziemlich robust.

Der US-Politikwissenschaftler Shadi Hamid, der sich viel mit Islam, Demokratie und amerikanischer Identität auseinandersetzt, hat kürzlich in einem vieldiskutierten Essay in der "Washington Post" genau dieses Argument gemacht.

Sein Ausgangspunkt ist: Mehr als zwei Drittel aller Länder liegen heute unter der Reproduktionsrate von 2,1 Kindern pro Frau. Thailand kommt auf 0,8. Südkorea auf noch weniger. Und selbst Mexiko und Iran haben inzwischen ähnlich niedrige Geburtenraten wie die Vereinigten Staaten (um die 1,6). Deutschland kommt auf 1,4. 

Eine Krise der sozialen Einbettung

Hamid benennt zunächst die naheliegenden, hauptsächlich materiellen Gründe: Wohn- und Lebenshaltungskosten, Zukunftsangst, spätere Heiraten, weniger Heiraten überhaupt. Dann aber fügt er eine These hinzu, die über die handelsüblichen Erklärungsmuster hinausgeht.

Der Demograf Lyman Stone, auf den er sich stützt, argumentiert, dass digitale Technologie eine neue Norm des Selbstbezugs normalisiert hat. Alleinsein ist unterhaltsamer und befriedigender als je zuvor. Wer weniger unter Menschen geht, findet seltener eine:n Partner:in und hat dementpsrechend seltener Kinder. Eine Fertilitätskrise ist, folgert Hamid, im Kern eine Beziehungskrise – und eine Beziehungskrise wiederum ist eine Krise der sozialen Einbettung.

Hier kommt die Religion ins Spiel. Hamid behauptet nicht, dass Beten mehr Geburten produziert. Sein Argument ist subtiler: Religiöse Gemeinschaften schaffen soziale Infrastruktur, die kein staatliches Programm replizieren konnte. Sie bieten Netzwerke für Eltern, setzen kulturelle Erwartungen rund um Familiengründung – und, das ist der eigentlich bemerkenswerte Punkt, sie liefern einen Deutungsrahmen, in dem die Kosten von Kindern nicht als bloße Zumutung erlebt werden, sondern als Ausdruck eines tieferen Lebenszwecks.

Das sei, so Hamid, das bislang einzige gesellschaftliche System, dem dieser Trick gelungen ist.

Was kein Staat der Welt kann

Und die Zahlen geben ihm, zumindest in den USA, recht: Religiöse Amerikaner:innen haben signifikant höhere Geburtenraten als Nichtreligiöse. Auch für Deutschland gibt es Untersuchungen, die diesen Effekt nahelegen.

Die Schwächen seiner Argumentation liegen auf der Hand. Vielleicht heiraten religiöse Menschen nicht deshalb früher und häufiger, weil ihr Glaube oder ihre Gemeinde es ihnen schmackhaft macht, sondern weil sie einer sozioökonomischen Gruppe angehören, in der das ohnehin noch die Norm ist. Vielleicht ist Religion also weniger Ursache als Symptom einer bestimmten Welthaltung.

Auch die These vom Smartphone als Fruchtbarkeitskiller Nummer eins ist zwar bestechend, weil sie unsere Intuition zu bestätigen scheint, empirisch aber noch nicht fest genug verankert, um daraus eine Theorie zu entwickeln.

Keine theologische Frage

Und doch steckt in Hamids Beobachtung ein Kern, den man nicht leichtfertig abtun sollte. Die Frage, die er stellt, ist letztlich keine theologische, sondern eine anthropologische: Was bringt Menschen dazu, die erheblichen Zumutungen des Elternseins nicht als Verlust, sondern als Gewinn zu erleben?

Der Staat kann vieles dazu beitragen, er kann Kindergeld zahlen, Kitas bauen, Elternzeit ermöglichen. Was er nicht kann, ist Menschen davon überzeugen, dass das Leben mit Kindern bedeutungsvoller und schöner ist als das Leben ohne.

Und Religion hat auf diese Frage offenbar überzeugendere Antworten als es säkulare Gesellschaften bisher entwickelt haben – jedenfalls haben sie sich über Jahrtausende bewährt.