28. Januar 2021
Künstler in der Pandemie

Trotz Corona: In dieser Kirchengemeinde können Musiker auftreten

In St. Andreas in Augsburg werden Andachten und Gottesdienste von Bands oder einzelnen Musikern begleitet. Für sie ist es derzeit die einzige Möglichkeit, vor leibhaftigem Publikum zu spielen.
Mit Maske und Musik: Immer donnerstags und sonntags sind derzeit auf der Empore der Kirchengemeinde St. Andreas Musiker bei Andachten und Gottesdiensten zu Gast.

Wenn man Daniela Engelhardt nach ihren Auftritten in der evangelischen Kirche St. Andreas in Augsburg fragt, dann fällt ihr das Stichwort Licht ein: "Ein Lichtblick in einer Zeit, in der alles andere weggebrochen ist", nennt sie die Andachten, bei denen sie nun schon einige Male  einen kleinen Ausschnitt aus ihrem Repertoire vorgestellt hat. Daniela Engelhardt, Künstlername "deeVoice", ist Sängerin. Ihr Programm reicht von Pop und Rock über Jazz und Soul bis zu Gospel.

Gut 50 Mal im Jahr tritt die Augsburgerin normalerweise mit verschiedenen Bands und Ensembles auf. Doch wegen der Corona-Pandemie ist das seit Monaten nicht möglich. Die halbstündigen Andachten in St. Andreas, bei denen sie zwischen den Texten "Seelenwärmer aus Pop und Jazz" singt, seien daher "ein absolutes Highlight", sagt die Künstlerin.

"Die Leute haben Sehnsucht danach", sagt der Pfarrer

Daniela Engelhardt ist nicht die einzige Musikerin, die in St. Andreas auftritt. Bereits in der Adventszeit hatte die Kirchengemeinde zu ihren Andachten an Werktagen Sänger, Bands und Solo-Instrumentalisten eingeladen. Einige Musiker hätten den Kirchenvorstand auf die fehlenden Auftrittsmöglichkeiten aufmerksam gemacht, sagt Pfarrer Markus Maiwald. Gleichzeitig habe auch die Gemeinde wegen der Pandemie weniger Gelegenheiten, zusammen zu kommen. "Mit den Andachten wollten wir beides zusammenbringen", sagt Maiwald. 

Das ist gelungen. Nicht nur die Musiker seien dankbar dafür, wieder vor "leibhaftigen Menschen" auftreten zu können, sagt Daniela Engelhardt. Auch die Besucher haben die Auftritte der Musiker genossen. "Die Leute haben richtig Sehnsucht danach", berichtet Pfarrer Maiwald: "Und danach, einmal eine halbe Stunde vom Alltag abzuschalten und nicht an Corona zu denken."

Kirchen sind derzeit die einzigen Auftrittsorte für Musiker

Maiwald und seine Gemeinde setzten die Andachten deshalb auch im neuen Jahr fort. Im Januar und Februar treten einmal in der Woche Musiker in den Abendandachten auf. Und auch die Gottesdienste am Sonntagvormittag werden von verschiedenen Musikern begleitet.

Tatsächlich sind die Kirchen derzeit die einzigen Orte, in denen Musiker direkt und nicht nur per Videostream vor Publikum spielen dürfen - unter strengen Corona-Auflagen und eingebunden in den Gottesdienst oder eine Andacht. "Andere Auftrittsmöglichkeiten gibt es nicht", sagt Andrea Fink, Geschäftsführerin des Tonkünstlerverbands Bayern. Der Verband vertritt etwa 3000 Mitglieder. Rund 70 Prozent davon sind Musikpädagogen. Diese hätten zwar oft die Möglichkeit, online zu unterrichten. Viele von ihnen lebten zusätzlich aber auch von den Live-Auftritten.

Mit der Schließung von Konzertsälen und anderen Veranstaltungsorten sei das "komplett weggebrochen", sagt Fink: "Die finanzielle Lage vieler Musikerinnen und Musiker ist daher äußerst schwierig." Daran änderten auch die staatlichen Hilfsprogramme für Solo-Selbstständige meist nur wenig. "Das ist in vielen Fällen nur ein Tropfen auf den heißen Stein", so die Verbandsvertreterin.

"Ein Lichtblick in einer Zeit, in der alles andere weggebrochen ist": Sängerin Daniela Engelhardt hat normalerweise rund 50 Auftritte im Jahr. Doch wegen der Pandemie ist das derzeit nicht möglich.

Viele Musiker müssen auf ihre Altersvorsorge zurückgreifen

Auch Daniela Engelhardt hat diese Erfahrung gemacht. Zu Beginn der Pandemie habe sie eine Einmalzahlung von 3000 Euro be-kommen. "Das reicht nicht weit", sagt sie. Auf die sogenannten "Novemberhilfe" musste sie lange warten, bis sie vor kurzem 860 Euro bekam. "Ich habe zum Glück familiäre Unterstützung. Sonst würde es mir deutlich schlechter gehen." Vielen Kollegen ergehe es ähnlich.

Häufig kämen die Musiker nur über die Runden, indem sie auf ihre Altersvorsorge zurückgreifen, sagt Andrea Fink vom Tonkünstlerverband. Dies sei umso gravierender, als sich die prekäre Lage der Künstler auch nach Corona nicht gleich verbessern dürfte. "Die Veranstalter werden nach der Pandemie sparen", meint Fink. Öffentliche Fördergelder für Musikprojekte könnten wegfallen. "Und auch die Gagen für die Musiker dürften geringer sein."

Gut möglich daher, dass die Kirchen noch für längere Zeit wichtige Auftrittsorte für die Musiker sind. Markus Maiwald jedenfalls will seine Musik-Reihe in St. Andreas über den Februar hinaus verlängern. "Das Projekt wird noch länger laufen", sagt der Pfarrer. Vielleicht behalte man es auch dauerhaft bei. Daniela Engelhardt jedenfalls wäre dafür zu haben:

"Eine Fortsetzung fänden sicher alle Musiker schön."

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