Herr Lackerschmid, Sie gelten als einer der großen europäischen Vibraphonisten. Das Vibraphon ist ein Instrument, bei dem es vielleicht nicht die Masse an Weltstars gibt. Was kann man als Musiker auf dem Vibraphon ausdrücken, was auf anderen Instrumenten nicht möglich ist?

Wolfgang Lackerschmid: Das kommt natürlich darauf an, wer spielt – das Instrument ist letztlich ein Mittel zum Zweck, um Musik zu machen. Auf dem Vibraphon habe ich durch die Natur als Schlaginstrument eine starke rhythmische Komponente, kann aber gleichzeitig mit vier Schlägeln harmonisch und melodisch arbeiten. Ich kann mich darauf richtig austoben. Eine Herausforderung ist, dass man Töne nicht wie ein Bläser "anschleifen" kann. Deshalb muss man sehr präzise phrasieren und die Melodien sorgfältig gestalten. Über die Zeit habe ich eine Technik entwickelt, die es mir erlaubt, auf dem Vibraphon förmlich zu "sprechen".

Ein Vibraphon ist ja recht sperrig. Wie aufwendig ist es, damit auf Tournee zu gehen, besonders bei Flugreisen?

Das Schleppen ist tatsächlich aufwendig. Für Flugreisen habe ich ein abgespecktes, kleineres Modell, aber normalerweise wird das Instrument vor Ort gestellt. Das ist jedoch tückisch, da sie nicht immer gleich gut klingen oder oft nicht höhenverstellbar sind. Einmal in Israel war ein Instrument so niedrig, dass wir Orchester-Noten darunter stapeln mussten, damit ich spielen konnte. Zudem kann man ein Vibraphon nicht einfach stimmen. Ich besitze vier Instrumente in verschiedenen Stimmungen, je nachdem, ob ich in einem Konzertsaal mit einem hoch gestimmten Klavier oder in einem Jazzclub spiele.

Viele Ihrer Kompositionen haben einen religiösen oder spirituellen Kontext, etwa Ihre Werke für St. Anna in Augsburg. Was reizt Sie an der Verbindung von Glaube und Jazz?

Mir geht es in der Musik darum, Gefühle hervorzurufen oder Erlebtes durch Kompositionen abzuspeichern und wieder abrufbar zu machen. Wenn ich einen Text vertone, reizt es mich, die Sprache so in Melodie und Harmonie zu übersetzen, dass die Botschaft emotional wirklich beim Hörer ankommt. In St. Anna lief jahrelang die Reihe "Steinklang", für die ich Kompositionen für Instrumente aus Stein geschrieben habe. Das Projekt entstand ursprünglich im Römischen Museum und wird dieses Jahr dorthin zurückkehren.

Ist Improvisation für Sie auch ein spiritueller Moment?

Improvisieren ist für mich spontanes Komponieren. Oft schreibe ich Improvisationen nachträglich auf und mache daraus ein festes Stück. Beim Komponieren und Improvisieren habe ich ein totales Gottvertrauen. Ich gehe auf die Bühne und verlasse mich darauf, dass mir immer etwas einfällt, egal was passiert. Wichtig ist, ehrlich zu spielen und sich ganz auf das aktuelle Gefühl, den Raum, die Akustik und das Publikum einzulassen. Mit dem ersten Ton höre ich, wie er klingt, und daraus ergibt sich der nächste.

Kann Jazz einen Dialog leisten, an dem Religion oder Politik oft scheitern?

Ja, natürlich. Mein Projekt zum Augsburger Friedensfest hieß nicht ohne Grund "Common Language, Common Sense". Im Jazz haben wir eine weltweit gemeinsame Sprache. Egal aus welcher Kultur Musiker kommen, man kann sofort zusammen musizieren. Da gibt es keine Hemmschwellen oder Vorurteile, man spürt die Musik gemeinsam. Das ist eigentlich die beste Basis für Frieden.

Sie haben mit dem legendären US-amerikanischen Trompeter Chet Baker Platten aufgenommen. Wie beeinflusst Sie diese Zeit heute noch?

Das hat mich sehr beeinflusst und diese intensive Art, Musik zu machen, geht nie verloren. Es geht um den puren Ausdruck und darum, Gefühle zu wecken. Man trägt als Musiker auch eine Verantwortung für die Emotionen, die man hervorruft. Durch das Zusammenspiel mit Chet habe ich gespürt, worum es im Kern geht. Unsere Zusammenarbeit dauerte von 1979 bis 1987. Besonders erfolgreich war unser Duo-Album "Ballads for Two". Chet hat auf Tourneen oft spontan gesagt: "Let’s play a duo", selbst wenn wir mit einer ganzen Band unterwegs waren.

Viele Jazz-Größen, wie auch Baker, neigten zu einer selbstzerstörerischen Lebensweise mit Drogen und Alkohol. Sie wirken dagegen sehr bodenständig. Warum sind Sie nie "abgedriftet"?

Ich hatte in jungen Jahren abschreckende Beispiele. Damals wussten viele noch gar nicht, wie gesundheitsschädlich bestimmte Substanzen waren, manches war sogar frei in Apotheken erhältlich. Chet selbst sagte mir mal, er habe anfangs nicht gewusst, welche Auswirkungen das hat, aber er entschied für sich, dass er so besser spielen könne. Er nahm das für die Musik in Kauf. Aber wenn man gar nicht erst damit anfängt, braucht man es auch nicht.

Was bedeutet es Ihnen, anlässlich Ihres 70. Geburtstags beim Augsburger Jazzsommer zu spielen?

Es freut mich sehr, nach vielen Jahren wieder dort zu spielen, das Ambiente ist wunderschön. Für meinen 70. Geburtstag habe ich eine besondere Band zusammengestellt. Mit dabei ist Stefan Rademacher am akustischen E-Bass, der virtuos einen Kontrabass-Sound kreiert, was perfekt zu meinen funkigen und brasilianischen Stücken passt. Außerdem der junge Gitarrist Yotam Silberstein und der Schlagzeuger Karl Latham, mit dem ich schon seit 1994 spiele. Im Herbst gehen wir für drei Wochen auf Tournee und spielen fast jeden Tag.

Das klingt nach einer körperlichen Herausforderung. Hält Sie das Reisen und das schwere Instrument fit?

Absolut, das hält fit. Ich schleppe mein Vibraphon meistens selbst, auch die Treppen in den Jazzclubs hoch und runter, weil ich sichergehen will, dass es richtig angefasst wird. Ich fahre die Strecken auch alle selbst mit dem Bus, da ich ein schlechter Beifahrer bin. Ich genieße dieses Unterwegssein. Man kommt an Orte zurück, an denen man vor 50 Jahren schon war, und ist nie als Tourist dort, sondern man ist gewollt. Man ist immer mittendrin, wo etwas los ist. Deshalb mache ich eigentlich auch nie normalen Urlaub.

Augsburger Jazzsommer

Wenn laue Sommerabende auf hochkarätigen Live-Jazz treffen, ist es wieder Zeit für den Internationalen Augsburger Jazzsommer. Bereits zum 34. Mal verwandelt das traditionsreiche Festival vom 8. Juli bis 12. August zwei der schönsten Open-Air-Spielstätten der Fuggerstadt in Treffpunkte für Musikliebhaberinnen und Musikliebhaber. Der Botanische Garten mit seinem idyllischen Rosenpavillon und der historische Brunnenhof im Zeughaus bilden erneut die stimmungsvolle Kulisse für internationale Stars, renommierte Ensembles und spannende Neuentdeckungen der Jazzszene.

Seit mehr als drei Jahrzehnten steht der Augsburger Jazzsommer für musikalische Qualität, stilistische Vielfalt und eine besondere Atmosphäre. Das Festival verbindet Weltklasse-Jazz mit entspanntem Sommerflair – fernab großer Konzerthallen und mitten im Grünen oder vor historischer Kulisse. Gerade diese Kombination macht den besonderen Reiz der Veranstaltungsreihe aus und hat ihr weit über die Region hinaus einen hervorragenden Ruf eingebracht.

Das diesjährige Programm verspricht erneut außergewöhnliche Konzerterlebnisse. Im Botanischen Garten sind unter anderem das Jeremy Pelt Quartet, das Bill Frisell Trio gemeinsam mit Greg Tardy, die gefeierte Sängerin Gretchen Parlato, das Joey Calderazzo Trio, das Julia Hülsmann Oktett sowie das Wolfgang Lackerschmid Quartet zu erleben. Sie alle zählen zu den prägenden Persönlichkeiten des zeitgenössischen Jazz und stehen für musikalische Kreativität auf höchstem Niveau.

Der Brunnenhof im Zeughaus setzt dagegen auf frische Impulse und spannende Entdeckungen. Dort präsentieren sich mit MŸA, Fiona Grond, Christina Zurhausen, dem Sam Newbould Quintet und dem Olivier Le Goas Trio Künstlerinnen und Künstler, die aktuelle Entwicklungen des europäischen Jazz eindrucksvoll widerspiegeln. Moderne Klangwelten, improvisatorische Freiheit und stilistische Offenheit prägen die Konzertabende im Herzen der Augsburger Altstadt.

Alle Konzerte beginnen um 20 Uhr und finden unter freiem Himmel statt. Während der Botanische Garten mit seiner naturnahen Atmosphäre zum entspannten Zuhören einlädt, bietet der Brunnenhof ein urbanes Ambiente mit besonderem Charme. So entstehen zwei unterschiedliche Konzertwelten, die gemeinsam den Charakter des Festivals prägen und den Jazz in all seinen Facetten erlebbar machen. Auch bei schlechter Witterung werden die Veranstaltungen im Freien durchgeführt.

Der Augsburger Jazzsommer gehört längst zu den kulturellen Höhepunkten des Sommers in Bayerisch-Schwaben. Ob internationale Größen oder vielversprechende Nachwuchstalente – das Festival bietet über fünf Wochen hinweg musikalische Entdeckungen und unvergessliche Konzertabende in einzigartiger Atmosphäre.