9.03.2018
Veranstaltungsreihe

Dreißigjähriger Krieg in Nordbayern: Städte erinnern an Auswirkungen

Hunger, Seuchen, Tausende von Toten: Der Dreißigjährige Krieg von 1618 bis 1648 brachte unvorstellbares Leid nach Europa – auch in die kleinen Reichsstädte Dinkelsbühl, Nördlingen, Rothenburg und Bad Windsheim.
Georg Seiderer, Professor für Neuere Bayerische und Fränkische Landesgeschichte an der Uni Erlangen-Nürnberg, auf dem Rathausturm in Rothenburg.
Georg Seiderer, Professor für Neuere Bayerische und Fränkische Landesgeschichte an der Uni Erlangen-Nürnberg, auf dem Rathausturm in Rothenburg.

Diese vier Städte gedenken in den kommenden Monaten nun des Ausbruchs des Konflikts vor 400 Jahren mit vielen Veranstaltungen. Zum Auftakt sprach der Professor für Neuere Bayerische und Fränkische Landesgeschichte an der Uni Erlangen-Nürnberg, Georg Seiderer, über die Auswirkungen des Dreißigjährigen Kriegs auf die bayerische Geschichte.

 

Der Dreißigjährige Krieg hat halb Europa verwüstet. Wie war die Region des heutigen Mittelfrankens davon betroffen?

Georg Seiderer: Franken zählte zu den schwerer verwüsteten Regionen des Heiligen Römischen Reichs während des Dreißigjährigen Kriegs. Die Bevölkerungsverluste der Region waren neben dem heutigen Schwaben und Mitteldeutschland mit die höchsten. Das liegt daran, dass Franken mit den angrenzenden Regionen seit 1631 beinahe ständig zum Kriegsschauplatz wurde. Schwedische, kaiserliche, ligistische*, französische Truppen durchzogen das Land und brachten Hunger und Seuchen mit sich. Gustav Adolf und Wallenstein standen sich wochenlang bei Nürnberg gegenüber, ehe es dort Anfang September 1632 zur Schlacht kam. Zwei Jahre später fand bei Nördlingen eine weitere entscheidende Schlacht statt. Hinzu kamen zahlreiche kleinere Gefechte und Belagerungen, die für den Krieg zwar nicht entscheidend waren, für die Bevölkerung aber verheerende Auswirkungen hatten.

 

Welche Rolle haben die reichsfreien Städte damals gespielt?

Seiderer: Reichsstädte wie Nördlingen, Rothenburg ob der Tauber, Windsheim und Dinkelsbühl hatten nur eine sehr passive Rolle und wurden zum Spielball der Interessen. Wenn Truppen durch das Umland zogen, bedeutete das: Teuerung, Plünderungen, Hunger und Brandschatzung. Die Befestigungsanlagen kleinerer Städte stammten oft noch aus dem Mittelalter und hielten der Waffentechnik des 17. Jahrhunderts kaum stand. Finanz-, Handels- und Rüstungszentren wie Nürnberg und Augsburg profitierten vom Krieg, bis sie selbst zu einem Austragungsort des Konflikts wurden. Während in der Stadt Nürnberg um 1633 Zehntausende Opfer von Epidemien wurden, bedeutete die Belagerung des von den Schweden besetzten Augsburg durch ein katholisches Heer in den Jahren 1634 und 1635 eine Katastrophe.

 

Welche Auswirkungen haben diese Auseinandersetzungen bis heute?

Seiderer: Die Auswirkungen des Kriegs waren bis in das 18. Jahrhundert hinein zu spüren. Die Bevölkerungsverluste wurden erst nach und nach ausgeglichen; für Nürnberg bedeutete der Krieg einen nachhaltigen demografischen und wirtschaftlichen Einbruch. Heute ist der Krieg Teil der Erinnerungskultur – etwa mit der Kinderzeche in Dinkelsbühl oder dem Meistertrunk in Rothenburg. Beide Historienspiele haben ihre Wurzeln in realen Begebenheiten, sind jedoch literarische Fiktion. Beide waren Maßnahmen, um den wirtschaftlich darbenden Städten um 1900 zu einem Aufschwung zu verhelfen: In der Ausschmückung von Geschichtslegenden wurde der Dreißigjährige Krieg zum farbenfrohen Spektakel.

Erklärung

* ligistisch: zur Liga gehörig, also zum katholischen Bündnis Bayerns mit den süddeutschen Hochstiften und den Kurfürstentümern Köln, Trier und Mainz.

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