14.12.2017
Menschen mit Behinderung

An ihren Religionslehrer denkt Ilona Nord sehr gern zurück: »Er verstand es, mit uns in einer tollen Atmosphäre über biblische Geschichten zu sprechen.« Erst heute weiß die evangelische Theologin von der Uni Würzburg, wie stark dieser Mann sie geprägt hat. Er war blind und stand am Beginn ihrer Beschäftigung mit Inklusion.
Ilona Nord, Evangelische Theologie II.
Ilona Nord, Evangelische Theologie II.

 

Wichtig bleibt für die Inhaberin des Lehrstuhls für Evangelische Theologie II, dass sie als Kind erlebt hat, wie gut jemand mit Behinderung unterrichten kann: »Viele Menschen denken, dem tanzen die Schüler auf der Nase herum. Doch das haben wir nie getan.«

An Nords Lehrstuhl wird aktuell darüber geforscht, welche Einstellungen Religionslehrer und Pfarrer heute zu Menschen mit Behinderung haben. Verantwortlich für dieses Projekt ist Janine Wolf. Grundsätzlich werde Inklusion von der Kirche befürwortet, sagt die Doktorandin: »Es ist jedoch so gut wie nichts darüber bekannt, wie Pastoren und Religionslehrkräfte, die mit der unmittelbaren Umsetzung befasst sind, die Situation wahrnehmen.« Genau zu dieser Frage führt Wolf derzeit Interviews durch. Sie möchte eine Art »Stimmungsbild« einfangen, das helfen soll, die Umsetzung von Inklusion dort, wo es noch hakt, stärker zu fördern.

Aufgabe für alle Fächer

Im gleichen Uni-Gebäude am Wittelsbacherplatz forschen mehrere Sonderpädagogen zum Thema. »Inklusion ist eine Querschnittsaufgabe, die alle Fächer bis hin zur Informatik angeht«, betont Nord. Religionslehrer sieht sie darüber hinaus in einer besonderen Verantwortung für Menschen, die »anders« sind. Schließlich habe sich Jesus gerade der Menschen im gesellschaftlichen Abseits angenommen.

Gleichzeitig haben die christlichen Kirchen nach ihrer Ansicht eine große historische Schuld abzutragen: »Es gab äußerst schwierige Unterlassungen im Dritten Reich.« Viel zu wenig hätten sich Christen gegen die Tötung behinderter Menschen gewehrt. Außerdem habe man zu lange geglaubt, dass Menschen mit Behinderung am besten in Heimen aufgehoben wären.

Inklusion leben

Ilona Nord versucht, an einer Welt ohne Grenzen mitzuarbeiten. Alter, Ethnie, Geschlecht, Behinderung oder sozialer Status sollen kein Ausschlusskriterium mehr darstellen. An diesem Ideal arbeitet sie nicht nur theoretisch. Auch als Dozentin versucht sie, Inklusion zu leben – zum Beispiel mit Studierenden, die nicht hören können. Gebärdensprache soll bei ihren Vorlesungen und Übungen sukzessive selbstverständlicher werden. »Eigentlich sollte jeder, der Lehrer werden oder ein öffentliches Amt bekleiden möchte, die Basics der Gebärdensprache beherrschen«, meint die Forscherin, die sich selbst einige Gebärden angeeignet hat.

»Wie soll das denn alles gehen!«, bekommt Nord oft zu hören, wenn sie von ihren Forschungen und Visionen spricht. Das Ideal einer inklusiven Gesellschaft, in der alle gleichermaßen teilhaben, scheint so weit weg von dem, was finanziell und personell machbar ist. Doch solche ernüchternden Feststellungen lässt Ilona Nord nicht gelten: »Was hält uns davon ab, Inklusion zu verwirklichen?«

Digitales Unterrichtsmaterial

Ein zweites Thema beschäftigt Ilona Nord stark: die aktuellen gesellschaftlichen Veränderungen durch Neue Medien. Was nicht völlig losgelöst von Inklusion zu sehen ist. »Menschen mit Behinderung nutzen das Internet oft intensiv«, sagt sie. Das werde von der Kirche noch zu wenig bedacht.

Mehrere Dissertationen an Ilona Nords Lehrstuhl beschäftigen sich mit Neuen Medien. Swantje Luthe untersucht zum Beispiel, wie auf digitalen Gedenkseiten kommuniziert wird. Dabei geht sie auch auf den Wandel in der Friedhofs- und Bestattungskultur ein. Aus dem, was sie herausfindet, will sie Schlüsse für die Seelsorge ziehen.

Neue Medien für den Religionsunterricht

Jens Palkowitsch-Kühl, ebenfalls wissenschaftlicher Mitarbeiter an Nords Lehrstuhl, beschäftigt sich mit Neuen Medien für den Religionsunterricht. Er gehört zu einem von vier multireligiösen Teams, die digitale Materialien wie eBooks entwickeln zu den Themen »Liebe, Partnerschaft und Sexualität«, »Tod, Trauer und Bestattung«, »Demokratie« und »Glaube wird sichtbar!«

Zielgruppe sind in erster Linie Fünft- bis Zehntklässler von Mittelschulen, so Jens Palkowitsch-Kühl. Die Lehrkräfte, die an seiner Untersuchung teilnehmen, werden im Sommer gecoacht, sodass sie mit den neu entwickelten Materialien gut umgehen können.

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