6.02.2020
Nationalsozialismus

Granitstelen und QR-Codes sollen in Hof die Erinnerung an Verfolgte des NS-Regimes wachhalten

75 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Diktatur bleibt die Erinnerung an die Opfer lebendig. In Hof haben Schülerinnen und Schüler dafür eine inzwischen preisgekrönte App entwickelt. Jetzt beteiligt sich die Arbeitsgruppe an der Planung für einen besonderen Erinnerungsweg durch die Stadt.
"Buch der Namen" in der Ausstellung des Yad Vashem-Instituts in der Gedenkstätte Auschwitz
Das monumentale "Buch der Namen" in der Ausstellung des Yad Vashem-Instituts in Block 27 der Gedenkstätte Auschwitz: Es verzeichnet Millionen von jüdischen Opfern der Shoah.

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee das nationalsozialistische Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Die Opfer kamen aus fast ganz Europa, viele von ihnen waren Sinti oder Roma, etwa 90 Prozent von ihnen waren Juden. An die Hofer Schicksale darunter erinnert nun auch ein Projekt des Hofer Schiller-Gymnasiums.

Herbert Frank, Alice Joachimsthal, Erna Kowalski, Julius Simon, Leopold Weil, Martha Rosenthal sind die Namen von Juden, die mehrere Jahre oder auch fast ihr ganzes Leben in Hof verbracht hatten, bevor sie von den Nationalsozialisten verschleppt und schließlich nach Auschwitz deportiert wurden. Martha Rosenthal ist die Einzige, die ihre Gefangenschaft dort überlebte. In Auschwitz starb auch Walter Heymann, der Sohn des Hofer Kaufmanns Max Heymann, der 1940 im Alter von knapp 17 Jahren zusammen mit seiner Familie nach Südfrankreich deportiert wurde. Im Sommer 1942 wurde er von Drancy nach Auschwitz gebracht, wo er eineinhalb Jahre später starb, kaum 20 Jahre alt.

Wettbewerb "Schicksale jüdischer Hofer im Nationalsozialismus"

Seine sowie die Lebensgeschichte anderer jüdischer Hofer Familien dokumentierten Schülerinnen und Schüler des Schiller-Gymnasiums im Rahmen des Wettbewerbs "Schicksale jüdischer Hofer im Nationalsozialismus", der 2018 von der Hermann- und Bertl-Müller-Stiftung ausgeschrieben wurde, in einer Web-App, die wie ein Audioguide genutzt werden kann.

Dort werden Lebensgeschichten, Stammbäume und Fotografien der vier Hofer Familien Heymann, Lax & Lump, Reiter und Franken auf einem Stadtplan verlinkt, der zu einem thematischen Spaziergang durch die Hofer Altstadt anregen möchte. QR-Codes, die an den Häusern angebracht sind, in denen die Familien lebten oder arbeiteten, sollen interessierte Spaziergängerinnen und Spaziergänger auf die Texte und Bilder zu den jeweiligen Familien auf der Seite http://www.schicksale-juedischer-hofer.de/ weiterleiten.

Sonderpreis der Stadt Hof

Im vergangenen November wurde nicht nur die App von der Jury als innovativster Wettbewerbsbeitrag ausgezeichnet. Dem Team des Schiller-Gymnasiums unter der Leitung der beiden Lehrkräfte Michaela Millitzer und Gertraud Pichlmeier wurde auch von Oberbürgermeister Harald Fichtner der "Sonderpreis der Stadt Hof" verliehen. Jetzt ehrte das Gymnasium Nele Schoen, Vanessa Trifel, Angélique Kittl, Christian Waldhütter und Johannes Fränkel für ihre herausragende Leistung.

Trotz der Belastungen in der Oberstufe hatten sie Stunden um Stunden ihrer Freizeit investiert, um die Seite zu gestalten: Teilweise in den Ferien, an den Wochenenden und bis in die Abende hinein wurden Texte geschrieben, Fotos zusammengestellt, Filme komponiert, Texte übersetzt – ins Französische, Englische, Deutsche, Tschechische und Russische – und teilweise auch eingesprochen.

Zusammenarbeit mit der Stadt Hof

Die Arbeitsgruppe des Schiller-Gymnasiums freut sich nun ganz besonders über die weitere Zusammenarbeit mit der Stadt Hof, um eine nachhaltige Gestaltung eines Stadtrundgangs zu den Häusern jüdischer Familien zu sichern. In bislang zwei Treffen wurde gemeinsam mit Oberbürgermeister Fichtner, Stadtarchiv-Leiter Arnd Kluge und Rainer Krauß von der Medienstelle der Stadt an einem weiterführenden Konzept gearbeitet. Es hat zum Ziel, langfristig und öffentlichkeitswirksam über die Geschichte der Hofer Familien, die von den Nationalsozialisten verfolgt wurden, zu informieren. Bei einschlägigen Gebäuden sollen im Lauf des Jahres Granitstelen angebracht werden, die an ihre früheren jüdischen Bewohner erinnern und über einen QR-Code auf die Web-App führen.

"Hier entsteht ein bislang einzigartiges Projekt, auf das die Stadt Hof stolz sein kann und das in Zeiten von zunehmendem Antisemitismus und Rassismus eine wichtige Aufgabe erfüllt", heißt es in einer Pressemitteilung der Stadt.

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