12. Mai 2021
Kirchenmusik

Corona-Lockerungen für Laien- und Amateurensembles: Kirchenmusiker sehen kaum Verbesserungen für Chöre

Die Staatsregierung verkündet am Montag frohlockend Corona-Lockerungen für Laien- und Amateurensembles - doch zumindest bei evangelischen Kirchenmusikern will mehrheitlich keine große Freude aufkommen. Zu wenig, zu aufwendig, sinnlos, so ihr Fazit.
Chorprobe

Nachdem die Corona-Inzidenzzahlen in Bayern sinken, sollen nun auch Laien- und Amateurensembles ihren Probenbetrieb wieder aufnehmen können. Davon betroffen sind beispielsweise Theatergruppen, Musikvereine oder auch Kirchenmusik-Ensembles. Doch unter den Kirchenmusikern hält sich die Begeisterung über die Corona-Lockerungen in Grenzen. Die maximale Gruppengröße sei zu klein, der Aufwand mit Testungen und Abstandsregeln enorm. Eine sinnvolle Probenarbeit sei so nicht machbar. Einzig der Posaunenchor-Verband sieht es anders.

Chorproben bei Inzidenz unter 100 möglich

Für den Bad Kissinger Kirchenmusikdirektor Jörg Wöltche ist die Sache klar: Für seine Gospelchöre im Norden Unterfrankens sind die angekündigten Lockerungen "völlig uninteressant".

Das bayerische Kabinett hatte am Montag beschlossen, dass ab dem 21. Mai Proben bei einer Inzidenz unter 100 wieder möglich sein sollen. Für Innenräume gelte dies für bis zu zehn Musiker, im Freien für bis zu 20 Musiker. Bei einer Inzidenz zwischen 50 und 100 dürften aber nur komplett Geimpfte, Genesene oder negativ Getestete proben. Der Test darf je nach Testvariante maximal 24 oder 48 Stunden alt sein.

Kritik am starren Festhalten der Inzidenzwerte

Wöltche sagte, ein solcher Mehraufwand sei kaum zu stemmen - zudem sei eine Probenarbeit ohne planbare Konzerte seiner Meinung nach "ziellos". Er kritisiert, dass die Staatsregierung sich starr an Inzidenzwerte klammere und anerkannte Schutzkonzepte oder Aerosol-Studien schlicht ignoriere.

Hinzu komme, dass viele Sänger Angst vor möglichen Quarantäne-Anordnungen hätten: "Niemand kann sich leisten, wegen seines Hobbys zwei Wochen im Studium oder Beruf zu fehlen." Er geht davon aus, dass viele Chöre erst einmal wieder Aufbauarbeit leisten müssen, ehe sie auftreten können.

Kirchenmusikdirektor Andreas Hantke: "Zehn Leute sind kein Chor!"

Der evangelische Münchner Kirchenmusikdirektor Andreas Hantke sieht in der angekündigten Lockerung auch keinen Fortschritt: "Wir durften schon bislang mit acht Personen zur Vorbereitung eines Gottesdienstes proben", sagt der Chorleiter an der Christuskirche München-Neuhausen.

Die einzige Verbesserung der Neuregelung bestehe nun darin, dass wieder regelmäßig geprobt werden kann. Die Zehner-Obergrenze kommentiert er so: "Zehn Leute sind kein Chor!" Bei Freiluftproben überanstrengten die Sängerinnen und Sänger wegen fehlender Akustik leicht ihre Stimmen.

Abstandsregeln für Chorproben sind problematisch

Der Regensburger Kirchenmusikdirektor Roman Emilius sieht ebenfalls keine Verbesserungen durch die Ankündigungen der Staatsregierung. Problematisch seien vor allem die Abstandsregeln, die auch weiterhin gültig seien: Chormitglieder müssten zwei Meter Abstand halten.

"Da müsste man schreien, um die letzten in der Reihe noch zu erreichen", sagte der Leiter der Regensburger Kantorei. Dies seien keine optimalen Bedingungen. Deshalb wolle er frühestens nach den Sommerferien wieder mit dem Singen in größeren Gruppen beginnen - in der Hoffnung, dass dann auch Konzerte möglich sind.

Verband evangelischer Posaunenchöre begrüßt Entscheidung

Der Verband evangelischer Posaunenchöre wertet die Entwicklung hingegen als einen "ersten wichtigen Schritt". Verbandsgeschäftsführer Oliver Kreitz spricht von einer Perspektive, die Motivation der Bläser in den Posaunenchören sei groß.

Viele Musikerinnen und Musiker hätten in der Pandemie gemerkt, "was ihnen fehlt, wenn sie nicht spielen können". Dass die Posaunenchöre nach den vielen Monaten ohne Praxis schräg klingen könnten, befürchtet er nicht: "Viele Chöre waren nicht untätig." Trotzdem werde es natürlich etwas dauern, bis man wieder auf Vor-Corona-Niveau spielen könne.

Bayerns Kunstminister Bernd Sibler (CSU) sprach mit Blick auf die Lockerungen davon, dass man sich "dem Ende der kulturellen Durststrecke" nähere und die "Rückkehr zur Normalität fest im Blick" habe.

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Größtes, tiefstes, lautestes, aber auch leisestes und wohl vielfältigstes Musikinstrument: Die "Königin der Instrumente" nannte Mozart einst die Orgel. Die Landesmusikräte Baden-Württemberg, Bayern, Berlin, Brandenburg, Bremen, Hamburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saar, Sachsen, Schleswig-Holstein und Thüringen haben die Orgel zum "Instrument des Jahres" 2021 gekürt. Der Präsident des Bayerischen Musikrats, Marcel Huber, erklärt, wie dieser Titel gefeiert werden soll.

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