Musik
Die Corona-Pandemie wird nicht spurlos an den bayerischen Kirchenchören vorbeigehen. Denn die Einschränkungen, in denen oft keine Proben möglich waren, sind für viele Chöre eine Zäsur, weil sich Sängerinnen und Sänger aus ihnen verabschieden, wie Landeskirchenmusikdirektor Ulrich Knörr in einem Gespräch mit dem Sonntagsblatt erläuterte. Deshalb müsse es nach Corona einen Neuanfang geben, damit die Kirchenchöre wieder ihre frühere Klangfülle entwickeln können.
Landeskirchenmusikdirektor Ulrich Knörr
Landeskirchenmusikdirektor Ulrich Knörr.

In welcher Notlage befinden sich Kirchenchöre angesichts der anhaltenden Corona-Pandemie?

Ulrich Knörr: Die Notlage der Kirchenchöre ist, nicht mehr proben zu können, und sich damit auch nicht mehr treffen zu können. Für viele Sängerinnen und Sänger ist nicht nur das gemeinsame Singen von großer Bedeutung, sondern für manchen und manche ist die Chorprobe der soziale Kontakt in der Woche.

Auch die Unmöglichkeit von Auftritten, sei es bei der Gestaltung von Festgottesdiensten oder bei der Aufführung der großen Werke der Kirchenmusik im Konzert, das betrifft dann eher die Kantoreien, belastet Sängerinnen und Sänger und natürlich auch Chorleiter und Chorleiterinnen. Das gleiche gilt für die Posaunenchöre und alle anderen musikalischen Gruppen in den Kirchengemeinden.

Werden Online-Proben getestet? Oder werden andere Formate ausprobiert, beispielsweise mit reduzierter Teilnehmerzahl?

Knörr: Online-Proben, Proben mit verminderter Teilnehmerzahl in mehreren Gruppen den entsprechenden Intervallen gemäß - 20 Minuten Probe, dann 10 Minuten lüften, meist im Sommerhalbjahr 2020 - bis hin zu Proben mit einzelnen Sängerinnen und Sängern, all das wurde erprobt. Online-Proben stellen sich wegen der Technik bei der Einstudierung von Stücken als nicht einfach heraus, bis dahin, dass nicht jeder Sänger und jede Sängerin mangels notwendiger Ausrüstung daran teilnehmen kann.

Die gemeinsamen Proben mit verminderter Teilnehmerzahl - Chorprobe auf drei oder vier Mal - waren im Laienbereich erschwert durch die geforderten Abstände zueinander im Raum. Alle Angebote wurden aber gerne angenommen, weil man dann wieder singen und sich zumindest begegnen konnte.

Welche Auswirkungen hat die "Atempause" der Kirchenchöre auf die Zukunft der Chormusik?

Knörr: Die "Atempause" wird in der Chorlandschaft sicher Veränderungen bringen. Die Kirchenchöre werden durchschnittlich eher von älteren Menschen besucht, die sich dann nicht mehr zu kommen trauen oder die Zäsur nutzen, um mit dem Chorsingen aufzuhören. Die Chormusik hat bestimmt eine Zukunft, da es immer Menschen geben wird, die gerne in Gemeinschaft singen.

Ein Neuaufbau wird sicher nötig werden von der Größe der Chöre her, wie auch von der stimmlichen Seite und der Wiedergewinnung des Chorklangs. Meine Hoffnung ist, dass sich die Tradition einer wöchentlichen Chorprobe weiterführen lässt, in der ein Chor an den einstudierten Stücken kontinuierlich wächst und sich klanglich und musikalisch entwickeln kann. Es kann aber auch sein, dass projektbezogene Proben und Aufführungen ein Erfolgsmodell der Zukunft sind.

Wie geht es den Kirchen-Gemeinden finanziell durch wegbrechende kulturelle Angebote wie Konzerte, Kunst und Literatur?

Knörr: Momentan finden die Konzerte nicht statt, zum Teil können anfallende Ausfallhonorare (bei Vorliegen von Verträgen) aufgefangen werden. Durch wegbrechende Kirchensteuereinnahmen werden im Lauf der kommenden Jahre sicher auch die Zuschüsse für Konzerte und kirchenmusikalische Veranstaltungen durch die Landeskirche geringer werden, die Kantorinnen und Kantoren mehr darauf angewiesen sein, Sponsoren für die Aufführungen der großen Werke in der Kirchenmusik zu finden.

Die Bedeutung der Kirchenmusik für unsere evangelische Kirche wird kirchenleitend sehr wohl gesehen und sie wird daher ideell und finanziell den aktuellen Möglichkeiten entsprechend unterstützt.

Zusammen mit Wolfgang Ablinger-Sperrhacke, Kevin Conners und Christian Gerhaher hat Chorleiter und Konzertorganist Hansjörg Albrecht die Initiative "Aufstehen für die Kunst" gegründet und beim Bayerischen Verwaltungsgerichtshof die Rechtmäßigkeit der Schließung aller Opern und Konzerthäuser zur Bekämpfung der Pandemie überprüfen zu lassen. Teilen Sie die Anliegen dieser Initiative?

Knörr: Initiativen, die darauf aufmerksam machen, dass der Mensch an sich für seine Seele die schönen Dinge wie Konzerte, Opern, Theaterbesuche etc. zum Leben und Überleben braucht, kann man nur unterstützen. Man muss dabei auch an die Künstlerinnen und Künstler denken, die nicht auftreten können und damit zum einen kein Geld verdienen, aber zum anderen innerlich leiden, da die Kunstausübung zusammen mit dem Kontakt zum Publikum einen wichtigen Teil der Künstlerpersönlichkeit an sich ausmacht.

Das konnte man besonders erleben bei den Künstlergesprächen und auch Auftritten im Rahmen der diesjährigen ION in Nürnberg, wo in kurzer Zeit ein mediales Programm erstellt und präsentiert wurde. Ausübung und Hören, Erleben von Kunst und Musik, ob im Gotteshaus oder im Konzertsaal, sind gute Gaben Gottes, deren Verlust dem Menschen nicht gut tut.

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