24.02.2018
Biblische Erzählfiguren

Wie Egli-Figuren Therapien und Bildung unterstützen

Die Figuren fallen auf, weil sie auf den ersten Blick den Betrachter irritieren: Sie haben kein Gesicht. Dennoch lässt sich mit den biegsamen und selbst gemachten Figuren vieles darstellen. Egli-Figuren werden in der Therapie eingesetzt, in der Seelsorge, der Erwachsenenbildung und der christlichen Erziehung allgemein.
Mit den Egli-Figuren werden biblische Geschichten nachgestellt.
Kein Gesicht, dafür Raum zum interpretieren: Hier wenden sich zwei Zecher vom verlorenen Sohn ab.

 

Ein winziger Holztisch, zwei kleine Tonbecher sind umgefallen, einer sitzt am Tisch, die Hand aufgestützt, zwei andere haben sich abgewandt und gehen. Mit den stabilen Bleifüßen, dem einfarbigen Gewand über einem biegsamen Gestell halten sie eine Szene fest, die den Betrachter grübeln lässt.

"Ja, gehen Sie ruhig genau hin", ermuntert die Kursleiterin Lydia Heyn. Sie entwirft und arbeitet seit 20 Jahren mit den Figuren aus Draht-Silal-Gestell. Die Kleidung lässt sie in Kursen die Teilnehmer selbst nähen. Jetzt fragt sie schlicht: "… und, was sehen Sie?"

Egli-Figuren haben kein Gesicht

Die einfache Frage lässt das Gehirn des Betrachters rattern, denn die Antwort ist kompliziert. Was wird hier dargestellt? Wie ist die Körperhaltung? Und warum hat keine der Figuren ein Gesicht?

Das Ohne-Gesicht ist Absicht. Egli-Figuren haben keine Augen und sehen uns doch an. Sie haben keinen Mund und trotzdem viel zu erzählen. Sie sprechen durch ihre Gestik, ihre Bewegung und nehmen uns mit hinein in ihre Zeit und ihre Geschichte", so Lydia Heyn.

Auch für Krippendarstellungen

"Hätte ich eine lächelnde Figur und möchte etwas Trauriges darstellen, geht das nicht", ergänzt Anke Heinz. Sie ist Grundschullehrerin und braucht für ihre Kinder zwei, drei weitere Egli-Figuren. Einen Nikolaus diesmal. Nebenan summt eine Nähmaschine, dort entsteht ein Jesuskind. Egli-Figuren werden auch gerne für Krippendarstellungen verwendet.

So haben die Figuren auch angefangen. Doris Egli kommt aus der Schweiz und hat ursprünglich mit ihrem Mann bewegliche Figuren geschaffen, um ihrer Familie biblische Geschichten zu erzählen und figürlich besser nahebringen zu können. Sie entwickelte die Figuren weiter und erweckte schnell Interesse. Seit 1984 gibt es den Arbeitskreis Egli-Figuren, der inzwischen ein eigener Verein ist. Es gibt etliche autorisierte Kursleiter, für die Region Ostbayern sind es Inge Frank und die Erzieherin Lydia Heyn.

Egli-Figuren werden in Kursen selbst genäht.
Egli-Figuren werden in Kursen selbst genäht.

 

Ein biegsames Sisalgestell gibt der Figur ihre Grundstruktur. Am Gestell sind auch die Bleifüße und die beweglichen Hände angebracht. Die Bleifüße sorgen für einen festen Stand, auch auf einem Bein.

Die Wahl der Figuren-Bekleidung steht dem "Schöpfer" einer Figur frei. Soll die Figur zur Erarbeitung biblischer Geschichten eingesetzt werden, so würde man auf einfache Stoffe und Muster zurückgreifen, die der Bekleidung zu dieser Zeit und an diesen Orten am ehesten entsprechen.

Kunsthandwerklicher Prozess

Der Kopf wird zugeschnitten, geschliffen und modelliert. Das Sisalgestell wird umwickelt, um deutlichere Körperkonturen zu erhalten, und der genähte, gestopfte Körper vollendet den Rohbau der Figur. In einem längeren kunsthandwerklichen Prozess mit Anforderungen an Grundkenntnisse im Nähen wird die Figur mit hautähnlichem Stoff überzogen und erhält Haar aus Fellperücken. Zum Schluss kommen Hemden, Kleider und Tücher nach Farbvorstellung der Teilnehmer und der Zeit, die sie damit ausdrücken wollen. Zu biblischen Zeiten sind das eher einfache Stoffe.

"Nein, die Beine sind mir zu klobig", kritisiert Lydia Heyn, was ein Aufstöhnen einer Teilnehmerin zur Folge hat. Also noch mal die eng genähte Kleidung hinunterzuppeln und nachwickeln. "Die Figur soll uns doch auch morgen noch gefallen", setzt die Kursleiterin hinzu. Der Nikolaus und das Jesuskind werden ihre Verwendung finden, so viel ist sicher. Auch wenn sie keine Augen haben.

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