Im Weißen Schloss in Heroldsberg wird ein Künstler neu in Erinnerung gerufen, der lange im Schatten kunsthistorischer „großer Namen“ stand: Fritz Griebel. Anlässlich seines 50. Todestages am 29. September widmet ihm das Weiße Schloss Heroldsberg die Sonderausstellung „Ein Meister der Farbe im Gedächtnis der Region“.
Kuratiert und kenntnisreich erläutert wird sie von dem Nürnberger Kunsthistoriker Alexander Racz, der in seiner Führung nicht nur Werke erklärt, sondern auch die biografischen und geistigen Wurzeln des Künstlers freilegt.
Eine dieser Wurzeln liegt unmittelbar hinter der Heroldsberger Kirche: im alten Pfarrhaus. Hier wuchs Fritz Griebel auf, nachdem sein Vater 1899 die Pfarrstelle übernommen hatte. Das Umfeld war prägend. Kindheit, Jugend und frühes Erwachsenenalter verbrachte Griebel in einem Milieu, das vom evangelischen Glauben durchdrungen war. Racz betont, wie wichtig diese Jahre für das künstlerische Selbstverständnis waren. Griebel sei "sehr gläubig" gewesen, habe sich intensiv mit christlicher Symbolik beschäftigt und diese immer wieder in seine Kunst übersetzt.
Besonders deutlich wird das in seinen Scherenschnitten. Serien wie "Zeichen der Christenheit" oder die Publikation "Gottesgarten" greifen Motive der frühchristlichen und spätantiken Bildsprache auf: Fisch, Kelch, Taube, Alpha und Omega. Doch Griebel kopiert nicht – er ordnet neu, reduziert, abstrahiert. Die religiösen Zeichen werden zu zeitlosen Bildformeln, die seine tiefe Verwurzelung im Glauben erkennen lassen, ohne ins rein Illustrative abzugleiten.
Auch ein Porträt seines Vaters verweist auf diese Herkunft. Es zeigt den Pfarrer in klassischer Haltung, beinahe archetypisch – ein Bild, das, so Racz, bewusst an ältere Darstellungsweisen anknüpft. Hier wird nicht nur eine Person porträtiert, sondern ein geistliches Amt, eine Lebenshaltung. Griebel bleibt diesem Hintergrund zeitlebens verbunden, auch wenn seine Kunst thematisch weit darüber hinausgeht.
Denn sein Werk ist erstaunlich vielseitig. Die Ausstellung zeigt eine große Spannbreite: von frühen, noch expressionistisch geprägten Porträts – etwa ein Selbstbildnis von 1924 mit pastosem Farbauftrag – bis hin zu späteren, ruhigeren Kompositionen. Auffällig ist immer wieder die Konzentration auf den Menschen. Für Griebel bedeutet Menschsein vor allem Harmonie: ein Einklang mit sich selbst und mit der Natur, oft dargestellt in arkadisch anmutenden Szenen.
Ein Beispiel ist das Gemälde "Nackte an der Treppe", das eine Szene im Heroldsberger Schlossbad zeigt. Die Figuren wirken entrückt, fast zeitlos, eingebettet in eine helle, offene Komposition. Racz verweist hier auf Einflüsse der französischen Moderne – etwa von Cézanne –, die Griebel während seiner Studien- und Reisejahre aufgenommen hat. Tatsächlich führten ihn seine Wege nach Berlin, wo er in den "wilden Zwanzigern" studierte, sowie nach Paris und Italien. Doch trotz dieser internationalen Impulse blieb Heroldsberg stets ein Bezugspunkt.
Das zeigt sich auch in zahlreichen Ortsansichten. Ein Aquarell etwa stellt einen Bauern mit Pferdegespann auf dem Weg zur Kirche dar – eine Szene, die nachweislich auf einer Fotografie basiert. Hier wird deutlich, wie offen Griebel für verschiedene Vorlagen arbeitete. Er kombinierte Beobachtung, fotografische Referenz und malerische Interpretation zu eigenständigen Bildern.
Fritz Griebels Schwester Käthe war Katechetin. "Sie hat in Heroldsberg Generationen von Schülern in Religion unterrichtet. Mich auch", erinnert sich Eberhard Brunel-Geuder, Leiter des Museums Weißes Schloss. Die Frau sein eine Autorität im Ort gewesen und habe sich für die Einführung des Kindergottesdienstes eingesetzt. Von ihrem Vater, Pfarrer Griebel, habe sie wohl auch die Liebe zur Ort- und Heimatgeschichte übernommen und Forschungen betrieben.
Stilwandel im Laufe des Lebens
Fritz Griebels Stil wandelte sich im Laufe der Jahre deutlich. Während frühe Arbeiten noch von kräftigen Pinselstrichen und experimentellen Techniken geprägt sind, wird die Malweise später klarer, strukturierter. Farben werden differenzierter eingesetzt, Formen gewinnen an Ruhe. Auch Selbstporträts spiegeln diese Entwicklung: vom selbstbewussten jungen Künstler bis hin zum nachdenklichen Mann der Nachkriegszeit, gezeichnet von den Erfahrungen zweier Weltkriege – nicht zuletzt dem frühen Tod seines Bruders im Ersten Weltkrieg.
Neben der freien Malerei arbeitete Griebel in zahlreichen weiteren Gattungen: Druckgrafik, Lithografie, Holzschnitt, Porzellangestaltung. In der Ausstellung sind bemalte Porzellanobjekte zu sehen, deren Motive an seine Scherenschnitte erinnern – ein weiteres Beispiel für die Durchlässigkeit seiner künstlerischen Praxis.
Auch institutionell hinterließ Griebel Spuren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er zu einer prägenden Figur der Kunstlandschaft in Nürnberg. Von 1946 bis 1966 lehrte er an der Akademie der Bildenden Künste, von 1948 bis 1957 war er deren erster Direktor nach dem Krieg. In dieser Funktion initiierte er unter anderem den Neubau der Akademie am Tiergarten und prägte eine ganze Generation von Künstlerinnen und Künstlern.
Und doch: In der großen kunsthistorischen Erzählung des 20. Jahrhunderts blieb seine Generation oft unterbelichtet – jene Künstler, deren Schaffen durch die Weltkriege unterbrochen wurde und die sich stilistisch nicht eindeutig zuordnen lassen. Die Ausstellung im Weißen Schloss setzt hier bewusst einen Kontrapunkt. Sie zeigt Griebel als eigenständige Position, als Künstler zwischen Tradition und Moderne, zwischen regionaler Verwurzelung und internationaler Offenheit.
Wie wichtig waren das Pfarrhaus, der Glaube, der Ort Heroldsberg für diesen Künstler? Die Antwort scheint in den Bildern selbst zu liegen. Griebel hat seine Herkunft nie hinter sich gelassen – er hat sie verwandelt. In Formen, Farben und Motiven, die weit über das Lokale hinausweisen und doch dort ihren Ursprung haben.
Die Ausstellung "Ein Meister der Farbe im Gedächtnis der Region" ist noch bis zum 4. Oktober im Weißen Schloss Heroldsberg zu sehen.