Stillen zwischen Achterbahn, Bierzelten und Tracht? Genau da gehört es hin, findet die Initiative "Ich still, wo ich will". Am Montag, 21. September, werden auf dem Oktoberfest stillende Mütter fotografiert. Die Aktion will zeigen: Ein Baby zu stillen ist nichts, wofür sich jemand verstecken muss.

Ein Baby hat Hunger. Also wird es gefüttert, eigentlich ziemlich logisch und simpel. Und trotzdem ist Stillen in der Öffentlichkeit für viele Mütter noch immer mit Unsicherheit, Scham oder der Sorge vor komischen Blicken oder gar Sprüchen verbunden.

Genau das möchte die Initiative "Ich still, wo ich will" verändern. Seit 2025 organisieren die Initiatorinnen Fotoaktionen, bei denen stillende Mütter und ihre Babys ganz selbstverständlich dort fotografiert werden, wo das Leben eben stattfindet: im Café, auf der Straße, im Museum und jetzt auch auf dem Oktoberfest. Inzwischen gibt es die Bewegung in mehr als 60 Städten.

Die Idee hinter den Fotos ist dabei mehr als ein Mutter-Kind-Bild. Es geht um Sichtbarkeit und Normalisierung. Denn wer öffentlich stillende Menschen kaum zu Gesicht bekommt, kann das Stillen auch als etwas Besonderes, Intimes oder gar Unpassendes wahrnehmen.

Warum Stillen in der Öffentlichkeit noch immer Thema ist

Eine deutsche Studie zum öffentlichen Stillen zeigt: Zwei Drittel der Bevölkerung waren grundsätzlich der Meinung, dass Mütter ihre Babys immer und überall stillen dürfen. Gleichzeitig hatte etwa die Hälfte der Befragten innerhalb eines Jahres überhaupt keine stillende Frau in der Öffentlichkeit gesehen. Von den Müttern, die öffentlich stillten, gab fast die Hälfte an, das Stillen unterwegs zumindest gelegentlich zu vermeiden.

Das kann einen ganz praktischen Unterschied machen: Wenn Stillen unterwegs unangenehm wird, kann ein Ausflug plötzlich zur logistischen Herausforderung werden. Wo kann ich stillen? Was mache ich, wenn ich keinen privaten Ort finde? Ist es hier okay? Gucken die Leute? Muss ich mich irgendwo hinsetzen, wo mich niemand sieht? Und dann landet die stillende Mutter im Zweifel eben doch auf der eventuell schmuddeligen Toilette. Dabei muss ein Baby nicht auf die Toilette, um gefüttert zu werden. Und seine Mutter muss sich dafür auch nicht aus einer gesellschaftlichen Situation zurückziehen.

Die Nationale Stillkommission formuliert es entsprechend deutlich: Stillen soll auch in der Öffentlichkeit möglich sein und zwar unabhängig davon, ob gerade ein Café, eine Parkbank oder der öffentliche Nahverkehr der Ort des Geschehens ist. Auch die Bundesregierung nennt ein stillfreundliches Umfeld und eine höhere Akzeptanz des Stillens in der Öffentlichkeit als Ziele der Nationalen Strategie zur Stillförderung.

Ein Grund, warum öffentliches Stillen immer wieder für Diskussionen sorgt, ist die weibliche Brust. Sie wird gesellschaftlich häufig sexualisiert auch dann, wenn sie gerade schlicht eine biologische Funktion erfüllt: ein Baby zu ernähren.

Die Initiative "Ich still, wo ich will" möchte genau diese Perspektive verschieben. Stillende Menschen sollen nicht das Gefühl bekommen, ihren Körper verstecken oder möglichst viel abdecken zu müssen, damit sich andere nicht gestört fühlen. Sichtbarkeit kann dabei helfen, Stillen als das wahrzunehmen, was es ist: eine alltägliche Form der Versorgung eines Kindes.

Das bedeutet nicht, dass jede stillende Person öffentlich stillen möchte. Manche wünschen sich Ruhe oder Privatsphäre, andere fühlen sich mit einem Tuch wohler, wieder andere stillen ganz selbstverständlich mitten im Trubel. Selbstbestimmung bedeutet genau das: selbst entscheiden zu können.

Und deshalb passt die Aktion auch ziemlich gut auf die Wiesn. Das Oktoberfest ist schließlich ein Ort, an dem Menschen essen, trinken, feiern, tanzen und sich öffentlich bewegen. Warum sollte ausgerechnet das Füttern eines Babys dabei unsichtbar werden müssen?

So könnt ihr bei der Fotoaktion mitmachen

Am Montag, 21. September, gibt es deshalb eine Fotoaktion von "Ich still, wo ich will" auf dem Oktoberfest. Eine Fotografin begleitet die Aktion und fotografiert stillende Mütter mit ihren Babys auf der Wiesn.

Wer dabei sein möchte, kann sich über den Instagram-Account @ichstillwoichwill melden – per Nachricht oder Kommentar. Die genauen Informationen zu Treffpunkt und Uhrzeit werden anschließend direkt im Chat mit den Teilnehmerinnen geklärt.

Wer mit Baby oder Kleinkind aufs Oktoberfest möchte, kann einige Angebote nutzen. Das Familien-Platzl in der Wiesn-Straße 3, Ost bietet etwas Abstand vom größten Gedränge und unter anderem Wickelmöglichkeiten, Kinder-WCs, eine Kinderwagenparkgarage und eine Mikrowelle zum Erwärmen von Essen oder Babynahrung.

Außerdem gibt es im Servicezentrum Theresienwiese einen Wickel- und Stillraum. Auch dort können Eltern mit ihrem Baby eine ruhigere Umgebung nutzen und es sich auf Sesseln zum Stillen gemütlich machen.

Für Kinderwagen gelten allerdings besondere Regeln: Sonntags bis freitags sind Kinderwagen und Buggys bis 18 Uhr erlaubt, sofern die Wiesn nicht überfüllt ist. An Samstagen sowie am 3. Oktober dürfen sie gar nicht mit auf das Festgelände. Kindertragen sind dagegen erlaubt.

Auch die Uhrzeit kann einen Unterschied machen: Unter der Woche und insbesondere tagsüber ist die Wiesn für Familien meist deutlich angenehmer als zu den besonders vollen Zeiten. Kinder unter sechs Jahren dürfen sich außerdem ab 20 Uhr nicht mehr in den Bierzelten aufhalten.

Trotzdem muss niemand ins Stillzimmer

Trotz aller Angebote bleibt natürlich die Frage: Ist die Wiesn überhaupt der richtige Ort für mein Kind? Zwischen Fahrgeschäften, Musik, Menschenmassen und Lautstärke kann es gerade für Babys und kleine Kinder schnell zu viel werden. Eltern dürfen deshalb genauso selbst entscheiden, wann ihnen und ihrem Kind der Trubel guttut.

Still- und Wickelräume auf der Wiesn sind eine gute Sache. Sie schaffen einen geschützten Ort, wenn Eltern genau das möchten. Aber sie sollten nicht zur unausgesprochenen Pflicht werden.

Eine Mutter sollte ihr Baby nicht erst durch das halbe Oktoberfest tragen müssen, um einen Ort zu finden, an dem Stillen "okay" ist. Sie sollte genauso auf einer Bank, im Biergarten, vor einem Fahrgeschäft oder irgendwo sonst auf dem Gelände stillen können.

Denn genau darum geht es bei #IchStillWoIchWill: Nicht darum, dass alle öffentlich stillen müssen. Sondern darum, dass niemand sich dafür verstecken muss.