Wo sonst vielleicht über Kirchensteuern oder Verwaltung debattiert wird, stehen hier Gemeinschaft, Handwerk und eine ordentliche Portion Kreativität im Vordergrund. Was 2019 als humorvolles Missverständnis im Pfarrgarten begann, hat sich zu einer ernsthaften Leidenschaft entwickelt. Stefan Schneider, der in der Gemeinde auch als Prädikant tätig ist, und Torsten Jakob sind die treibenden Kräfte hinter den Sudkesseln.
Doch wer hier an bloße Hobby-Panscherei denkt, weit gefehlt. Die beiden haben ihr Handwerk von der Pike auf gelernt. "Ich habe erst hobbymäßig angefangen, dann eine Ausbildung zum Hausbrauer bei der IHK gemacht, zusammen mit Torsten", berichtet Stefan Schneider stolz über seinen Werdegang.
Vom Hobbybrauer zum Biersommelier
Damit nicht genug: Es folgten Ausbildungen zum Bierbotschafter und schließlich zum zertifizierten Biersommelier. Seit zwei Jahren tragen die beiden diesen Titel offiziell und bringen dieses Expertenwissen direkt in die Gemeinde ein.
"Das Invest in den Biersommelier war jetzt eher nicht von der Gemeinde getrieben, aber es hat persönlich echt Spaß gemacht", erinnert sich Schneider. Ohne den Anstoß durch den Hopfenanbau im Pfarrgarten wäre er heute vermutlich kein Biersommelier.
Ein Bier für das Zusammenwachsen
Das Brau-Event hat längst die Grenzen der eigenen Gemeinde überschritten. Besonders die Kooperation mit der benachbarten Kirchengemeinde St. Matthäus sorgt für kreative Wortneuschöpfungen und geschmackliche Highlights.
In Zeiten, in denen Gemeinden enger zusammenrücken müssen, hat man in Erlangen einen besonders schmackhaften Weg der Annäherung gefunden: das "Kollaborationsbier".
"Wir haben das Brauen diesem Zusammenwachsen widmen wollen", erklärt Pfarrerin Regine Fröhlich den Hintergrund der Zusammenarbeit. Da das Zusammenwachsen von Gemeinden mal leicht und mal schwer sein kann, entschied man sich für ein Projekt, das Freude bereitet.
Das Ergebnis des ersten gemeinsamen Suds war das "Tomato" – ein Name, der sich aus "Thomas" und "Matthäus" zusammensetzt. Passenderweise handelte es sich dabei um ein festliches Rotbier. Die Erfolgsserie setzte sich im letzten Jahr mit dem "Tomator" fort, einem kräftigen roten Doppelbock. In der Brauwelt ist die Endung "-or" (wie beim berühmten Salvator) traditionell ein Hinweis auf einen Doppelbock.
Für das aktuelle Jahr ist ein "Tomatus" in Planung, ein roter Weizen-Doppelbock. Die Endung "-us" signalisiert hierbei den Weizen-Stil.
Wenn das Gesangbuch Pause macht
Doch die Gemeinschaft macht nicht an den Grenzen der evangelischen Kirche halt. Auch die katholischen Geschwister der Nachbargemeinde St. Sebald sind fester Bestandteil des Events.
Beim gemeinsamen Brauen und dem anschließenden Verkosten werde das Gesangbuch auch mal beiseitegelegt, heißt es scherzhaft. Es ist ein "gemeindeübergreifendes und ökumenisches" Ereignis, das Menschen ohne große Hürden zusammenbringt.
Vom Malz bis zum fertigen Bier
So ein Brautag ist ein echtes Ganztages-Event. "Es dauert nun mal von früh bis abends", so die Brauer.
Der Prozess ist handwerklich anspruchsvoll: Es beginnt beim Schroten des Malzes und der Ernte des frischen Hopfens direkt aus dem Pfarrgarten. Neun verschiedene Hopfensorten wachsen dort mittlerweile. Dann folgen das Einmaischen, das Hopfenkochen und schließlich das Abfüllen in das Gärfass. Der Innenhof der Gemeinde wird dabei zum lebendigen Treffpunkt.
"Es kommen Leute, gehen wieder, gucken, wie der Status ist. Man redet miteinander, man isst was und am Abend wird gegrillt", beschreibt Stefan Schneider die Atmosphäre.
Während einige Teilnehmer von morgens bis abends voll dabei sind, kommen andere nur auf eine "Stippvisite" vorbei, um zuzuschauen.
Am Ende eines solchen Tages kommen pro Sud etwa 20 bis 25 Liter Bier heraus. Bei rund zehn Braugängen im Jahr ergibt das eine stolze Ernte von etwa 250 Litern – genug für rund 500 Halbe.
Ist Bierbrauen eine Form von Spiritualität?
Für Pfarrerin Regine Fröhlich ist das Brauen ein Zeichen für eine sich wandelnde Kirche. Auch wenn es am Brautag selbst keine offiziellen Andachten über die "Spiritualität des Brauens" gibt, so sieht sie doch Parallelen zu meditativen Praktiken wie Zen-Buddhismus.
Es geht um die Hingabe an eine Tätigkeit und das gemeinschaftliche Erleben. Das Brau-Event ist ein "niederschwelliger Zugang", um mit kirchlichem Leben in Kontakt zu kommen. Und die Ideen gehen der Gemeinde nicht aus.
Die Idee von der eigenen Braukirche
Im Kirchenvorstand wurde sogar schon über das Konzept einer "Braukirche" nachgedacht. Die Räumlichkeiten im Gemeindezentrum wären theoretisch vorhanden, um eine kleine Brauerei fest zu integrieren.
Auch das Format "Bier und Segen" – ein gemütliches Beisammensein mit einer kleinen Andacht und selbstgebrautem Bier – steht als Idee im Raum.
"Wir suchen nach Möglichkeiten, unser Gemeindeleben zu beleben und Leute zu gewinnen", erklärt Fröhlich. Das Brauen ist dabei kein Selbstzweck, sondern ein Ausdruck von Lebensfreude und Gemeinschaft. Kommerzialisiert wird das Bier übrigens nicht: Es wird ausschließlich getrunken, verkostet und verschenkt – ganz im Sinne des gemeinschaftlichen Geists.