Zwei Jahre lang hat Judith Hermann ihren Psychotherapeuten nicht mehr gesehen. Dann steht er plötzlich vor ihr, ausgerechnet in einem Berliner Späti. Sie erkennt ihn sofort, er sie jedoch erst einmal nicht.

Früher saß sie ihm regelmäßig gegenüber und erzählte. Nun begegnen sich zwei Menschen, deren Beziehung einmal davon lebte, dass die eine sprach und der andere zuhörte. Hermann könnte ihn ansprechen, tut es jedoch nicht. Warum nicht, bleibt offen.

Diese kleine Szene führt mitten in "Wir hätten uns alles gesagt", in dem es um Freunde, Familie und die Kindheit der mittlerweile gefeierten Autorin in West-Berlin geht. Der Vater war psychisch krank und die familiären Verhältnisse eher unkonventionell. Jahrzehntelang hat die Schriftstellerin über ihr Privatleben geschwiegen. Nun öffnet sie die Tür – allerdings nur einen Spaltbreit.

Ihr Roman geht auf drei Poetikvorlesungen zurück, die Hermann im Jahr 2022 an der Goethe-Universität in Frankfurt am Main hielt. Dabei hält sie jedoch keine Vorlesung über Schreibtechnik, sondern macht eine Erzählung daraus.

Erinnerung ist keine feste Wahrheit

So tauchen Erinnerungen auf und verändern sich beim Erzählen. Menschen aus ihrem Leben werden zu Figuren, Wirkliches gerät neben Erfundenes. Zwar weist Judith Hermann darauf hin, dass die Ich-Erzählerin ihres Buches nicht einfach mit ihr gleichgesetzt werden darf, und doch erzählt sie sehr persönlich.

Dabei fragt sie, wie zuverlässig Erinnerung ist. Denn manchmal bleiben von zehn Jahren nur drei Szenen übrig, von Jahren oder Jahrzehnten nur wenige Sätze, manchmal nur ein Wort. Beim Schreiben gewichten wir neu, lassen weg oder ergänzen – ein spannendes Spiel.

Bei Hermann bekommt die Frage nach dem Erinnern und Schreiben eine weibliche Perspektive. Sie blickt auf Beziehungen, Familie und Abhängigkeiten zurück, ohne daraus eine Lebensbeichte zu machen. Sie bestimmt, was sichtbar werden darf, was Teil der eigenen Geschichte bleibt – und was eben auch nicht.

Die Kunst der Leerstellen

Besonders eindrücklich sind die Freundschaften mit Frauen. Da ist etwa Ada, eine Freundin aus früheren Jahren, deren Anziehungskraft sie so beschreibt, dass man sie unmittelbar versteht.

Ada und die anderen Begegnungen machen dieses Buch trotz seiner äußerlich unspektakulären Handlung spannend – auch für Männer. Manchmal hält Hermann Informationen zurück, deutet Zusammenhänge an und bricht dann doch überraschend ab. So beginnen wir als Leserinnen und Leser, die Leerstellen selbst zu füllen.

Natürlich kann das seltsam wirken. Wer Judith Hermann bereits für eine Meisterin des bedeutungsvollen Schweigens hielt, wird sich bestätigt fühlen. Wer ihre Literatur zu unspektakulär findet, dürfte auch diesmal ungeduldig werden.

Ein Buch auch für Menschen, die selbst schreiben

Und wer sie nicht kennt? Judith Hermann wurde 1970 in West-Berlin geboren. Mit "Sommerhaus, später" gelang ihr im Jahr 1998 eines der meistbeachteten deutschsprachigen Debüts ihrer Generation. Es folgten unter anderem "Nichts als Gespenster", "Alice", "Aller Liebe Anfang" und "Daheim". Seitdem wurde sie vielfach ausgezeichnet.

Ihr Stil ist auch in "Wir hätten uns alles gesagt" unverkennbar: ruhig, präzise und tastend. Ich würde es deshalb auch Menschen empfehlen, die mit Poetikvorlesungen normalerweise wenig anfangen können. Denn das Buch geht weit darüber hinaus und ist vor allem für Menschen, die selbst gern schreiben, eine Inspiration.

Judith Hermann erzählt erstaunlich viel von sich. Dass sie uns trotzdem nicht alles sagt, ist keine Schwäche des Buches, sondern das eigentlich Faszinierende.

Judith Hermann: Wir hätten uns alles gesagt. Vom Schweigen und Verschweigen im Schreiben, 2024, Frankfurt am Main: S. Fischer Verlag, 192 Seiten, 15 Euro.

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