Mut – ja, das könnte man zum Wort des Jahres küren. Nicht weil es überall zu hören ist, sondern weil es wie ein stummer Imperativ über allem liegt: über der Bundeswehr, über der Wehrdienst-Diskussion. Ein Feature zur Geschichte des Begriffes, dessen Bedeutung sich ändert.
Wir leben im Comeback einer sehr alten Tugend. Aktuell zeigt sich das im Streit um das neue Wehrdienstgesetz. Die Bundeswehr braucht dringend Personal. Die Frage ist nur: Lässt sich der Bedarf über Freiwilligkeit decken – oder braucht es eine verpflichtende Einberufung, etwa per Losverfahren?
Zeitenwende und Wehrpflicht: Wenn Demokratien wieder kämpfen müssen
Die einen sprechen von Bürgerpflicht statt "Wischiwaschi-Wehrpflicht", wie Markus Söder die Position der Freiwilligenbefürworter in der Bild am Sonntag verspottete. Die anderen warnen vor Zwang und setzen auf freiwilliges Engagement. Der Anlass für die hitzige Debatte: eine Bedrohungslage in Europa, wie sie lange nicht mehr existierte. Multiple Krisen, autoritärer Rechtsdruck, der wie eine weltweite Flut über Demokratien schwappt.
Die Zange schließt sich: von innen, wo die politische Mitte unter Druck gerät und von außen, wo Regime wie Russland mit Panzern, Drohnen und Propaganda zugleich angreifen. Die bequemen Jahrzehnte der Friedensdividende scheinen vorbei.
Bürgerinnen und Bürger sollen wieder verteidigen, wofür sie lange nicht kämpfen mussten: Souveränität, die demokratische Ordnung und für Freiheit. Spätestens seit Olaf Scholz' "Zeitenwende"-Rede wird um die Wiedereinführung der Wehrpflicht gerungen.
Es geht um Reaktionsfähigkeit: auf die veränderte Bedrohungslage in Europa, auf die tektonische Verschiebung bei Partnern wie den USA, auf eine Welt, in der Verlässlichkeit keine Konstante mehr ist.
Das Soldatenparadigma: Warum "tapfere Soldaten" nicht mehr ziehen
Mit der Debatte um die Wehrpflicht kehren auch alte Begriffe zurück. Bürgerpflicht, Verantwortung, Belastbarkeit – und Mut. Vor allem Mut. "Tapfere Soldaten braucht das Land" – die Formel klingt wie aus einer anderen Zeit, doch sie ist zurück. Doch was meinen wir eigentlich damit? Taugt diese Vorstellung noch für das, was heute von uns verlangt wird?
Die Formel vom "tapferen Soldaten" ist nicht nur sprachlich veraltet – sie ist auch geschlechtlich codiert. Gleichwohl bleibt die vielleicht gebräuchlichste Tugendvokabel – Mut – nach wie vor zentral, wenn es um den Schutz demokratischer Werte geht.
Geschlechterstereotype: Mut ist männlich codiert
Zunächst zu den Geschlechterstereotypen: Die Theologin Irmtraud Fischer zeigt in ihrer Forschung zum alttestamentlichen Buch Judit, wie stark unsere Vorstellungen von Mut, Tapferkeit und Widerstandskraft männlich geprägt sind. Männer gelten als mutig, wenn sie aktiv handeln – als Retter, Gestalter, Macher in Krisen und Konflikten.
Frauen dagegen gelten als tapfer, wenn sie erleiden, ertragen und durchhalten. Durchsetzungskraft auf der einen, Leidensfähigkeit auf der anderen Seite. Fischer macht damit deutlich, wie antike Muster auch spätere religiöse und kulturelle Vorstellungen prägen und wie tief solche Stereotype selbst in biblischen Texten und ihrer Auslegung verankert sind.
Wenn heute auch Frauen zum Wehrdienst zugelassen sind – bislang freiwillig –, wirft das die Frage auf: Ist Mut überhaupt noch anschlussfähig mit seiner kämpferisch-männlichen Konnotation?
Das Dilemma: Mut wird gefordert, lässt sich aber nicht mobilisieren
Hier setzt die Philosophin Pauline Sabrier von der American University of Paris an. In ihrer Forschung zur Tugend Mut untersucht sie die schwierige Erneuerung dieser abgenutzten militärischen Kategorie. Ihre These: In entmilitarisierten Gesellschaften findet das traditionelle Bild des "mutigen Soldaten" kaum noch Resonanz.
Der Grund: seine Koppelung an Gewalt und ein spezifisches Bild von Männlichkeit. Sabrier nennt dies das "Soldatenparadigma" – die Vorstellung, Mut lasse sich als Ganzes am Soldaten ablesen, auch jener Mut, der heute notwendig wäre.
Das Dilemma: "Einerseits wird Mut zunehmend gefordert, andererseits lässt er sich immer weniger mobilisieren. Es braucht Mut, um Krieg zu führen, doch gerade wegen seiner Verbindung zum Krieg wird der Mut abgelehnt."
Sabrier argumentiert, dass, auch wenn Soldaten und Soldatinnen wieder stärker ins Bewusstsein rücken, insbesondere jüngere Generationen mit ihnen kein Vorbild verbinden, an dem sich Mut erschließen ließe. Ihrer Beobachtung zufolge wird die Soldatenfigur zunehmend hinterfragt, was auch die Vorstellung von Mut ganz allgemein betrifft.
Ihre These lautet daher, dass es eines neuen Nachdenkens über Mut bedarf, losgelöst vom Soldatenparadigma.
Kritik: Warum die Tugend Konflikte verstärkt statt löst
Als Beispiel für eine grundlegende Kritik verweist Sabrier auf die US-amerikanische Philosophin Amélie Oksenberg-Rortys und ihren Aufsatz "The Two Faces of Courage" (1986). Oksenberg-Rorty warnt darin vor der traditionellen Vorstellung von Mut und seinen militärischen Konnotationen:
"Wer an Überwindung und Kampf festhält, neigt dazu, Situationen als Hindernisse zu sehen, die es zu bekämpfen gilt."
Nach Sabrier liegt die Kritik von Oksenberg-Rorty darin: Mut bricht Erfahrungen in Konfrontation und Opposition auf und übersieht dabei wertvolle Qualitäten wie Kooperation oder die Bereitschaft zum Kompromiss. Mut funktioniert demnach wie ein sich selbst verstärkender Kreislauf: Er ruft neuen Mut hervor, provoziert ihn und führt zugleich zu Konflikten – eine Dynamik, die auch pazifistischen Strömungen vertraut ist. Oksenberg-Rorty nennt das eine "magnetisierende Disposition" – eine Haltung, die Situationen schafft, in denen Mut zum Einsatz kommt.
Platons Warnung: Schon die Antike lehnte das Soldatenparadigma ab
Sabrier geht noch weiter zurück und zeigt: Die Kritik am Soldatenparadigma ist nicht neu. Schon Platon macht im Dialog "Laches" deutlich, dass sich Mut nicht am Soldaten ablesen lässt. Der Dialog beginnt klassisch: Zwei Väter sprechen mit zwei Generälen – Laches und Nikias – über die militärische Erziehung ihrer Söhne. Alle Elemente des traditionellen Mutverständnisses sind versammelt: Männer, Krieg, Kampfkunst. General Laches definiert Mut mit den Worten:
"Wer in Reihe und Glied standhält, die Feinde abwehrt und nicht flieht, der ist tapfer."
Sokrates lehnt diese Vorstellung ab. Er weitet den Blick: Mut zeige sich nicht nur im Fußvolk oder in der Reiterei, sondern auch in Krankheit und Armut, in der Staatsverwaltung, im Widerstand gegen Begierden und Lüste.
Entscheidend ist: Diese Formen des Mutes lassen sich nicht aus dem militärischen Mut ableiten. Sie sind keine Varianten der Soldatentugend, sondern eigenständige Phänomene. Sabrier folgert daraus: Wer Mut am Soldaten abliest, versteht weder den Soldaten noch den Mut als Ganzes. Das Soldatenparadigma führt in die Irre – damals wie heute.
Auf die heutige Wehrdienstdebatte übertragen, zeigt sich: Junge Menschen lassen sich kaum noch über Figuren motivieren, die kaum Identifikationskraft besitzen – etwa den heroischen Soldaten, der sich auf dem Schlachtfeld opfert. Vielversprechender wäre ein neuer Zugang zur Vorstellung von Mut, der nicht militärisch verkürzt wird, sondern Kooperation, Verantwortung und Zivilcourage in den Mittelpunkt stellt. Im Kontext der aktuellen Diskussion um Freiwilligkeit oder Pflichtdienst bei der Bundeswehr eröffnet dies einen möglichen Hebel: einen Imagewechsel, der von innen kommt und Mut als gesamtgesellschaftliche Tugend verhandelt – jenseits alter Soldatenparadigmen.