München (epd). Die Gebäudeplanung der Protestanten im Dekanat München ist fast am Ziel: Mitte Dezember soll die endgültige Entscheidung darüber vorliegen, auf welche Kirchen und Gemeindezentren sich das evangelische Leben der aktuell über 180.000 Lutheraner in der und um die Landeshauptstadt künftig konzentriert. Seit März haben die 62 Gemeinden, aufgeteilt in zehn als "Nachbarschaftsräume" bezeichnete Regionen, in über 30 Workshops darüber beraten.
Zur Debatte stehen insgesamt 220 Gebäude, darunter 77 Kirchen. Durch den dreistufigen Prozess mit Auftakt, Zwischentermin und Abschlusstreffen seien manche Ehren- und Hauptamtliche in ihren jeweiligen Regionen erstmals enger zusammengerückt, berichtet Claudia Häfner. "Das war ein ganz wichtiger Schritt", sagt die für Immobilien zuständige Dekanin. Das sieht auch Stefan Neukamm so, der als Leiter der Immobilienabteilung des Dekanats alle Gebäude kennt: "Dass die Beteiligten miteinander ins Gespräch gekommen sind, ihren Horizont über den eigenen Kirchturm hinaus geweitet haben, das war für mich das Bereichernde."
Gebäude von A bis C
So wie das Dekanat München müssen alle insgesamt 60 Dekanate im evangelischen Bayern bis zum 31. Dezember 2026 ihre Planung für den künftigen Gebäudebedarf beim Landeskirchenamt einreichen. Bislang haben das erst 13 Dekanate gemacht. Vorgesehen sind in dem Gebäudekonzept drei Kategorien: A für die rund 50 Prozent der dauerhaften Standorte, B für jene, die in etwa zehn Jahren ein anderes Finanzierungs- und Nutzungskonzept brauchen, und C für die, bei denen das eigentlich sofort nötig ist.
Hintergrund für die Vorgabe der Kirchenleitung ist das prognostizierte Minus bei Kirchenmitgliedern und Finanzen um jeweils 40 Prozent bis zum Jahr 2035. Die Folge: Das Geld wird nicht mehr für den Unterhalt aller Kirchen, Gemeindezentren und Pfarrhäusern reichen. Und für weniger Christen wird es auch schwieriger, noch alle Gebäude mit Leben zu füllen.
Kooperationen mit der Diakonie
Also müssen, will man die Gebäude erhalten, alternative Finanzierungs- und Nutzungskonzepte her. Im Dekanat München gibt es dafür längst Beispiele: An den Standorten der Jesuskirche Haar und in Lochhausen hat sich die Gesamtkirchengemeinde schon vor Jahren mit der Diakonie München und Oberbayern zusammengetan. Entstanden sind teils gemeinsam genutzte Räume für Kinder mit heilpädagogischem Förderbedarf, beziehungsweise für wohnungslose oder alleinerziehende Mütter.
Die Olympiakirche Moosach arbeitet derzeit mit Quartiersmanagerinnen und zusammen mit der "Stiftung zusammen.tun." sowie der Hans Sauer Stiftung an einem neuen Stadtteilkonzept im Olympischen Dorf. Noch auf der Suche nach Lösungen sind die Nazarethkirche Bogenhausen, wo eine Nachnutzung durch eine orthodoxe Gemeinde zur Diskussion steht, und die Bethanienkirche in Feldmoching. Zwei weitere Kirchen stehen ebenfalls bald für neue Konzepte frei: Am 29. November wird die Jerusalemkirche in Taufkirchen entwidmet, am 31. Dezember gibt die Nikodemusgemeinde in Schwabing die Nutzung ihrer Kirche auf.
Prozess längst voll im Gang
Der Immobilienprozess im Dekanatsbezirk München, der über die Stadtgrenzen hinaus bis nach Petershausen und Aying reicht, ist also längst in vollem Gange. "Ich glaube, die Menschen verstehen, dass es mit der Fülle an Gebäuden nicht weitergehen kann wie bisher", sagt Stadtdekan Bernhard Liess. Angesichts der Prognosen sei es mit bloßer Optimierung nicht mehr getan: "Wir brauchen eine echte Erneuerung, einen Paradigmenwechsel hin zu einem neuen Kirchenverständnis, das vor allem in der Großstadt nicht mehr so kleinteilig geprägt sein wird."
Dass ein solcher Paradigmenwechsel auch mit Widerstand und Trauer verbunden ist, hat Claudia Häfner bei den Workshops öfter erlebt. "Das war schon berührend, wenn eine Kirchenvorsteherin sagt: Ja, es ist schmerzhaft, aber wir sehen auch, dass das hier kein langfristiger A-Standort ist", berichtet die Dekanin, die im Frühjahr 2027 als Regionalbischöfin an die Doppelspitze des Kirchenkreises Franken wechselt und ihre Prozesserfahrung aus München in den kleinteiligen Strukturen Mittelfrankens einbringen kann.
Eigenverantwortung für Gebäude steigt
Dazu gehört auch die Erkenntnis vieler Kirchengemeinden, dass das Prädikat "A-Standort" unter Umständen gar nicht viel hilft: Auch diese Gebäude müssen künftig zu mindestens 75 Prozent von der Gemeinde selbst finanziert werden. "Und B heißt ja nicht, dass die Kirche zugemacht wird, sondern dass man sich um Kooperationen kümmern muss, damit es dort gut weitergeht", sagt Häfner. Fazit: Egal ob A oder B, die Eigenverantwortung für den Gebäudeerhalt steigt in allen Gemeinden.
Jetzt geht der Prozess im Dekanat München auf die Zielgerade: Ende November befasst sich der Dekanatsausschuss mit den Vorschlägen der zehn Nachbarschaftsräume, am 1. Dezember wird die Dekanatssynode informiert. Am 8. Dezember folgt eine öffentliche Infoveranstaltung. Am 15. Dezember folgt dann die endgültige Entscheidung darüber, wo in München und Umland die Hauptorte evangelischen Lebens sind, und an welchen Stellen zusammen mit externen Partnern - von der Diakonie über Vereine bis zur Stadt - neue Konzepte für die Stadtviertelarbeit entstehen.