Lange überlegen muss Thimo Essler nicht. Was das Beste an seinem Beruf ist? "Mit jungen Menschen zusammen sein und mit ihnen über Gott und die Welt sprechen." Seine Kollegin Hanna Kurz-Schneider setzt einen anderen Akzent: "Das Beste ist die Vielfalt, die in unserem Beruf steckt." Zwei Antworten, die zusammen ziemlich genau beschreiben, was Religionspädagoginnen und Religionspädagogen in der bayerischen Landeskirche tun – und die zugleich erklären, warum viele Menschen nicht so recht wissen, was sich hinter dieser Berufsbezeichnung verbirgt.
Dabei gibt es den Beruf in Bayern schon ein halbes Jahrhundert. 1972 wurde in Neuendettelsau der Studiengang Religionspädagogik eröffnet, 1976 traten die ersten Absolventinnen und Absolventen ihren Vorbereitungsdienst an. Seitdem haben mehr als 1500 Menschen das Studium abgeschlossen; heute studiert man an der Evangelischen Hochschule Nürnberg. Rund 600 "Relpäds", wie sie sich selbst nennen, sind derzeit für die Landeskirche im Einsatz, etwa 480 davon im Religionsunterricht an Grund-, Mittel-, Förder- und Berufsschulen. Die übrigen arbeiten in Gemeinden und Dekanaten, in Bildungswerken, in der Jugendarbeit oder in der Seelsorge. Am 20. November feiert die Berufsgruppe ihr Jubiläum in Nürnberg.
Zwischen Klassenzimmer und Kirchengemeinde
Wie unterschiedlich die Wege in diesem Beruf verlaufen können, zeigen die beiden Coburger. Thimo Essler war von Anfang an im Schuldienst. Seit rund zehn Jahren unterrichtet er Religion an einer Berufs- und einer Wirtschaftsschule in Coburg. Hanna Kurz-Schneider stand einige Jahre im Klassenzimmer, bevor sie in den Gemeindedienst wechselte. In der Pfarrei Evangelisch unter der Veste verantwortet sie heute die Familien- und Konfirmandenarbeit. Schule, Gemeinde oder beides: Religionspädagoginnen und Religionspädagogen können das wählen und im Lauf ihres Berufslebens auch wechseln. Genau diese Freiheit schätzt Kurz-Schneider besonders.
Für sie war der Schritt in die Gemeinde eine bewusste Entscheidung. "Die Arbeit ist noch abwechslungsreicher und lässt sich mit meinem Familienalltag einfacher verbinden", sagt sie. "Jede Woche ist anders. Es ist viel Schreibtischarbeit dabei, aber ich begegne auch ganz vielen Menschen. Und ich liebe es, mit Kindern den Glauben zu entdecken." Ideen dafür hat sie reichlich. Sie holte eine Kinderspielkirche zur Erprobung ins Dekanat und entwickelte eine Trauertasche für Familien mit kleinen Kindern. Am Reformationstag lud sie zur ersten Gruselkirche in die St.-Matthäus-Kirche in Coburg-Neuses ein.
Thimo Essler erzählt lieber von gemeinsamen Erlebnissen mit seinen Schülerinnen und Schülern. "Besonders stolz bin ich auf Momente, die wir zusammen schaffen", sagt er. Mit einer neunten Klasse half er einen ganzen Tag lang bei der Vesperkirche in Coburg mit. "Das war etwas ganz Besonderes."
Ein Pfarrer gab den Anstoß
Auch ihre Wege in den Beruf könnten kaum verschiedener sein. Hanna Kurz-Schneider kam über die Evangelische Jugend. Als Ehrenamtliche lernte sie bei der EJ Bamberg einen Jugendreferenten kennen, der Religionspädagoge war und für sie zum Vorbild wurde. Im Studium an der Evangelischen Hochschule Nürnberg prägten sie vor allem zwei Professorinnen. Von der Theologin Renate Wind, die auch als Bonhoeffer-Biografin bekannt wurde, lernte sie, "dass der Einsatz für den Nächsten immer eine politische Komponente hat". Beate Hofmann, die damals Gemeindepädagogik lehrte und heute Bischöfin der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck ist, vermittelte ihr eine feministische Perspektive und einen hohen Anspruch an gute Bildung. Beides begleitet sie bis heute.
Thimo Essler dagegen ist nicht kirchlich aufgewachsen. Als Jugendlicher begegnete er einem Pfarrer, der ihn beeindruckte. Jahre später trafen sich die beiden wieder, und der Pfarrer riet ihm, Religionspädagogik zu studieren. An der Hochschule in Nürnberg fühlte sich Essler vom ersten Tag an wohl. "Die Studiengangsleitung hat mich mit meinem Namen angesprochen, obwohl sie bis dahin nur das Bild aus meinen Bewerbungsunterlagen kannte. Da wusste ich: Hier will ich bleiben." Ein echtes Vorbild habe er nicht, sagt er. Wichtig sei ihm vor allem das Menschliche im Unterricht. "Religionsunterricht ist immer auch Seelsorge."
Großer Auftrag, wenig Nachwuchs
Dass sich beide mehr Aufmerksamkeit für ihren Beruf wünschen, kommt nicht von ungefähr. Rund 300.000 Kinder und Jugendliche besuchen in Bayern den evangelischen Religionsunterricht, dazu kommen Konfirmandenarbeit, Kinder- und Jugendgruppen und Familienangebote. Kaum eine kirchliche Berufsgruppe erreicht so viele junge Menschen. Gleichzeitig wird der Nachwuchs knapp. Weil sich nur wenige für das Studium einschreiben, wird über eine Reform des Studiengangs nachgedacht, etwa über eine Zusammenlegung mit der Diakonik. Sinkende Kirchensteuereinnahmen und Strukturreformen werfen zudem die Frage auf, welchen Platz die Bildungsarbeit in der Kirche von morgen haben wird.
"Ich wünsche mir, dass unser Beruf sichtbarer wird", sagt Hanna Kurz-Schneider. "Alle Berufsgruppen mit ihren besonderen Fähigkeiten sollten gleich wertgeschätzt werden. Dass wir dieses Jubiläum feiern, freut mich deshalb ganz besonders." Thimo Essler pflichtet ihr bei. Schon heute gebe es viele gute Formate, um Menschen im kirchlichen Umfeld anzusprechen. Davon wünscht er sich in Zukunft noch mehr, und seine Berufsgruppe könne dazu viel beitragen. "Denn es ist Teil unserer Berufsidentität, eine Kirche der Orte zu leben."