Alte Bäume, dicht bewachsene Gräber, historische Mauern und wilde Wiese: Viele Friedhöfe sind ökologisch gesehen von hohem Wert. Nicht nur für die Menschen, die sich hier im Grünen aufhalten. Auch viele Tiere wie Vögel, Insekten und Kleinlebewesen sind dort zuhause. "Friedhöfe bieten viel Potenzial für den Naturschutz - wenn Gemeinden bereit sind, gewohnte Vorstellungen von Ordnung und Pflege zu überdenken", sagt Barbara Füchtbauer vom kirchlichen Verein "Schöpfung bewahren konkret".

Die Biologin aus dem fränkischen Altdorf berät bayernweit Kirchengemeinden bei der naturnahen Gestaltung ihrer Friedhöfe. Rund 70 Gemeinden hat Füchtbauer bereits mit ihrem Wissen weitergeholfen. Auf Anfrage gehe sie gemeinsam mit Pfarrern oder Kirchenvorständen über das Gelände und zeige, wie sich die Artenvielfalt fördern lässt. Auch katholische und kommunale Friedhöfe nutzten ihre Expertise, sagt sie.

Auf einer alten Begräbnisstätte der evangelischen Gemeinde in Stein (Landkreis Fürth) hat sich seit ihrem Besuch bereits einiges getan: Ein neu angelegtes Schaugrab mit insektenfreundlichen Stauden zeigt hier, wie jeder etwas zum Naturschutz beitragen kann. Außerdem stehen neuerdings zwei Insektenhotels auf dem Areal. Es gibt Totholzhaufen für Käfer, eine Hecke aus heimischen Sträuchern und wilden Wein an einer Mauer. "Wir haben eine grüne Oase mitten in der Stadt, es summt und brummt, aber wir wollen noch mehr für den Artenschutz tun", sagt Pfarrer Ralph Baudisch von der Martin-Luther-Gemeinde. 

"Schließlich ist ein Friedhof auch ein Ort des Lebens."

Wilde Wiesen statt trister Urnenfelder

Wie viel Leben zwischen alten Friedhofsmauern kreucht und fleucht, sieht Füchtbauer bei jedem ihrer Besuche. Friedhöfe seien gerade in dicht bebauten Gebieten wichtige Rückzugsorte, sagt sie. Selbst wenn sie von Straßen und Häusern umgeben sind, können dort zahlreiche Tiere und echte Spezialisten wie Ameisenlöwen, Eidechsen oder die Blauschwarze Holzbiene leben. Historische Friedhofsmauern und Grabsteine böten Flechten, Moosen und seltenen Pflanzen beste Bedingungen. Auch offene Bodenstellen spielten eine wichtige Rolle, erklärt sie. Viele Wildbienenarten nisteten im Boden und benötigten dafür freie Flächen.

Besonders großes Potenzial sieht die Biologin in den Wiesen. Diese sollten möglichst erst Ende Juni zum ersten Mal gemäht werden, damit Kräuter blühen und sich Insekten entwickeln können, rät sie. Vor allem der Trend zur Urnenbestattung und damit zu großen Flächen böte eine echte Chance. Wo bislang Rasen dominierte, könnten beispielsweise Blühmischungen gesät werden. "Wenn man sich damit anfreunden kann, dass die Wiese nach der Blüte wild aussieht, ist das eine gute Lösung", betont Füchtbauer.

Große Flächen sind wichtig

Viele Menschen aber wären daran gewöhnt, dass das Friedhofsgelände stets gepflegt ist. Gerade ältere Generationen täten sich mit einem scheinbaren Wildwuchs mitunter schwer. Aber das Umdenken sei da, "wir müssen unsere Sehgewohnheiten einfach ändern", sagt Füchtbauer. "Natürlich kommen unterschiedliche Rückmeldungen auf unsere Öko-Initiative", bestätigt Pfarrer Baudisch aus Stein. Die meisten Besucher würden sich aber darüber freuen. Informationstafeln sollen demnächst auch vermitteln, welche Bereiche bewusst natürlich gehalten sind. Es müsse auch nicht jedes einzelne Grab besonders naturnah gestaltet sein, erklärt Füchtbauer. Entscheidend seien vielmehr die größeren Flächen rundherum.

Praktische Tipps für eine naturnahe Grabgestaltung

Mit den richtigen Pflanzen können Gräber zu echten Lebensräumen für Vögel, Insekten und andere Tiere werden. Gerade im Herbst ist die beste Zeit, um neu anzupflanzen. Naturschutzverbände wie der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) sowie der Naturschutzbund Deutschland (NABU) geben Tipps, wie eine ökologische Grabgestaltung gelingt.

Heimische Pflanzen wählen

Fette Henne, Wilde Karde oder Storchschnabel: Wer auf heimische Wildpflanzen setzt, darf sich über Wildbienen und Schmetterlinge freuen. Von Zierpflanzen aus dem Baumarkt, meist importiert und gezüchtet, rät der NABU ab. Heimische Arten hingegen wirkten sich positiv auf die Artenvielfalt aus. Viele dieser Bodendecker, Stauden und Sträucher kämen mit wenig Pflege klar und müssten nicht so oft gegossen werden.

Passende Stauden aussuchen

Für die Grabgestaltung gibt es viele passende heimische Pflanzen. Welche genau geeignet sind, hängt vom Standort ab. Weitere Informationen und Pflanzlisten für Gräber im Schatten, Halbschatten oder in der Sonne finden sich etwa hier. 

Auf Schalen verzichten

Auf Pflanzschalen und wechselnde Bepflanzungen am besten verzichten, sie sollten höchstens 20 Prozent der Fläche ausmachen, rät der BUND. Pflanzen, die immer wieder frisch gesetzt werden und nur wenig Wurzeln bilden, vertragen den Klimawandel auch nur schlecht. Stattdessen sollten mehrjährige Stauden auf Gräber kommen.

Verblühtes stehen lassen

Naturschützer raten, Verblühtes bis in den Winter stehen zu lassen. Wildbienen nutzen die Stängel für Brutkammern, Larven überwintern ebenfalls in abgestorbenen Pflanzenresten. Wenn alles verblüht ist und die Fruchtstände umkippen, kann man sie einfach zusammenbinden, rät der BUND. Für Laub gilt Gleiches: Es bietet Insekten und Kleinsäugern Unterschlupf.

Torffreie Erde verwenden

Wer zu torfhaltiger Blumen- und Graberde greift, trägt zur Zerstörung klimaschützender Moore bei. "Nutzen Sie gleichwertige Alternativen. Im Handel sind torffreie Graberden erhältlich, die durch den Einsatz von Kokosfasern ebenso wasserspeichernde wie auch durchlüftende Eigenschaften aufweisen", rät der BUND. Zur Bodenverbesserung eignet sich Kompost.

Wildnis tolerieren

Unkraut und sogenanntes Ungeziefer ruhig stehen lassen: Brennnesseln zum Beispiel sind Futter für Raupen, Blattläuse ein gefundenes Fressen für Marienkäfer. Totholz, als Grabschmuck eingeplant oder versteckt zwischen Grabmal und Stauden platziert, dient Wildbienen und Käfern als Unterschlupf und Nahrungsquelle.

Grabsteine nicht putzen

An Grabsteinen aus ungeschliffenem Naturstein wie Sandstein, Kalkstein oder Granit siedeln sich im Laufe der Jahre zum Teil seltene Moose und Flechten an. "Entfernen Sie diese nicht mit Bürsten oder gar chemischen Mitteln", betont der BUND.

Auf Steinplatten verzichten

Die letzte Ruhestätte am besten nicht mit Steinen abdecken, appellieren Naturschützer. Versiegelte Flächen, ob durch Schotter oder Steinplatten, heizten sich im Sommer stark auf und gäben Wärme an die Umgebung ab. Tiere und Pflanzen fänden dort weder Nahrung noch Lebensraum. Außerdem könne Regen nicht mehr ordentlich versickern.

Alternativen Grabschmuck wählen

Auch Gestecke und Blumenschalen sollten möglichst aus kompostierbaren Materialien bestehen, empfiehlt der BUND. Plastikelemente gelte es zu vermeiden, ebenso Kunststoffbänder. Besser seien Naturmaterialien wie Weidenkörbe, Strohkränze und Jutebänder. Und: Wer Schnittblumen mag, sollte sie regional und saisonal kaufen.

Alternative Grabkerzen

An Allerheiligen brennen an etlichen Ruhestätten rote Grablichter. Sie verursachen allerdings viel Müll. Alternativ eignen sich nachfüllbare Lichter, Produkte aus Bienenwachs oder Pflanzenöl in Glasbehältern. Auch ein elektrisches Grablicht lässt sich jahrelang nutzen. "Sinnvoll sind Grablichter mit eingebautem Solarmodul und Lichtsensor," rät der BUND.