"Zum ersten Mal hatte ich Sex mit 28 Jahren." Mit diesem Satz beginnt ein Instagram-Video von Jana Highholder. Die christliche Influencerin erzählt darin von ihrer Hochzeit und davon, dass sie und ihr Mann aufeinander gewartet hätten. Sogar ihren ersten Kuss hätten sie sich bis zur Trauung aufgehoben. Heute könne sie sagen: "Es hat sich gelohnt, darauf zu warten."
Highholder beschreibt Sexualität als etwas Heiliges. Sich dem Ehepartner vollständig zu öffnen, sich ihm hinzugeben und zu schenken, sei besonders schön. Gott habe sich bei dieser Ordnung etwas Gutes gedacht.
Die Influencerin Marie Joan, die sich mit sexueller Aufklärung und Selbstbestimmung beschäftigt, wirft Highholder daraufhin vor, Sexualität unnötig moralisch aufzuladen. Wer von Reinheit und Heiligkeit spreche, erzeuge zwangsläufig auch ein Gegenbild: den vermeintlich beschmutzten Körper. Frauen mit vielen Sexualpartnern könnten dadurch abgewertet werden.
Besonders problematisch findet Marie Joan die möglichen Folgen für Betroffene sexualisierter Gewalt. Wenn Sexualität mit Reinheit und moralischer Unversehrtheit verknüpft werde, könne das Schamgefühle verstärken und Betroffene davon abhalten, über Übergriffe zu sprechen oder sich Hilfe zu suchen.
Highholder reagiert in einer Instagram-Story. Sie weist die persönliche Kritik zurück und stellt eine Verbindung zwischen liberaler Sexualmoral und steigenden Vergewaltigungszahlen her. Wenn gesellschaftliche Hemmungen fielen und Sexualität ihre Heiligkeit verliere, müsste es doch eigentlich weniger sexualisierte Gewalt geben, argumentiert sie.
Marie Joan hält dagegen: Auch Frauen, die bis zur Ehe warten und in einer traditionellen Partnerschaft leben, seien nicht vor Übergriffen geschützt. Die Vorstellung, sexualisierte Gewalt sei eine Folge gesellschaftlicher sexueller Offenheit oder gesunkener Hemmschwellen, greife zu kurz. Sie habe häufig mit Macht, Dominanz und dem Anspruch zu tun, über den Körper eines anderen Menschen zu bestimmen. Weder Kleidung noch sexuelle Erfahrungen oder gesellschaftliche Einstellungen zu Sexualität rechtfertigten solche Übergriffe. Die Verantwortung liege stets bei den Tätern.
Die Religionswissenschaftlerin Jessica, die den Instagram-Accounts "geschlechtmachtwissen" betreibt, greift die Auseinandersetzung auf. Jessica, die sich nach eigenen Angaben auf Religion und Geschlecht spezialisiert hat, ordnet Highholders Aussagen der sogenannten "Purity Culture" zu. Ihre Einordnung führt zu einer grundsätzlichen Frage: Wie selbstverständlich ist das christliche Ideal von sexueller Reinheit eigentlich – und wie alt ist es wirklich?
Was bedeutet es, Sexualität als heilig zu bezeichnen?
Zunächst ist zwischen einer persönlichen Entscheidung und einem moralischen Anspruch zu unterscheiden. Highholder darf selbstverständlich für sich entscheiden, erst in der Ehe Sex zu haben. Auch eine christliche Sexualethik, die Sex an die Ehe bindet, ist eine legitime religiöse Position.
Das Problem beginnt dort, wo aus einer persönlichen Überzeugung eine allgemeingültige Ordnung wird. Wenn Sexualität innerhalb der Ehe als heilig und besonders wertvoll gilt, stellt sich unweigerlich die Frage, welchen Stellenwert Sexualität außerhalb der Ehe erhält. Wird sie dadurch weniger wertvoll? Wird der Körper einer Frau, die andere sexuelle Erfahrungen gemacht hat, als weniger rein betrachtet?
Genau diese Gegenüberstellung kritisiert Marie Joan. Ihr Argument ist nicht, dass Menschen auf sexuelle Zurückhaltung verzichten sollten. Sie wendet sich dagegen, sexuelle Erfahrungen zum Maßstab für den Wert eines Menschen zu machen.
Die Sorge vor zusätzlichen Schamgefühlen ist dabei nicht aus der Luft gegriffen. Eine 2026 veröffentlichte Studie untersuchte den Zusammenhang zwischen Erfahrungen mit christlicher Reinheitskultur und sexueller Scham bei 1.273 Personen. Die Forschenden fanden Zusammenhänge zwischen der Beschäftigung mit solchen Reinheitsvorstellungen und stärker ausgeprägter sexueller Scham, insbesondere bei Frauen, die diese Vorstellungen später nicht mehr teilten. Einen direkten kausalen Zusammenhang konnten sie allerdings nicht nachweisen.
Das bedeutet nicht, dass jede religiöse Vorstellung von Keuschheit zwangsläufig zu Scham oder Schweigen führt, zeigt aber, dass die möglichen Folgen solcher Vorstellungen ernst genommen werden müssen.
Highholders Reaktion verschiebt stattdessen die Diskussion. Sie stellt die Frage, ob eine liberalere Sexualmoral zu mehr sexualisierter Gewalt führt. Doch dafür liefert sie in ihrer Story keinen Beleg. Steigende polizeilich registrierte Fallzahlen beweisen keinen Zusammenhang mit einer liberaleren Sexualmoral. Zudem bilden sie nur das sogenannte Hellfeld ab: Gewalt, die der Polizei bekannt wird. Die Dunkelfeldstudie LeSuBiA des Bundeskriminalamts und der Bundesregierung zeigt, dass weniger als zehn Prozent der Gewalterfahrungen angezeigt werden.
Sexuelle Freiheit schützt nicht automatisch vor Gewalt. Die entscheidendere Frage ist jedoch, ob gesellschaftliche Vorstellungen von Reinheit und Scham Betroffenen den Umgang mit erlebter Gewalt erschweren können.
Was ist Purity Culture?
Die Religionswissenschaftlerin Jessica ordnet Highholders Aussagen wie erwähnt der "Purity Culture" zu. Der Begriff bezeichnet eine Bewegung, die Anfang der 1990er-Jahre im US-amerikanischen Evangelikalismus entstand. Ihr erklärtes Ziel war es, Jugendliche zu sexueller Enthaltsamkeit bis zur Ehe zu bewegen.
Bekannt wurde die Bewegung unter anderem durch die Initiative "True Love Waits" und das Projekt "Silver Ring Thing". Jugendliche unterschrieben Keuschheitsversprechen und trugen sogenannte Purity-Ringe als sichtbares Zeichen ihrer Entscheidung. Die Bewegung verbreitete sich über Veranstaltungen, Jugendgruppen, Bücher und später auch über soziale Medien.
Die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW) beschreibt die Purity Culture als christlich-konservative Reaktion auf die sexuelle Revolution der 1960er-Jahre. Ihre Wurzeln reichten allerdings bis zu Reinheitskampagnen des 19. Jahrhunderts zurück. Damals wurde vor allem Frauen die Aufgabe zugeschrieben, die Sexualität von Männern zu kontrollieren und die Familie vor vermeintlichem moralischem Verfall zu bewahren.
Im Laufe der Zeit entwickelte sich die Bewegung weiter. Aus dem ursprünglichen Verzicht auf vorehelichen Sex wurde zunehmend ein positives Versprechen: Wer wartet, werde in der Ehe mit besonders erfüllender Sexualität belohnt. Die EZW bezeichnet dieses Versprechen als "sexual prosperity gospel", als eine Art Evangelium sexuellen Glücks.
Genau diese Logik findet sich auch in Highholders Aussagen wieder. Sie spricht nicht nur davon, dass Sex vor der Ehe falsch sei. Sie beschreibt die Sexualität innerhalb der Ehe als etwas besonders Wertvolles, das durch das Warten eine zusätzliche Bedeutung erhalte.
Jessica sieht darin eine moderne Ausprägung evangelikaler Sexualtheologie. Die Vorstellung, Sex sei innerhalb der Ehe eine Belohnung für besondere Frömmigkeit, sei keineswegs zeitlos. Sie sei vielmehr Teil einer relativ jungen religiösen Bewegung.
Wie vielfältig ist die christliche Tradition?
Die christliche Tradition kennt kein einheitliches Verständnis von Sexualität. Der Apostel Paulus hält die Ehelosigkeit für den besseren Weg, akzeptiert die Ehe aber ausdrücklich. Augustinus betrachtet die Ehe als ein Gut, räumt der Jungfräulichkeit jedoch einen höheren geistlichen Stellenwert ein. Martin Luther wertet Ehe und Sexualität als Teil der guten Schöpfung Gottes auf.
Die Vorstellung, eheliche Sexualität sei ein besonders heiliges und erfüllendes Geschenk Gottes, ist deshalb nicht einfach mit der gesamten christlichen Tradition gleichzusetzen. Sie steht vielmehr für eine bestimmte theologische Akzentsetzung innerhalb einer viel längeren und widersprüchlicheren Geschichte christlicher Sexualethik. Sie kann sich auf ältere Traditionen berufen, ist aber keineswegs die einzig mögliche christliche Position.
Gerade darin liegt eine Schwäche von Highholders Argumentation: Wenn eine bestimmte Vorstellung von Sexualität als unmittelbar göttliche Ordnung präsentiert wird, geraten die historischen Entwicklungen und theologischen Alternativen aus dem Blick.
Warum konservative Sexualmoral politisch relevant ist
Die Auseinandersetzung zwischen Highholder und Marie Joan ist mehr als ein Streit über persönliche Lebensentscheidungen. Sie berührt Fragen, die auch in politischen Debatten eine wichtige Rolle spielen: traditionelle Geschlechterrollen, die Stellung von Frauen, sexuelle Selbstbestimmung und die gesellschaftliche Akzeptanz queerer Lebensweisen.
Es geht dabei nicht darum, ob eine Frau bis zur Ehe mit dem Sex warten darf. Sondern darum, welche Vorstellungen von Reinheit, Weiblichkeit und Sexualität daraus abgeleitet werden – und wer sich diesen Maßstäben unterwerfen muss.
Denn religiöse Freiheit schließt das Recht ein, konservativ zu leben. Sie schließt nicht das Recht ein, die eigene Lebensweise zum Maßstab für alle anderen zu erklären.