München (epd). Zum 20. Jahrestag der Eröffnung der Ohel-Jakob-Synagoge in München hat die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, Charlotte Knobloch, vor einer dramatischen Verschlechterung der Lage für jüdische Menschen in Deutschland gewarnt. "Wenn sich nichts ändert, sehe ich die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland in ernsthafter Gefahr", sagte die 94-jährige Holocaust-Überlebende dem Evangelischen Pressedienst (epd). Der Judenhass habe sich immer weiter in der Gesellschaft ausgebreitet. Was sie in ihrer Jugend unter den Nationalsozialisten erlebt habe, drohe sich schrittweise zu wiederholen, wenn die Gesellschaft nicht aufwache.
Knobloch erinnerte zugleich an die Eröffnung der Synagoge am Jakobsplatz am 9. November 2006. Damals seien ihr die Tränen heruntergelaufen, weil sie kaum habe glauben können, dass ihr Traum tatsächlich wahr geworden sei. Das überwältigende Interesse der Menschen an der neuen Synagoge habe ihr Vertrauen in die Zukunft und die Gesellschaft enorm gestärkt, sagte sie. Über Jahrzehnte hatte sie für ein neues jüdisches Zentrum mitten in München gekämpft. Das Projekt bezeichnete sie als ihr persönliches Lebenswerk. Es solle auch über ihre Zeit hinaus wirken. Zum Festakt am kommenden Montag (9. November) werden unter anderem Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU), Landtagspräsidentin Ilse Aigner und Ministerpräsident Markus Söder (beide CSU) erwartet.
Knobloch gibt die Hoffnung nicht auf
Mit Blick auf den wachsenden Antisemitismus sagte Knobloch, sie denke selbst nicht daran, Deutschland wieder zu verlassen. Als sie zur Synagogeneröffnung 2006 ihre seit dem Holocaust gepackten Koffer ausgepackt habe, sei das ein "tiefgreifender Moment der Erleichterung" gewesen. Sie wisse jedoch, dass viele jüdische Menschen inzwischen wieder ans Weggehen dächten. "Das macht mich zutiefst traurig", sagte sie. Sie selbst gebe die Hoffnung nicht auf, doch sie zu behalten, sei schwer.
Als besonders beängstigend bezeichnete Knobloch die Parallelen zwischen der heutigen politischen Entwicklung und den 1930er-Jahren. Rhetorik und Auftreten der AfD weckten in ihr Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus. "Die Parallelen zu den 1930er-Jahren im Umgang mit der Demokratie und mit den jüdischen Themen sind für mich vollkommen klar und unübersehbar", sagte sie. Auch die Grundsteinlegung des Jüdischen Zentrums 2003 sei von einem vereitelten rechtsextremen Bombenanschlag überschattet worden. Als sie damals von den Anschlagsplänen erfahren habe, sei sie in Tränen ausgebrochen. Der Anschlag hätte in einer Katastrophe mit vielen Toten enden können.