München (epd). Der Geschwister-Scholl-Preis 2026 geht an die Publizistin und frühere DDR-Leichtathletin Ines Geipel. Die Landeshauptstadt München und der Börsenverein des Deutschen Buchhandels - Landesverband Bayern e. V. verleihen Geipel den Preis am 24. November für ihr Buch "Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung", teilte der Börsenverein am Donnerstag mit. Die Laudatio auf Ines Geipel hält die französische Schriftstellerin und Übersetzerin Cécile Wajsbrot.
In ihrem Buch untersuche Geipel wie sich über die Geschichte des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald "Deutungen gelegt haben, die bis heute bestimmen, was sichtbar wird, was erinnert werden kann und was aus dem Gedächtnis verschwindet", erklärte die Jury. Die Soziologin zeige, wie lange Diktaturerfahrungen und staatlich gelenkte Formen des Erinnerns nachwirkten.
1989 Flucht nach Westdeutschland
"Am Beispiel Ostdeutschlands wird sichtbar, wie solche Kontinuitäten die Gegenwart mitprägen und von autoritären und nationalistischen Kräften für ihre Geschichts- und Gesellschaftsbilder genutzt werden", heißt es in der Begründung. Darin liegt die besondere aufklärerische Kraft ihres Buches "in einer Zeit, in der erneut darüber gestritten wird, welchen Stellenwert die deutsche Verbrechensgeschichte für das Selbstverständnis dieses Landes haben soll".
Ines Geipel wurde 1960 in Dresden geboren und war in den 80er-Jahren Leichtathletin im Leistungssportsystem der DDR. 1989 floh sie von Jena nach Darmstadt, wo sie Soziologie und Philosophie studierte. Ihr zentrales Thema als Autorin ist laut Mitteilung die Geschichte sowohl des Nationalsozialismus als auch der DDR-Diktatur. Geipel war von 2001 bis 2025 Professorin für Verskunst an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch".
Auszeichnung für geistige Unabhängigkeit
Der seit 1980 vergebene, mit 10.000 Euro dotierte Geschwister-Scholl-Preis zeichnet jährlich ein Buch jüngeren Datums aus, das "von geistiger Unabhängigkeit zeugt und geeignet ist, bürgerliche Freiheit, moralischen, intellektuellen und ästhetischen Mut zu fördern und dem verantwortlichen Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse zu geben". Zu den Preisträgerinnen und Preisträgern zählten in den letzten Jahren unter anderem Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey, Katerina Gordeeva, Joachim Gauck, David Grossman und Anna Politkovskaja.