6.11.2020
Erwachsenenbildung

Evangelisches Erwachsenenbildungswerk testet, wie "Bildung mit Entertainment" online funktionieren kann

Kirche wächst in Corona-Zeiten immer mehr in den digitalen Raum hinein. Auch die evangelische Bildungsarbeit will da mitmischen - zum Beispiel die in Erlangen.
Pfarrer Hans-Jürgen Luibl in seinem YouTube-Podcast "#kurz #krass #kirchlich"
Pfarrer Hans-Jürgen Luibl in seinem YouTube-Podcast "#kurz #krass #kirchlich".

Pfarrer Hans-Jürgen Luibl hat ein Gewissen. Es sitzt in einem hölzernen alten Beichtstuhl mit hohen Lehnen und entpuppt sich beim näheren Hinsehen als eine Drahtpuppe mit einer roten Fliege um den Hals.

Mit diesem Gewissen ist der Leiter des Evangelischen Bildungswerks in Erlangen (be) nun schon einige Male für den You Tube-Podcast kurz#krass#kirchlich vor die Kamera getreten.

"Bildung by YouTube"

Seine Texte sind nachdenklich und ironisch, seine Sprache rasant, ebenso wie die Schnitte. Das Evangelische Bildungswerk Erlangen bringt in diesen Wochen ein mehrschichtiges digitales Projekt mit dem Titel "Bildung by YouTube" auf Touren.

Auf verschiedenen Kanälen im Internet wolle man ausprobieren, "wie Bildung mit Entertainment funktioniert", erklärt Luibl. Zum Versuch gehört neben seinem eigenen Video-Podcast der Audio-Podcast seiner Kolleginnen Carina Harbeuther und Annika Hoope-Syler, die unter dem Motto "be-wegt, be-schwert, be-geistert" Menschen aus Erlangen mit interessanten Biografien interviewen.

Das Bildungswerk will zudem mehr twittern und andere Formate ausprobieren.

Evangelische Erwachsenenbildung

150.000 Euro bekomme man in den kommenden zwei Jahren von der evangelischen Landeskirche für diese Projekte, sagt Luibl. Der professionelle Mediengestalter Macgyver Felix wurde ins Team geholt. Außerdem ist eine wissenschaftliche Evaluation zusammen mit der Universität Erlangen geplant.

Ziel ist, herauszufinden, "wie ein evangelisches kirchliches Element eine Stimme sein kann im öffentlichen digitalen Diskurs", erklärt Luibl, der selbst auch Professor am Lehrstuhl für Christliche Publizistik ist.

"Die Reflexion ist entscheidend".

Die gewonnenen Erkenntnissen werde man in die "E-Learning-Kompetenz" der Kirche einspeisen. Man wolle "den lieben Gott hörbar machen", sagt Luibl. Dafür wachse man in den digitalen Raum hinein.

Dieser Prozess macht ihm sichtbar und hörbar Spaß. Im Videopodcast packt er bitterernste Inhalte spielerisch und mit einer großen Portion Ironie an. Er macht sich Gedanken über einen Covid-19-Impfstoff und einen Impfstoff gegen die Dummheit, über das abgebrannte Flüchtlingslager in Griechenlands und zuletzt über die provokante Aussage eines Nürnberger Pfarrers, ein Christ könne ertrinken lassen.

Ernste Themen im Videopodcast

Da packt er Beichtstuhl, Drahtpuppe und einen gelb-schwarzen Rettungsring von Amnesty International ein, zieht damit zum Dreh an den Erlanger Hafen und wettert dort: "Diese Meinung gehört nicht in das Evangelium hinein."

"Die Seele wird müde und daraus schlagen die Rechtsausleger, Maskenverweigerer, Klimaidioten und Migrationsfresser Kapital", ärgert sich Luibl über diejenigen, "die einfache Lösungen anbieten".

Und er bringt im Video wieder die kaum sichtbare Drahtpuppe ins Spiel, sein Gewissen. "Manchmal beißt es, dieses schlechte Gewissen", sagte er, es sei ein Frühwarnsystem, das Augen und Ohren öffne.

"Kreuz und quer gedacht" - nennt das Bildungswerk in Erlangen eine zweite Video-Serie, die noch nicht online ist. Erste Folge wird ein Interview mit dem Inhaber des Lehrstuhls für Menschenrechte an der Universität Erlangen, Professor Heiner Bielefeldt, sein. Knapp über 30 Abonnenten hat der YouTube Kanal inzwischen - 100 sind bis Weihnachten das Ziel.

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