In ihrem Buch "Feucht & Fromm" klärt Nana Mhyrre über die Purity Culture auf, eine christliche Bewegung, die Sex vor der Ehe untersagt. Die Autorin hat "Purity Culture" am eigenen Leib erlebt. Als Kind und junge Erwachsene wuchs sie in einer evangelikalen Freikirche in Deutschland auf. Dort wurde gelehrt, dass jegliche sexuelle Handlung vor der Ehe sündig sei.
In ihrem Buch verarbeitet sie nicht nur ihre eigenen Erfahrungen, sondern teilt auch intime Tagebucheinträge. "Feucht & Fromm: Die schmutzigen Geheimnisse der Purity Culture" ist ein wissenschaftlich aufwendig recherchiertes Nachschlagewerk über Purity Culture, das keine Fragen offenlässt.
Purity Culture erklärt: Ursprung, Rituale und Ideale
Die Purity Culture, bei der sexuelle Handlungen vor der Ehe als sündig gelten, ist nicht neu. Schon im 19. Jahrhundert gab es frühe Formen dieser christlichen Bewegung. Seit den 1990er Jahren wird dieses Versprechen allerdings in ein neues Licht gerückt, wie Nana Mhyrre in ihrem Buch schreibt. Keuschheit wird in den 2000er-Jahren als modern, cool und sogar sexy propagiert – nicht zuletzt durch bekannte Popstars wie Justin Bieber und Britney Spears.
Auch wenn der mediale Wirbel um die Purity Culture wieder abgeflacht ist, gibt es vor allem in den USA viele Anhänger:innen aus evangelikalen Gemeinden sowie eine ganze Kultur rund um das Versprechen, jungfräulich zu bleiben. Nana Mhyrre schreibt von Purity-Bällen, auf denen junge Frauen weiße Kleider tragen, sich von ihren Vätern Ringe anstecken lassen und die Riten rund um die Purity Culture als einen "(un)sichtbaren Keuschheitsgürtel" bezeichnet.
Purity Culture in Deutschland: Hauskreise, Workshops und Jugendgruppen
Auch wenn Mega-Churches und Purity-Events in Deutschland nicht im selben Maß verbreitet sind, ist die Purity Culture kein Phänomen, das nur in den USA Anklang findet. In vielen deutschen evangelikalen Freikirchen wird Keuschheit vor der Ehe als Ideal hochgehalten – allerdings eher im intimen Rahmen des Hauskreises als auf einem Ball.
Nana Mhyrre berichtet von Workshops, Jugendgruppen und Büchern, in denen Purity Culture anhand von Metaphern an junge Mädchen weitergegeben wird.
"Für mich persönlich eindrücklichste Purity-Metapher war sicherlich das Auto-Beispiel aus dem Purity-Ratgeber Hot Stuff. Hier lernt man, dass man durch sexuelles Verhalten Schritt für Schritt vom Neuwagen zur kaputten Rostlaube wird", schreibt die Autorin.
Psychologische Folgen der Reinheitskultur
Der eigene Wert hängt für viele junge Menschen, die mit Purity Culture leben, am seidenen Faden der Jungfräulichkeit, was sie unter Druck setzt. Auch wenn Jungfräulichkeit ein soziales Konstrukt ist und sich nicht medizinisch nachweisen lässt, sind die Grenzen des Erlaubten bei vielen Jugendlichen so stark im Gewissen verankert, dass sie in einem ständigen Konflikt mit sich selbst stehen – zwischen sexueller Neugier und Lust einerseits und der göttlichen Erwartung, "rein" zu bleiben, andererseits.
Dieser Zwiespalt wird in Nana Mhyrres Tagebucheinträgen, die sich durch das gesamte Buch ziehen, deutlich spürbar. Mit nur 12 Jahren schreibt die Autorin in ihr Diddl-Tagebuch, dass sie glaubt, eine "hässliche Schlampe" zu sein, weil sie sich zu Jungs hingezogen fühlt und erste Gefühle der Verliebtheit hat.
Besonders für Mädchen und junge Frauen liegen Schuldgefühle nahe, schreibt Nana Mhyrre. Denn genau wie die Rape Culture baut auch die Purity Culture darauf auf, dass es in der Verantwortung von Frauen liegt, Männer nicht zur Sünde zu verführen.
Die Purity Culture wird oft mit Bibelstellen begründet, die deutlich machen sollen, dass sexuelle Handlungen vor der Ehe sündig sind. Mit diesen Stellen setzt sich das Buch "Feucht & Fromm" theologisch sauber auseinander und kontextualisiert Sätze, die in Purity-Ratgebern oft ohne historischen Bezug und konkrete Einordnung abgedruckt werden.
Mut statt Schuld: Nana Mhyrres abschließende Botschaft
Am Ende des Buches vermittelt Myrre Mut und Versöhnung. Es geht nicht um Schuldzuweisungen, sondern um Aufklärung. Die "Purity Culture" sei eine "Lose-Lose-Situation" gewesen, doch ihre subtilen Regeln wirken noch heute nach. Mit ihrem Buch leistet Nana Mhyrre einen wichtigen Beitrag zur kritischen Auseinandersetzung und zur Sensibilisierung für die emotionalen Folgen dieser Bewegung.