Marcel Fratzscher hat wieder zugeschlagen: Rentner*innen sollen ein verpflichtendes soziales Jahr absolvieren – notfalls auch beim Militär. Das fordert der renommierte Wirtschaftswissenschaftler in einem Interview beim "Spiegel"

Kein Wunder, dass Empörung auf Social Media lodert. Schließlich trifft man selten auf eine Forderung, die gleichzeitig Klicks garantiert und das ohnehin brisante Thema Generationenkonflikt aufkocht.

Fratzscher versteht Aufmerksamkeitsökonomie

Es ist wenig verwunderlich, dass der Ökonom Fratzscher auch etwas von Aufmerksamkeitsökonomie versteht. Denn schaut man genauer hin, wird seine Idee recht schnell lächerlich.

Ältere Menschen engagieren sich bereits überdurchschnittlich: bei den 50- bis 59-Jährigen sind es knapp 20 Prozent, bei über 70-Jährigen fast genauso viele. Die Jüngeren? Kaum Zeit, zwischen Studium, Ausbildung, Job und Familienpflichten noch ehrenamtlich zu schuften.

Fratzschers Vorschlag eines Pflichtjahrs ignoriert also schlicht die Realität – und erntet dafür Empörung, die er vermutlich einkalkuliert hat.

Inszenierter Generationenkonflikt

Der eigentliche Clou steckt im Subtext: Die Forderung spiegelt den unterschwelligen Tenor vieler Boomer*innen, die schon ihr Leben lang gearbeitet haben: "Wir haben genug geleistet, jetzt seid ihr dran." Vollkommen verständlich, dass junge Menschen so etwas nicht gerne hören.

Mit anderen Worten: Hier wird ein Generationen-Duell inszeniert, während das echte Problem unbeachtet bleibt: Wie motivieren wir eigentlich alle Altersgruppen sinnvoll zu Engagement?

Dabei gäbe es praktikable Alternativen: Freiwillige soziale Jahre attraktiv machen – und zwar für alle Altersgruppen –, Anreize setzen, Anerkennung geben – und mit Anerkennung meine ich auch: Geld. Das bringt Menschen in Bewegung, ohne sie zu verpflichten.

Was wirklich Probleme löst

Dass Fratzscher explizit auch den Wehrdienst ins Spiel bringt, ist ein rhetorischer Geniestreich – wenn auch ein absurder: Deutschland braucht Pflegekräfte, Erzieher, Lehrerinnen, eine bessere Infrastruktur, mehr Wohnraum – keine weiteren Rekrut*innen für eine Armee, die ohnehin nicht die drängendsten gesellschaftlichen Probleme löst.

Fratzschers Vorschlag ist also vor allem eins: eine mediale Provokation, die Empörung schürt und altbekannte Klischees bedient. Für die Lösung realer Probleme taugt sie nichts.

Wer Gesellschaft wirklich voranbringen will, muss Engagement erleichtern, nicht erzwingen. Alles andere schafft höchstens neue Probleme statt bereits vorhandene zu lösen.