Wenn Lilly Schmidtlein mit den Gummistiefeln über das Gras auf ihrem Feld läuft, sprüht sie vor Elan. Es scheint, als nehme sie jeden Grashalm, jeden Busch und jeden Baum bewusst wahr. Jedenfalls erzählt sie, warum sie ihn genau an dieser Stelle gepflanzt hat. Die Johannisbeere wächst unterm Apfelbaum, die Haselnuss im Halbschatten der Pappel, die Zierquitte neben der Weide. Darunter Erdbeeren, Sonnenblumen oder Kräuter wie Salbei und Wehrmut. Alles gedeiht, scheinbar kreuz und quer.

Was wild wirkt, hat jedoch System: Agroforst nennt sich die Anbaumethode, die die 35-jährige Nebenerwerbs-Bäuerin aus Kleinsendelbach im Landkreis Forchheim nördlich von Nürnberg betreibt. Agroforst heißt: Bäume oder Sträucher werden mit Ackerkulturen oder Weidetieren auf der gleichen Fläche kombiniert. Eine Methode mit Zukunft, gerade in Zeiten der Klimakrise, sagt Schmidtlein Erst vor acht Jahren hat Schmidtlein damit angefangen. Damals habe sie mancher dafür belächelt, sagt die Betriebsleiterin vom "Hof vErde".

Ihr Bauernhof liegt schon seit Generationen in Familienhand. "Jetzt sieht man erste Ergebnisse, da überzeugt die Sache an sich", sagt Schmidtlein. Mit der Sache meint sie nicht allein die Beerensträucher, Obstbäume oder Kräuter, die den Boden bedecken und feucht halten und die sie fast nie gießen muss. "Wir sind von Dürren und Starkregen kaum betroffen, auch Hagel schadet den Kulturen kaum". Die Bäume kühlen die Fläche, sagt sie im Schatten einer Pappel und zeigt auf eine Wiese nebenan. Dort habe es im Sommer oft 30 Grad oder mehr.

 

Feld
Artenreiche Landwirtschaft

Sandstürme und unreife Früchte als Folge

"Agroforst kann in Zeiten des Klimawandels viel bewirken", erläutert Frank Burger von der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft im oberbayerischen Freising. "Es kann sein, dass der Anbau von Feldfrüchten künftig in gewissen Gegenden gar nicht mehr anders möglich ist", sagt der Wissenschaftler. In Unterfranken zum Beispiel, auf den Feldern und in den Weinbergen, habe man schon diesen Sommer erlebt, dass manche Früchte bei der Trockenheit einfach nicht mehr ausreiften.

Mit den Alpen im Rücken wären die Landwirte in Oberbayern zwar klimatisch besser dran, sagt Burger. Aber überall da, wo während der Flurbereinigung viele Bäume abgeholzt wurden, fliege einem das Ergebnis jetzt buchstäblich in Form von Sandstürmen um die Ohren. Hecken hingegen bremsten den Wind, Bäume bildeten Dächer, sagt Burger. Darüberhinaus würden Bäume Wasser in der Fläche halten und Kohlenstoff im Boden binden. Auch die Tierwelt profitiert: Eine artenreiche Landwirtschaft ziehe zahlreiche Tierarten an.

"In einer Landschaft mit Bäumen, in der ich spazieren kann, fühle ich mich auch als Mensch wohler", ergänzt er. Die Vorteile der Methode überwiegen bei weitem die Nachteile: Vieles sei Handarbeit und arbeitsintensiv, erzählt Schmidtlein. In den Anfangsjahren reiche der Ertrag nur zur Selbstversorgung, verdient sei zunächst nichts. "Aber am Ende belohnt uns unsere Ernte mit sagenhaftem Geschmack", sagt sie zufrieden.

Wenige Idealisten wagen sich an Neuland

Das Modell ist allerdings noch selten, abgesehen von Streuobstwiesen und uralten Hecken. In ganz Deutschland gibt es nach Angaben des Fachverbands für Agroforstwirtschaft rund 240 solcher Felder. Bisher wären es vor allem Idealisten, die sich damit beschäftigten, bestätigt Burger. Bio-Bauern beispielsweise, die ihre Äcker wieder mit nützlichen Tierarten besiedeln wollten. Oder Landwirte, die wertvolles Holz für den Verkauf erzeugten oder aus schnell wachsenden Bäumen Energie gewännen. "Theoretisch kann es aber jeder Bauer machen. Das ist natürlich Neuland, eine sehr komplexe Sache, man muss sich beraten lassen und die ganzen bürokratischen Hürden nehmen", sagt Burger.

Lilly Schmidtlein, ihre Familie, Freunde und freiwillige Helfer sind da schon weiter. Mittlerweile schult die Expertin für Agroforst europaweit Neueinsteiger, gibt Weiterbildungen, engagiert sich politisch. "Der Boden, auf dem ich stehe, nährt mich", sagt die studierte Sozial-Ökonomin. "Ich kann es mit meinem Gewissen gar nicht vereinbaren, dass wir die Grundlage unseres Lebens zerstören. Ich will auch gar nicht mehr anders leben."