Bis zu drei Liter Apfelwein am Tag zu trinken, war für seinen Vater normal. Überhaupt spielte Most, wie man Apfelwein im Spessart nennt, eine große Rolle in der Familie, in der Manfred Marold aufwuchs: "Selbst Cremes wurden mit Most angerührt." Der 75-Jährige sieht dies als einen Grund von vielen an, warum er Alkoholiker wurde. Dass er alkoholkrank war, hat er schon oft bekannt - als Teil des "Lebende Bücher"-Projekts.
Dabei handelt es sich um ein spezielles Begegnungsformat: Menschen mit ihren Lebensgeschichten lassen sich bei Veranstaltungen wie ein Buch "ausleihen" und erzählen anderen Menschen von sich, kommen mit ihnen ins Gespräch. Kurze, ausgehängte Steckbriefe mit Inhaltsangabe weisen etwa bei dem Projekt in Würzburg darauf hin, welche Biografien hinter den "lebenden Büchern" stecken. Wer sich ein "Buch ausleiht", setzt sich mit dem Menschen in einer gemütlichen Ecke zusammen, hört zu, fragt nach. Ziel ist es, Leute über soziale und kulturelle Grenzen hinweg in Austausch zu bringen: Begegnung statt Vorurteil. Manfred Marold sagt, seine "Leser" interessiere vor allem, wie er es geschafft habe, sich von der Sucht zu befreien.
Menschen wieder neugierig aufeinander machen
Auf dem dänischen Roskilde-Festival im Jahr 2000 wurde das Format unter dem Namen "Living Library" erstmals präsentiert. 2006 veröffentlichte Beate Detlefs, damals Bibliotheksleiterin im Goethe-Institut in Dänemark, einen Aufsatz zu "Lebenden Büchern". Der gilt als Initialzündung für die Gründung deutscher Projekte.
In Würzburg initiierte der Förderverein Wärmestube 2017 "Lebende Bücher", die hier "livebooks" heißen. Dahinter stehen derzeit fünf Menschen und ihre Biografien. So könnten Hürden zwischen Menschen mit unterschiedlichen Lebensentwürfen tatsächlich abgebaut werden, erklärt Projektmitarbeiterin Stefanie Behnecke. Sie engagiert sich für "livebooks”, weil sie möchte, dass Menschen wieder neugierig aufeinander werden, statt sich ständig zu bewerten.
"Neun von zehn Menschen haben keine Ahnung von HIV"
Der 37-jährige Alexander Götz erzählt als "livebook" von seiner HIV-Infektion - zum Beispiel im Mai beim Würzburger Katholikentag. Besser gesagt: Da wollte er dies tun. Aber anders als die anderen "Bücher", unter denen man beim Katholikentag wählen konnte, blieb Alexander Götz "ungelesen": "Für mich war das der absolute Flop."
Diese Erfahrung machte er nicht zum ersten Mal. Die Vorstellung, einem HIV-Infizierten nahezukommen, verängstige viele Menschen teilweise bis heute, ist seine Erfahrung. Dem Gros gelinge es zum Glück, nach ein paar Minuten die Nervosität abzulegen, sagt er. Viele bedankten sich später, dass er so offen über sich gesprochen habe. Neu sei für viele, dass ein Mensch mit HIV nicht mehr ansteckend ist, wenn die Viruslast - wie auch bei ihm - unter der Nachweisgrenze liegt. "Neun von zehn Menschen haben immer noch keine Ahnung von HIV", sagt der Mann, der auch in Schulen oder bei der Bereitschaftspolizei schon aus seinem Leben berichtet hat.
"Es war anders, als ich gedacht hatte"
Im brandenburgischen Eberswalde haben die "Akademie 2. Lebenshälfte" und die Stadtbibliothek im Oktober erstmals ein "Lebende Bücher"-Event mit drei Seniorinnen organisiert. Eine von ihnen war die 77-jährige Charlotte Canditt. "Bloß nicht Eberswalde! Von einer Liebe auf den zweiten Blick" lautete ihr "Buchtitel". Während der zweistündigen Veranstaltung durften jeweils zwei bis drei Besucher gemeinsam ein "Buch entleihen". Charlotte Canditt war gleich fünfmal gefragt. Die gebürtige Rostockerin erzählte von ihrem Leben in der DDR und ihrer anfänglichen Abneigung gegenüber Eberswalde, wohin die frühere Landwirtin aus beruflichen Gründen ziehen musste.
Besonders für ihre Erlebnisse rund um die Wendejahre hätten sich die Zuhörer und Zuhörerinnen interessiert, sagt sie. Eine sehr schwierige Zeit für sie: "Mein Mann wurde gleich 1991 arbeitslos, mit 50 Jahren." Auch von ihrer eigenen Enttäuschung nach dem Fall der Mauer berichtete die Seniorin: "Es war anders, als ich gedacht hatte." Sie habe sich danach gesehnt, endlich in einem Land zu leben, wo nicht alles bis ins Kleinste vorgeschrieben sei: "Doch in der Landwirtschaft wurde es nicht besser, sondern nur noch verrückter."
Verbindung zu Menschen aufnehmen, die ganz anders sind
In Wiesbaden gründete eine ehrenamtliche Initiative im Jahr 2020 "Mit lebenden Büchern im Dialog". Hier können sich die potenziellen Leser und Leserinnen bereits vor der Veranstaltung online entscheiden, welches "Buch" sie ausleihen möchten. Harald Roos war im August das erste Mal dabei, als "lebende Bücher" zum Thema "Mut" im Mittelpunkt standen.
Der 57-jährige Strafverteidiger war in seinem Leben oft mit Situationen konfrontiert, die eine Menge Mut erfordern. Mit Anfang 30 zum Beispiel erhielt er die Diagnose Leukämie und unterzog sich einer Stammzelltransplantation: "So etwas verändert das ganze Leben."
Kurz vor Veranstaltungsbeginn erfuhr er: "Ich bin ausgebucht." Sechsmal berichtete er bei der Veranstaltung aus seinem Leben. Doch er wollte nicht nur erzählen, seine "Leserschaft" sollte mit ihm in den Dialog treten. Das war Harald Roos wichtig, denn er findet: Zu viele Menschen verharren in ihrer Blase und zu wenige trauen sich, Verbindung zu Menschen aufzunehmen, die ganz anders sind.