Christian Gleißner hatte sich für den Besuch des Landesbischofs drei Botschaften zurechtgelegt. Erstens: die Finanzierung der diakonischen Bezirksstellen, über die aus seiner Sicht noch großer Redebedarf mit der Landeskirche besteht. Zweitens: die Zusammenarbeit von Kirche und Diakonie vor Ort. Die Diakonie könne eine "Eintrittspforte" in die evangelische Kirche sein, sagt Gleißner, gerade jetzt, wo so viele Menschen austreten. Und drittens: Die Politik stelle die Finanzierung diakonischer Stellen und Leistungen immer häufiger infrage. Das könne zu großen Engpässen führen. Kopp habe das "sehr interessiert verfolgt", sagt Gleißner.

Wenn Menschen nur noch zum Sterben ins Heim kommen

Am deutlichsten wird der Druck in der Altenpflege. "Die Kosten explodieren", sagt Gleißner. Die Finanzierung werde in den nächsten Jahren eine große Herausforderung für das ganze Sozialsystem. Von einer neuen Pflegereform erwartet er wenig: Schon jetzt zeichne sich ab, dass die Kosten weiter steigen und niemand eine gute Lösung habe.

Die Folgen sieht er jeden Tag. Die Eigenanteile in den Heimen seien für die Angehörigen bald nicht mehr zu bezahlen. Seit etwa eineinhalb Jahren kämen nur noch Bewohnerinnen und Bewohner, die so stark pflegebedürftig sind, "dass sie eigentlich nur noch zum Sterben kommen". Die eigentliche Last tragen die Familien. "Der größte ambulante Dienst sind die Angehörigen", sagt Gleißner. Und die würden "komplett im Stich gelassen". Wenn nicht gravierend umgesteuert werde, laufe das System auf einen Untergang zu.

Im Fichtelgebirge kommt die Fläche hinzu. Lange Wege erschweren die Versorgung, pflegende Angehörige würden oft nicht ausreichend eingebunden, Hilfe werde zu spät beantragt. Es brauche viel mehr Information, sagt Gleißner. Dazu kommt etwas, das sich in keiner Pflegestatistik findet: Viele Jüngere sind in die Ballungsräume gezogen, die Älteren bleiben allein zurück. "Wenn wir als Pflegedienst vor Ort erscheinen, merkt man, dass sehr viel Redebedarf bei den älteren Leuten ist."

Jugendliche in der Krise

Auch bei den Jungen sieht Gleißner wachsende Not. Nach Corona sei die Zahl der Beratungen sprunghaft gestiegen. Die Auswertung zeige: In mehr als zwei Dritteln der Fälle gehe es inzwischen um Suizidgedanken Jugendlicher und um Sucht.

Die Diakonie setzt deshalb früh an. Beraterinnen und Berater gehen in Schulen, in Kindergärten sollen Eltern sensibilisiert werden. Entscheidend sei, dass Beratung und Hilfe eng verzahnt sind. Gleißner beschreibt, was er vermeiden will: dass Betroffene erst im Sozialversicherungsdickicht untergehen, weil unklar ist, wer welchen Antrag stellt, und dass ein Fall nach dem Erstgespräch "unter ferner liefen" landet. Hilfe müsse sofort und passgenau vermittelt werden, und man müsse dranbleiben. "Je enger sich das verzahnt, desto eher hat man Erfolg."

Nicht gewinnorientiert – und das macht einen Unterschied

Was unterscheidet einen kirchlichen Träger von anderen? In der Pflege selbst wenig, sagt Gleißner offen. Die sei hoch standardisiert. Der Unterschied liege woanders: "Wir sind Gott sei Dank nicht gewinnorientiert." Natürlich müssten die Zahlen stimmen, Verluste könne man sich nicht über Jahre leisten. Aber es gebe Spielraum für individuelle Lösungen, auch für Mitarbeitende in schwierigen persönlichen Situationen. Und es gebe das christliche Menschenbild: Gepflegt werde jeder, gleich welcher Herkunft. Besonders in der letzten Lebensphase könne die Diakonie mit spiritueller und geistlicher Begleitung aus den eigenen Reihen "sehr viel Gutes für den Menschen tun".

"Das ist genau die christliche Frage"

Für Christian Kopp ist Diakonie keine Nebensache der Kirche, sondern ihr Kern. Die Jesus-Geschichten seien Erzählungen über Diakonie. "Wenn Jesus fragt: Was willst du, dass ich dir tue? Das ist genau die christliche Frage."

Von Gleißner habe er gelernt, dass auch die Kirche noch einen Weg zu gehen hat: Sie müsse die Unterstützung, die eine professionelle Diakonie bieten kann, stärker annehmen, etwa bei der Geschäftsführung von Kitas oder in der Beratung. "Diakonie und Kirche gehören einfach ganz eng zusammen."

Wie niederschwellig diese Hilfe sein kann, zeigt für Kopp die Beratungsstelle KASA. Dorthin kämen Menschen, die "zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben" haben, oft als allerletzten Schritt. In einer Sprechstunde können sie ihre Not schildern. "Das sind ja keine riesigen Summen", sagt Kopp. Mal gehe es um einen knappen Monat, mal um die Konfirmation, mal um einen Schulranzen. "Es sind ja tausend Themen." Eine evangelische Kirche ohne solche Angebote kann er sich nicht vorstellen.

Ein Sprachrohr nach außen

Gleißners Wunsch geht direkt an den Landesbischof. Bestärkt hat ihn Kopps Predigt am Vorabend, in der dieser von seinem unerschütterlichen Vertrauen auf Gott sprach. Die Diakonie löse ihre Probleme jeden Tag still, sagt Gleißner, schon aus Rücksicht auf die Schicksale der Einzelnen. Umso mehr brauche sie jemanden, der für sie öffentlich spricht, "wie eine Galionsfigur". Kopp könne das mehr als jeder Verbandsvertreter.

Es gehe darum, auch in kirchlichen Gremien deutlich zu machen: "Wir sind Kirche, und zwar nicht nur in unseren Leitbildern, sondern wir leben das tagtäglich." Aussprechen müsse er den Wunsch eigentlich nicht, fügt Gleißner hinzu. "Der Landesbischof erfüllt ihn."