Ausgerechnet auf dem Platz, der für den Bundespräsidenten vorgesehen war, hatte das Polster ein Loch. Entdeckt haben es der evangelische Kulmbacher Dekan Friedrich Hohenberger und sein katholischer Kollege Holger Fiedler bei einem Ortstermin in der Kirche "Unsere Liebe Frau". Sie schritten die Wege ab, überlegten, wo die Mitwirkenden stehen würden, und stellten sich vor, wo Frank-Walter Steinmeier sitzen würde. Erste Reihe – genau dort, wo das Polster vom häufigen Gebrauch schäbig geworden war. 

"Da war ein Loch. Das konnte so nicht bleiben", erzählt Hohenberger. Für ihn keine Peinlichkeit, sondern eine Frage der Gastfreundschaft: "Da musste auf den Besuch des Gastes reagiert werden – so wie ja jeder Gast besonders behandelt werden soll."

Am 18. Oktober kam der Bundespräsident mit seiner Frau Elke Büdenbender nach Kulmbach. Anlass war der ökumenische Erntedankgottesdienst mit anschließender Übergabe der Erntekrone. Bauern- und Landfrauenverband laden dazu gemeinsam mit evangelischen und katholischen Partnern jedes Jahr an einen anderen Ort ein. Gebunden hatten die Krone diesmal die Kulmbacher Landfrauen.

Die Anspannung, die Hohenberger an diesem Morgen spürte, legte sich schnell. Kurz nach der Ankunft, noch vor dem Gottesdienst, blieben ein paar Momente für ein Gespräch. Sie genügten. "Der Bundespräsident strahlte eine sehr gewinnende präsidiale Schlichtheit und Aufmerksamkeit aus", sagt der Dekan. Steinmeier und seine Frau hätten ihm das Gefühl gegeben, sich ganz persönlich auf die Zeit in Kulmbach zu freuen.

Im Gottesdienst einer von vielen

Außerhalb der Kirche war jede Handlung und jeder Beitrag mit dem Bundespräsidialamt abgestimmt. So will das Protokoll verhindern, dass ungewollte Botschaften entstehen. Im Gottesdienst dagegen hatten die beiden Pfarrer freie Hand – ein Vertrauen, vor dem Hohenberger im Rückblick großen Respekt hat. Steinmeier saß in einer Reihe mit allen anderen und war Teil der feiernden Gemeinde. Eine private Atmosphäre, weshalb aus dem Gottesdienst selbst auch nicht berichtet werden sollte.

Anders predigen als sonst wollten Hohenberger und Fiedler deshalb nicht. "Wir wollten einfach das tun, was wir in jedem Gottesdienst tun", sagt Hohenberger. Persönliche Vorlieben oder gar politische Ratschläge, nur weil sich die Gelegenheit bot, hatten keinen Platz. "Unsere Predigt soll eine Botschaft des Glaubens sein."

Kein Halm wächst schneller, wenn man daran zieht

Thema der Predigt war die Geduld. Das Bild dafür lieferte die Landwirtschaft, wie schon in der Bibel: Zwischen Saat und Ernte muss ein Bauer warten können. "Kein Halm wächst schneller, wenn ich daran ziehe", sagt Hohenberger. Geduld sei dabei "weder Vertröstung noch Nichts-Tun", sondern habe ein Ergebnis vor Augen. Er erinnert an ein afrikanisches Sprichwort, das Geduld mit einem Baum vergleicht: Er wurzelt in bitterem Boden und trägt doch süße Früchte.

Hohenberger geht noch weiter. Geduld sei "so etwas wie eine konkret gewordene Utopie" – das Wissen darum, was getan oder gelassen werden darf, "ohne dass Panik oder Angst Menschen um den Verstand bringt".

Zum bloßen Ritual wurde dieser Erntedank nicht. Nach einem klimatisch äußerst schwierigen Jahr habe er "eine Dankbarkeit aus tiefem Herzen für das, was noch gelingen durfte" gespürt, sagt der Dekan. Verbunden war sie mit der Bitte, die Schöpfung so zu bewahren, dass auch kommende Generationen gute Früchte ihrer Arbeit ernten können.

Zehn Stände, keine Abkürzung

Wie ernst Steinmeier den Termin nahm, zeigte sich nach dem Gottesdienst. Vor der Kirche präsentierten sich zehn Stände, und der Bundespräsident nahm sich an jedem Zeit, vom ersten bis zum letzten. "Da war er konsequent – und es dauerte", sagt Hohenberger, der ihn begleitete. Im Gespräch unterwegs sei hinter dem Amt ein Mensch mit seiner ganz privaten Lebenserfahrung erkennbar geworden.

Dazu gehört Steinmeiers eigene Prägung durch die Landwirtschaft. Die Übergabe der Erntekrone sei für ihn kein Bürotermin, berichtet Hohenberger; er wolle dorthin gehen, wo das Getreide für die Krone wächst. Die Bäuerinnen und Bauern hätten erlebt, dass da einer ihre Sorgen nicht nur wahrnimmt, sondern versteht und aus vollem Herzen dankt. Ausdrücklich gewürdigt habe Steinmeier die Rolle der ganzen Familien und der Frauen auf den Höfen. Für Hohenberger zeigt sich an solchen Begegnungen, wie weise es ist, dass der Bundespräsident von einer großen Bundesversammlung in möglichst breitem Konsens bestimmt wird.

"Es jammert mich"

Die Sorgen auf den Höfen kennt der Dekan aus der Nähe. Das Dekanat Kulmbach unterhält gemeinsam mit dem Maschinenring eine kleine Dorfhelferinnenstation. Sie springt ein, wenn in den hochkomplexen Familienbetrieben jemand ausfällt. So erfährt Hohenberger von den drängenden Nöten. Doch dem Beruf der Dorfhelferin fehlt dringend Personal. "Es jammert mich, dass diese Situation den Druck auf Familienbetriebe immer weiter erhöht", sagt er.

Und noch etwas stört ihn: "Es ist schon erstaunlich, wie viele selbsternannte landwirtschaftliche Experten in Städten wohnen, die meinen, es besser zu wissen als die Landwirte vor Ort." Seinen Rat richtet er ausdrücklich an die eigene Kirche: Sie solle die Tugend des Zuhörens pflegen und mit den Betroffenen reden.

Ökumene, die entlastet

Kirchengemeinden sollten ihre noch vorhandenen Möglichkeiten nutzen, Menschen zusammenzubringen, sagt Hohenberger – und dorthin gehen, wo Menschen in ihrem Leben nach Antworten suchen. Das gilt auch für die Ökumene. Dass sie im Alltag kaum vorankomme, hält er für ein schiefes Bild: Es gelinge längst sehr viel mehr, als landläufig behauptet werde. "Die Blockaden finden oft im Kopf statt." Was das Miteinander tatsächlich bremse, sei die Überlastung der Hauptamtlichen, die mit ihren eigenen Verpflichtungen kaum über die Runden kämen. Seine Erfahrung: Ökumene gelingt dort, wo sie "nicht als zusätzliches, sondern als entlastendes Miteinander" gelebt wird.

Die Krone bleibt in Kulmbach

Sichtbar geblieben ist die Erntekrone. Sie ist im Kulmbacher Rathaus zu sehen, denn der Bundespräsident konnte ihr keinen angemessenen Platz bieten: Wegen der Renovierung seines Dienstsitzes ist er in einem Interimsquartier untergebracht. Nun dürfen die Kulmbacher sie bestaunen.

Und für Hohenberger bleibt noch etwas, das er gern mit vielen teilt: Stolz auf einen Landstrich, der den Besuch des Bundespräsidenten zu Recht wert war – "weil hier Menschen mit Herz, Verstand und Gottvertrauen ihr Leben gestalten".