Die Bilder aus Caracas in der Nacht zum 3. Januar wirken surreal: Hubschrauber über der venezolanischen Hauptstadt, Explosionen, US-amerikanische Spezialeinheiten. Wenige Stunden später ist Präsident Nicolás Maduro in US-Gewahrsam – ein Ereignis, das nicht nur Venezuela, sondern die ganze Welt erschüttert. In diesem Moment politischer Ungewissheit richtet sich der Blick auch auf eine Institution, die über Jahrzehnte zwischen Anpassung und Widerstand schwankte: die Kirche.
Venezuela: Ein Land, tief verwurzelt im Glauben
Venezuela ist ein christlich geprägtes Land. Über 90 Prozent der Bevölkerung bekennen sich zum christlichen Glauben, die große Mehrheit davon katholisch. Daneben gewinnen evangelikale und pfingstlerische Gemeinden seit Jahren an Bedeutung.
Muslime, Buddhist:innen und Jüdinnen und Juden machen jeweils deutlich unter einem Prozent der Bevölkerung aus – nach Schätzungen der Organisation "Kirche in Not" (ACN) etwa 0,4 Prozent Muslime und 0,1 Prozent Buddhist:innen. Die genauen Zahlen variieren je nach Quelle, doch der christlich geprägte Charakter des Landes steht außer Frage.
Säkulare Verfassung trifft auf politische Realität
Religion spielt in Venezuela eine große Rolle, gesellschaftlich wie politisch – obwohl der Staat offiziell säkular ist. Die Verfassung garantiert Religions- und Gewissensfreiheit, die Unabhängigkeit der Kirchen und Religionsgemeinschaften und das Recht der Eltern, ihre Kinder nach eigenen Überzeugungen zu erziehen.
Doch dieses Versprechen steht seit Jahren unter Druck. Das Maduro-Regime förderte Religion selektiv nach politischem Kalkül – evangelikale Gemeinden wurden hofiert, die katholische Kirche bedrängt. Zugleich steckt das Land in einer tiefen Krise:Nach Angaben der Regionalen Koordinierungsplattform für venezolanische Flüchtlinge und Migranten (R4V) haben bis zu acht Millionen Menschen in den vergangenen zehn Jahren ihr Heimatland verlassen, angetrieben von wirtschaftlicher Not, politischer Verfolgung und der Erosion staatlicher Strukturen.
Ein Wendepunkt war die Präsidentschaftswahl 2024. Die Wahlbehörde erklärte Maduro mit rund 51 Prozent zum Sieger, obwohl unabhängige Nachwahlbefragungen und die Auszählung der Opposition einen klaren Vorsprung des Oppositionskandidaten Edmundo González nahelegten.
Internationale Organisationen dokumentierten massive Menschenrechtsverletzungen und Wahlmanipulation. Die katholischen Bischöfe im Land setzten sich zur Wehr: Sie forderten laut "Vatican News" Transparenz bei den Wahlergebnissen und sprachen öffentlich von einem "Klima der Angst" im Land an, sprachen von Verfolgung und Kampagnen der Unterdrückung.
Maduro und die gezielte Instrumentalisierung der Kirchen
Gegen den Widerstand der katholischen Kirche suchte sich das Maduro-Regime andere Partner: evangelikale Christ:innen, die es durch Geld, Kirchenrenovierungen und direkte Zuwendungen an Pastoren auf seine Seite zog. Während die katholische Kirche unter Druck geriet, stilisierte das Regime die Evangelikalen zur "wahre Kirche Gottes". Schon 2019 hatte Maduro einen eigenen Gedenktag für evangelikale Pfarrer geschaffen. Sein Sohn Nicolás Maduro Guerra übernahm die Zuständigkeit für religiöse Angelegenheiten innerhalb der Sozialistischen Partei.
Wie konkret dieser Druck aussah, dokumentiert das US State Department in seinem "International Religious Freedom Report 2023": die Schließung eines religiösen Radiosenders, Bedrohungen katholischer Geistlicher durch regimeaffine bewaffnete Gruppen, Diffamierungen von Bischöfen durch Maduro-Anhänger. "Vaticannews" berichtete vor Weihnachten 2025 zudem über den Reisepassentzug eines Kardinals am venezolanischen Flughafen auf dem Weg zu einem kirchlichen Termin im Vatikan.
Die verfassungsrechtlich garantierte Religionsfreiheit bleibt somit Theorie. In der Praxis förderte oder unterdrückte das Regime Religion jahrzehntelang nach politischem Kalkül. Von der behaupteten staatlichen Neutralität ist nichts geblieben – kritische Stimmen aus der katholischen Kirche wurden bedrängt, religiöse Minderheiten blickten mit wachsender Sorge in die Zukunft.
Nach dem US-Einsatz: Bischöfe rufen zu Frieden und Solidarität auf
Dann kam der 3. Januar 2026. Nach dem US-Militäreinsatz und der Festnahme Maduros meldeten sich die venezolanischen Bischöfe erneut zu Wort. In einer Botschaft drückten sie ihre Solidarität mit den Verletzten und Angehörigen der Opfer aus – bei den Angriffen wurden nach venezolanischen Angaben mindestens 80 Menschen getötet.
Die Bischöfe riefen außerdem zu Ruhe, Weisheit und innerer Stärke auf: "Wir richten einen Aufruf an das Volk Gottes, die Hoffnung intensiver zu leben und inständig für den Frieden in unseren Herzen und in der Gesellschaft zu beten." Und lehnten "jede Form von Gewalt" ab. Ihr Appell lautete:
"Mögen sich unsere Hände für Begegnung und gegenseitige Hilfe öffnen, und mögen alle Entscheidungen stets zum Wohl unseres Volkes getroffen werden."
Papst Leo XIV. und die internationale Mahnung für Menschenrechte
Auch Papst Leo XIV. äußerte sich besorgt und rief zur Achtung der Souveränität Venezuelas und zum Schutz der Menschenrechte auf. Das Wohl des venezolanischen Volkes müsse Vorrang vor allen anderen Erwägungen haben.
Die Zukunft Venezuelas bleibt ungewiss – und mit ihr die Religionsfreiheit. Sie hängt von zwei Dingen ab: einem echten demokratischen Übergang im Land selbst und dem Druck, den die internationale Gemeinschaft und die venezolanische Zivilgesellschaft aufbauen können.
In einem Land, das zwischen Hoffnung und Trauma schwankt, bleibt die Stimme der Kirche ein Gradmesser. Sie stellt eine Frage, die weit über Venezuela hinausreicht: Wie viel Freiheit verträgt ein Staat, der sich säkular nennt? Und wie viel Neutralität kann er wahren, wenn die Versuchung der Instrumentalisierung so nahe liegt?