1.04.2018
Predigt zur Osternacht

Aus dem Dunkel ins Licht

An jenem Morgen kamen die Frauen an das Grab, um seinem Leichnam einen letzten Dienst zu erweisen. Doch Jesus war nicht mehr da. Christus war auferstanden. Lesen Sie hier die Predigt zur Osternacht aus der Kirche St. Michael in Fürth, von Pfarrer Hans-Ulrich Pschierer.
Osternacht Kerzen Kirche

1.    Raststätte

Ich war mit dem Auto unterwegs und habe eine Pause eingelegt an einer Raststätte. Es war nicht viel los. Gegenüber von mir hat ein junger Vater sein Kind auf dem Schoß gehabt. Es war vielleicht drei Monate alt – ob es ein Junge oder ein Mädchen war, weiß ich nicht. Halt so ein kleines Bündel Leben, aus dem ein kahler Kopf und zwei Ärmchen herausschauen. Sie haben ein altes Spiel gespielt. Immer wieder hat es der Vater hoch über den Kopf gehoben, erst vorsichtig und dann mit ein bisschen Schwung. Der Papa hat gelacht und das Kind hat die Augen aufgerissen und den Mund dazu -  und hat ganz selbstvergessen gegrinst, als wären ihm gerade wirklich Flügel gewachsen, als könnte es fliegen. Ich habe mich gleich erinnert wie ich das selbst mit meinen Kindern gemacht habe. Und wie leicht sich das angefühlt hat. So leicht ist das Leben, wenn es gerade erst geschenkt ist. Da ist ja noch nicht viel. Zwei Gesichter, die strahlen vor Glück. Nicht einmal ein Stofftier. So ohne Gewicht schenkt Gott das Leben.

So leicht wird das Leben sein, wenn die Welt ihre Hand zurückzieht. An Ostern, in der Auferstehung von den Toten.

2. Leicht

Auch in der Ostergeschichte verlieren die Dinge ihr Gewicht. Zuerst ganz physisch: der Stein. Ein Jüngling wälzt alleine den schweren Stein von des Grabes Tür. Die Welt hat ihre Hand zurückgezogen von Jesus. Nicht mehr Hunderte, die ihn hören wollen an diesem Ostermorgen, nicht einmal die Jünger, kein Petrus, geschweige denn ein Kaiphas oder Pilatus. Die Frauen kommen an diesem Ostermorgen, um seinem Leichnam einen letzten Dienst zu erweisen. Und dann sagt dieser Jüngling so leicht dahin:

"Ihr sucht Jesus, den Gekreuzigten. Er ist nicht hier. Er ist auferstanden."

Das kann doch nicht sein, dass einer dem Tod sein Gewicht genommen hat. Die Frauen fliehen. Als sie den Schreck überwunden haben, werden ihre Füße leicht und sie erzählen die Osterbotschaft.  Der Vater des Lebens hat den Sohn herausgerissen mit Schwung. Das Leben selbst, das Gott schafft, das braucht das Gewicht der Dinge nicht.

3. Zugriff

Das Leben selbst ist leicht. Und der, der es schenkt, der das Leben ist, der gibt keine sichere Gebrauchsanweisung. Aber ich will ihm sein leichtes Leben doch gar nicht glauben. Die Welt und ihre Dinge sind doch mein Ein und Alles. Ostern muss da rein in meine Welt.

Klar - die Welt greift nach mir– aber ich greife auch nach ihr. Und wie gerne. Das ist beim ersten Stofftier losgegangen, das ich an mich gedrückt habe. Da sind die Dinge wichtig geworden. Und schnell bekommt jedes Kind spitz, das es noch mehr Stofftiere und Modellautos und nicht nur Lego Classic gibt, sondern Lego Technic und Lego Star Wars und Lego Creator und was noch alles. Wie viele Möglichkeiten. So schön ist die Welt.

Wir greifen nach dieser Welt und entdecken, was in uns steckt. Und wir spinnen unsere Fäden. Manche werden zu Stricken, einzelne zum starken Tau. Ausbildung, ein Beruf, all das hält uns und trägt uns jetzt. Dazu die Menschen, die Liebe, die uns ausmacht. Alles soll lange halten, mich halten.

Nebenher sammeln wir allerhand an. Meine Umzüge als Student habe ich noch mit dem PKW gemacht. Für die erste eigene Wohnung brauchte ich schon einen Kleintransporter. Und heute brauche ich einen Umzugslaster mit Anhänger.

Es ist etwas aus mir geworden! Ich habe etwas erreicht. Ein Mann mit Gewicht!

Aber mit meinen 80 kg will mich niemand mehr herumtragen, geschweige denn hochwerfen und fliegen lassen. Das kann ich auch keinem Menschen zumuten.

4. Er ist nicht hier

Mein Leben mit allem Gewicht kann ich nur Gott zumuten, der es mit leichter Hand zu sich nimmt. Das kann man an der Ostergeschichte sehen. Selbst das Grab Jesu war nur geliehen. Josef von Arimathäa hatte Mitleid. Jesus selbst hatte nicht vorgesorgt. Wenn man das vergleicht: Andere Gräber füllen bis heute Museen. Zum Beispiel das von diesem Pharao, Tut Ench Amun. Da hat man eine goldene Totenmaske gefunden, jede Menge Schmuck und Möbel, Pfeil und Bogen zur Verteidigung und eine Reihe Götterstatuen. Siebzig Tage hat man gearbeitet, um ihn einzubalsamieren und alles schön zu machen, und das Grab mit Leben zu füllen.

Jesus hat es zu nichts gebracht, was sein Grab ein wenig lebendiger hätte machen können. Um den Mantel hatten die Soldaten gewürfelt. Dinge, die Jesus gehört haben, und  die man hätte dazulegen können, würden einem gar nicht einfallen, "Jesuslatschen" vielleicht – sind die historisch? Jesus Christus hat schon auf Erden so leicht gelebt, so schwerelos.

Ich dagegen habe jede Menge Kram. Ich hoffe mal, dass mir das keiner hinterherwirft. Ich will mit meinem Leben kein Grab füllen. Freilich will ich so leben, dass sich ein paar Menschen gerne an mich erinnern und natürlich freue ich mich daran, nach der Welt zu greifen, sie zu gestalten.
Aber gerade an Ostern kann einem bewusst werden, dass unser Leben leicht gedacht ist. Am Ende wird für uns das gelten, was der Jüngling sagt: 

"Er ist nicht hier. Er ist auferstanden."

5. Hochwerfen

Ich bin zuversichtlich, dass wir dann unser Gewicht Gott zumuten können. Er wird uns ein wenig herumtragen und hochwerfen und uns sein lassen wie die Vögel. So leicht - und so schön - und so wahr, wie er unser Leben immer gedacht hat.

Bis dahin könnten wir hier schon österlich leben. Mit dem eigenen Gewicht nicht übertreiben. Und mit der Bedeutung, als müssten wir mit unserem Leben dereinst Gräber füllen. Wenn sich die Gelegenheit bietet, eine Rast einlegen. Auf jeden Fall dann, wenn es darum geht, die Kinder oder Enkel hochzuheben und fliegen zu lassen. Bloß nicht die Gelegenheit verpassen, sich ihr schwereloses Lachen auch auf’s eigene Gesicht zaubern zu lassen. Oder nebenher mit dem Kuli auf der Serviette einen Osterhasen malen, der in keinem Museum hängen wird. Hinausgehen - auch wenn’s regnet und dann um die Wette, - wer zuerst vorne am Baum ist.

So viel Zeit muss sein, auch wenn die geliebten Fäden und Stricke und Taue an uns ziehen. Und wenn das Telefon schon wieder klingelt und die Welt nach uns verlangt, dann denken wir an den Jüngling im weißen Gewand im Grab Jesu!

Wir lassen ihn in Gedanken rangehen und sagen:

"Er ist nicht hier. Er ist auferstanden."

Amen. Und Ihnen allen ein gesegnetes und frohes Osterfest!

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