Können Bäume zuhören oder Pflanzen Daten speichern? Der Religionswissenschaftler und Pfarrer Simon Wiesgickl untersucht für seine Habilitation an der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen (FAU), wie groß der Graben zwischen Mensch und Bäumen ist und geht Phänomenen wie Baumgeistern auf die Spur.
In dem bekannten Lied "Mein Freund, der Baum" trauerte die Sängerin Alexandra 1968 um einen Baum vor ihrem Fenster. Können Bäume menschlich sein und umgekehrt?
Simon Wiesgickl: Unbedingt. Und dieses Lied ist eine Spur dafür, dass es in unserer Kultur ein ganz starkes Gefühl zu einzelnen Bäumen oder Baumarten gibt. Wir fühlen uns instinktiv zu ihnen hingezogen - umso mehr, je gefährdeter der Wald ist. Denken Sie an das Waldsterben oder an den Film "Als die Tiere den Wald verließen". Das hat uns geprägt.
In Fabeln haben Tiere und Pflanzen schon lange menschliche Züge
In einem seiner Bücher geht der Förster und Bestsellerautor Peter Wohlleben so weit, zu sagen, er sei nur der Ghostwriter für eine Buche, die ihm ihre Biografie diktiert habe. Soll man das wörtlich nehmen?
Da wird es wissenschaftlich interessant, denn die kritische Frage lautet: Wie weit können wir Bäumen zuhören und ihre Sprache in die menschliche Sprache übersetzen. Gerade wird kulturwissenschaftlich darüber diskutiert, wie handlungsmächtig Pflanzen sind. In Fabeln haben Tiere und Pflanzen ja schon lange menschliche Eigenschaften. Neu ist, dass sie auch in der modernen Literatur mit Eigenschaften versehen werden. In dem Roman "Phythopia Plus" von Zara Zerbe wird aus der Perspektive der Pflanzen erzählt, wie Pflanzen zu Speichermedien für den menschlichen Geist werden. Das ist ein Beispiel dafür, wie man über den garstigen Graben zwischen Mensch und Pflanze springen kann.
Aber inwiefern nutzt Wohlleben die Buche aus, um uns seine Botschaft zu erzählen?
Das ist eine philosophische Frage, die ich auch in meinem Habilitationsprojekt untersuche: Wie werden Bäume in der Literatur, in der Kosmologie und in religiösen Erzählungen mit eigener Stimme versehen und sind handlungsfähig und wieweit darf man ihnen Intentionen, Bewusstsein oder Verantwortung zuschreiben.
Ihr Thema ist ja auch ein religiöses. Die Theologin Dorothee Sölle etwa hat ein Gedicht geschrieben, in dem es den Vers gibt "dass einmal die Bäume Lehrmeister sind". Kann man zum Beispiel dem Baum der Erkenntnis aus der Schöpfungsgeschichte in der Bibel eine Verantwortung zuschreiben dafür, dass die Menschen aus dem Paradies vertrieben wurden?
Warum gehen wir davon aus, dass Bäume keine Handlungsmacht haben?
Es gibt auch neuere ökologische Lesarten für biblische Texte, die genau diese Fragestellung anwenden. Nicht so sehr für den "Baum der Erkenntnis", aber am Ende der Bibel in der Offenbarung ist die Rede von Bäumen, deren Blätter zur Heilung der Völker beitragen. In den Psalmen ist die Rede von den Bäumen, die Gott zujubeln. Wenn man es also zuspitzen möchte, ist die Frage nicht, ob Bäume Handlungsmacht und Subjektstatus haben, sondern warum wir davon ausgehen, dass sie es nicht haben. Erst in der Frühen Neuzeit sieht sich der Mensch als außerhalb der Natur stehend und nicht mehr als Teil von ökologischen Bezügen.
Sie haben für Ihr Projekt eine Reise nach Nordindien unternommen und dort erlebt, dass indigene Gemeinschaften diese Trennung nicht vollzogen haben.
Ja, mich interessiert, wie philosophische indigene Systeme andere Antworten auf die Mensch-Natur-Beziehung geben. In vielen Kosmologien und Geschichten dort ist das mehr als Menschliche fester Bestandteil von Flüssen, Wäldern oder Bergen. In der Himalaja-Gegend liegt der Kangchenjunga, der dritthöchste Berg der Erde, der von den Rong als Bruder und Teil der Familie angesehen wird.
Wie bringen indigene Völker, die Bäume als handlungsfähig ansehen, es in Einklang, Bäume auch zu nutzen, zum Beispiel als Brennholz?
Nicht alle Pflanzen und Bäume gelten als heilig. Es gibt auch bestimmte Pflanzen, die genutzt und gebraucht werden können. Dann aber gibt es auch wieder besonders große Bäume oder Pflanzen an besonderen Orten, die quasi unter einem besonderen Schutz stehen. Ihnen werden Kräfte und Fähigkeiten zugeschrieben. Wer solche Bäume fällt, die vielleicht Schutzgeister beherbergen, muss damit rechnen, dass er die mehr als menschlichen Wesen verärgert.
Der Film "Avatar" zeigt Naturspiritualität
Beeinflussen auch in der westlichen Welt die Ökologie oder die ökologische Bewegung die Religiosität der Menschen?
Ja unbedingt. Ich beschäftige mich mit der globalen Religionsgeschichte, die davon ausgeht, dass Diskurse in Nordostindien nicht losgelöst von globalen Diskursen und Trends gesehen werden können. Zudem finden sich in lokalen Kulten globale Praktiken wieder. Das kann an dem Blockbuster "Avatar" gut diskutiert werden. Seit der ersten Folge ist die Frage, wie sehr der Film auch die Sehnsucht nach einer Naturspiritualität darstellt.
Eine letzte Frage: Seit Weihnachten haben wir einen toten Baum, den Christbaum, in unseren Häusern stehen. Bringen Sie auch das mit der Religion der Bäume in Verbindung?
Ja, das ist ein Zeichen für die besondere Bedeutung von Bäumen und unserer Beziehung zu Bäumen, dass auch der Weihnachtsbaum in unserer Kultur jemand ist, für den wir Lieder wie "O Tannenbaum" singen und von dem wir sogar etwas lernen können.
Simon Wiesgickl
Simon Wiesgickl wurde 1986 in Heidelberg geboren. Er studierte evangelische Theologie in Erlangen, Tübingen und Madurai (Indien). Der Pfarrer der Evangelischen Landeskirche Bayern hatte berufliche Stationen als wissenschaftlicher Dozent in Erlangen und Hongkong.
Derzeit schreibt Wiesgickl seine Habilitationsschrift über die Religion der Bäume im Zeitalter der Ökologie. Er widmet sich dabei einem großen geistesgeschichtlichen Panorama und stellt Anfragen an unsere Art, über Bäume zu denken.
Nach eigenen Angaben ist bisher erst einmal in seinem Leben von einem Baum gefallen. Er lebt in Nürnberg und kann von seinem Schreibtisch aus mehrere alte Eichen sehen. Mit seinen beiden Kindern übernachtet er gerne im Schlafsack unter einer großen Linde.