Ein schroffer Kalksteinquader, hoch wie die Jerusalemer Klagemauer, und darauf ein goldschimmernder Kubus: Seit 2006 hat die jüdische Gemeinde in München wieder eine repräsentative Hauptsynagoge in der Innenstadt mit Namen "Ohel Jakob" ("Zelt Jakobs").
Zu verdanken ist das Jüdische Zentrum am Jakobsplatz maßgeblich der langjährigen Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde (IKG) München und Oberbayern, Charlotte Knobloch. Jahrelang hatte die heute 92-Jährige dafür gekämpft, dass das Münchner Judentum wieder im Bewusstsein der Menschen und im Herzen der Stadt ankommt, wie sie einmal dem Evangelischen Pressedienst (epd) sagte.
Der Bau des Jüdischen Zentrums unweit des Münchner Marienplatzes markiert einen Höhepunkt in der Geschichte der Kultusgemeinde, die nur zwei Monate nach dem Ende von Nationalsozialismus und Holocaust einen Neustart wagte: Am 15. Juli 1945 wurde sie unter anderem vom Münchner Rechtsanwalt Fritz Neuland (1889-1969), dem Vater Charlotte Knoblochs, wiedergegründet.
Landesbischof Kopp: Kirche sehr dankbar für Austausch mit Knobloch
Zum 80. Jahrestag gab es am Dienstag (15. Juli) einen großen Festakt mit viel Politprominenz: Von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) über Landtagspräsidentin Ilse Aigner und Ministerpräsident Markus Söder (beide CSU) bis hin zu Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) reichte die Liste der geladenen Gäste.
Mit emotionalen Worten hat Charlotte Knobloch dabei den 80. Gründungstag der jüdischen Gemeinde gewürdigt. Am 15. Juli 1945 sei hier "aus der zerstäubtesten Asche im tiefsten Abgrund der Menschheitsgeschichte" neues jüdisches Leben entstanden, sagte die 92-Jährige am Dienstagabend.
In einem unglaublichen Kraftakt hätten es die Menschen damals vermocht, "aus ihrem schieren Überleben ein echtes, ein reiches, ein beglücktes Leben zu formen", sagte sie beim Festakt in der Münchner Ohel Jakob Synagoge
Trotz hochrangiger politischer Gäste sei der Abend keine politische Veranstaltung, betonte Knobloch. Man feiere bewusst in der Synagoge, denn "wir sind hier, um zu danken, für das Wunder des Lebens".
Auch der bayerische Landesbischof Christian Kopp hat Charlotte Knobloch (92), für deren jahrzehntelanges Engagement gewürdigt. "Ohne Sie können wir uns das Zusammenleben in Bayern nicht vorstellen", sagte der evangelische Theologe in einem Glückwunschschreiben an Knobloch. "Wir schätzen Ihre klaren Aussagen und Ihre Aufmerksamkeit für Ungerechtigkeiten." Die bayerische Landeskirche stehe solidarisch an der Seite der Jüdinnen und Juden in Bayern.
Die christliche Kirche sei sehr dankbar, seit Jahrzehnten in einem sehr intensiven und geschwisterlichen Austausch mit Knobloch und der Gemeinde zu sein, schreibt Kopp weiter. Man sei verbunden im unbedingten Einsatz für den Frieden und gegen jede Form von Diskriminierung, Rassismus, Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit und jegliche Form von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.
Geschichte des Judentums in München reicht weit zurück
Die Anfänge des Judentums in München reichen Jahrhunderte zurück. Bereits kurz nach der Stadtgründung 1158 siedelten sich Jüdinnen und Juden an, schreibt die Kultusgemeinde auf ihrer Homepage. Laut dem Haus der Bayerischen Geschichte entstand bereits im 12. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde. Mit herzoglicher Erlaubnis wurde 1210 eine Synagoge beziehungsweise ein Betsaal angelegt.
Der erste namentlich erwähnte Jude der Stadt war 1229 "Abraham de Municha". Über die Jahrhunderte wechselten sich Vertreibung und Wiederansiedlung ab. 1442 wurden jüdische Menschen dauerhaft aus München und Oberbayern vertrieben.
Erst im 18. Jahrhundert kamen wieder Jüdinnen und Juden in die Stadt, 1815 wurde die Israelitische Kultusgemeinde München gegründet, 1824 durfte die Gemeinde sogar eine Synagoge bauen. Im Laufe der Jahre nahmen die Restriktionen gegenüber der jüdischen Bevölkerung weiter ab, 1871 - mit der Gründung des Deutschen Kaiserreichs - erlangte die jüdische Bevölkerung endgültig die gleichen Rechte wie die christliche Mehrheitsgesellschaft.
1887 wurde die prachtvolle Münchner Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße eingeweiht. Sie galt laut IKG als eine der schönsten Synagogenbauten Europas, war die drittgrößte Synagoge in Deutschland und spiegelte das damalige jüdische Selbstbewusstsein wider.
Nazis löschten jüdisches Leben nahezu aus
Doch der Nationalsozialismus löschte das jüdische Leben in München nahezu aus: 1938 wurde die Hauptsynagoge - noch vor der Reichspogromnacht am 9. November - von den Nazis zerstört. Die orthodoxe Synagoge "Ohel Jakob" an der Herzog-Rudolf-Straße brannte aus, die erst 1931 eingeweihte Synagoge in der Reichenbachstraße wurde verwüstet. Am 16. Juni 1943 lösten die Nationalsozialisten die Kultusgemeinde als eigenständige Institution auf. Am Ende des Zweiten Weltkriegs gab es nicht einmal mehr 100 überlebende Jüdinnen und Juden in der Stadt.
Am 15. Juli 1945 dann die Wiedergründung als "Israelitische Kultusgemeinde München und Oberbayern": Schnell wuchs die jüdische Gemeinde auf rund 7.500 Mitglieder an. Am 20. Mai 1947 wurde die wiederhergestellte Synagoge in der Reichenbachstraße eingeweiht. Bis zum Bau der Ohel-Jakob-Synagoge 2006 war sie die Münchner Hauptsynagoge, dort befand sich auch der Sitz der Israelitischen Kultusgemeinde. Durch den Umzug der IKG in ihr neues Zentrum verfiel das jüdische Gotteshaus im Glockenbachviertel, das eine der weltweit wenigen Synagogen im Bauhaus-Stil war. Im September soll der imposante Bau nach langen Jahren der Sanierung wiedereröffnet werden.
Schwerer Anschlag 1970
Die Reichenbachstraße war außerdem Schauplatz eines der schwersten Attentate auf die jüdische Gemeinschaft im Nachkriegsdeutschland. Bei einem Brandanschlag auf ein jüdisches Seniorenheim direkt neben der Synagoge kamen am 13. Februar 1970 sieben Jüdinnen und Juden ums Leben. Sechs von ihnen starben in den Flammen, ein siebter beim Sprung aus dem vierten Stock. Die meisten von ihnen waren Holocaust-Überlebende. Der oder die Täter konnten bis heute nicht ermittelt werden. Der Anschlag geriet über die Jahre in Vergessenheit.
Mit der Einweihung der neuen Hauptsynagoge "Ohel Jakob" am 9. November 2006 war das Judentum wieder im Zentrum Münchens angekommen. Der Bau sei ein Symbol für die Heimkehr der Juden in Bayern, sagte IKG-Präsidentin Charlotte Knobloch. Das Jüdische Zentrum am Sankt-Jakobs-Platz besteht neben der Synagoge aus einem Gemeindehaus, Kulturzentrum und Museum.
Der unterirdische "Gang der Erinnerung" verbindet das Gemeindehaus mit der Synagoge und listet die Namen der 4.500 Münchner Jüdinnen und Juden auf, die durch das NS-Regime ermordet wurden. Heute zählt die IKG München und Oberbayern rund 9.300 Mitglieder und bildet somit die größte jüdische Gemeinde in Deutschland.