Feministische Theologie rückt Frauen in den Fokus – und das in vielfältiger Weise: "Von Anfang an ging es darum, wie Frauen in der Theologie vorkommen bzw. nicht vorkommen, welche Sicht auf Frauen vermittelt wird und welche Folgen dies für Frauen hatte und bis heute hat", erklärt Uta Schmidt. Sie ist Professorin für Feministische Theologie/Gender Studies an der Augustana Hochschule Neuendettelsau.
Doch längst beschränke sich feministische Theologie nicht mehr nur auf Frauen, erklärt Schmidt im Sonntags-Interview: Sie analysiere Diskriminierung aufgrund von Geschlecht und arbeite mit Menschen aller Geschlechtsidentitäten an Visionen für eine gerechte Welt im Sinne Gottes.
Wer prägte feministische Theologie?
Die feministische Theologie hat ihre Wurzeln in der politischen Frauenbewegung der 1960er- und 1970er-Jahre, die maßgeblich aus den USA beeinflusst wurde. "Das bedeutet allerdings nicht, dass nicht in allen Teilen der Welt Frauen gegen Diskriminierung, für eine Theologie und Kirche gekämpft und gedacht hätten, in der Frauen einen Platz haben und die sie mitgestalten können", betont Schmidt.
In Deutschland zählten Dorothee Sölle, Elisabeth Moltmann-Wendel und Luise Schottroff zu den bekanntesten Vorreiterinnen.
"Alle drei haben nicht als Feministinnen angefangen, sondern sich im Kontakt mit Kolleginnen aus den USA dahin entwickelt."
International prägend sei beispielsweise auch Mercy Amba Oduyoye aus Ghana.
Was macht feministische Theologie besonders?
Feministische Theologie ist eine Querschnittsdisziplin. Das bedeutet, sie durchdringt alle Bereiche der Theologie – von Bibelwissenschaften über Kirchengeschichte bis zu Ethik, Dogmatik und praktischer Theologie.
"Die feministische Theologie ist, wie zum Beispiel auch die Befreiungstheologie oder die Disability Studies, ein Zugang, der ausdrücklich von Erfahrungen der Gegenwart ausgeht und von da aus theologisch fragt", erklärt Schmidt. Sie ist eng mit politischen Bewegungen wie Feminismus, Behindertenbewegung oder Bürgerrechtsbewegung verbunden, auch wenn sich nicht alle feministischen Theolog*innen als politische Aktivist*innen verstehen.

Aktuelle Herausforderungen
Heute ist feministische Theologie kaum mehr von den Gender Studies zu trennen. "Gender" meint dabei mehr als "Frauen" – es geht um soziale Geschlechtsidentitäten, die durch gesellschaftliche und kulturelle Regeln entstehen.
Die Frage, wie Geschlecht in der Theologie verhandelt wird, steht im Mittelpunkt.
"Feministische Theologie und theologische Gender Studies zeigen, dass Geschlecht oft ein Grund für Unterdrückung ist, dass aber für viele Frauen weitere Faktoren der Diskriminierung dazukommen, die sich nicht allein addieren, sondern vermischen"
Der Fachbegriff für diese Wechselwirkungen lautet ‚Intersektionalität‘.
Doch es gibt auch neue Herausforderungen: "Gender ist in manchen Diskursen zum Hassbegriff geworden, sodass eine sachliche Diskussion schwierig wird und Theologinnen angefeindet oder sogar bedroht werden." Gleichzeitig wachse das Bewusstsein für die Vielfalt von Diskriminierungen und die eigene Verstrickung in Machtstrukturen.
Wer ist aktiv in der feministischen Theologie?
Vor allem Frauen und queere Menschen seien in der feministischen Theologie aktiv. Doch auch Männer zeigten zunehmend Interesse und beteiligen sich.
"Immer mehr Männer interessieren sich und beteiligen sich, wenn es um feministische und gender-gerechte Theologie geht. Das erfordert natürlich, Feminismus neu zu bestimmen oder unter anderen Bezeichnungen zusammen weiterzuarbeiten."
An der Augustana Hochschule in Neuendettelsau finde diese gemeinsame Arbeit in Seminaren der feministischen Theologie und der Gender Studies statt.
Feministische Theologie ist also weit mehr als ein Nischenthema. Sie steht für eine kritische Auseinandersetzung mit Geschlechtergerechtigkeit, Diskriminierung und gesellschaftlicher Vielfalt – und das nicht nur in der Theologie, sondern auch in Kirche und Gesellschaft.
Uta Schmidt: Vier Lesetipps für Einsteiger*innen
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Sara Jäger: Jenseits des Patriarchats. Ansätze feministischer Theologie – Ein kompakter Überblick, online frei verfügbar.
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theoversity: Theologinnen aus Afrika, Lateinamerika und Europa – Porträts und Einblicke auf der Website.
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Mira Ungewitter: Gott ist Feministin. Mein Leben mit Eva, Maria und Lady Gaga – Persönliche Erfahrungen und Zugänge.
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Die Bibel und die Frauen – Eine wissenschaftliche Reihe, herausgegeben von internationalen Theologinnen, in mehreren Sprachen
Kommentare
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In der Evangelischen Kirche…
In der Evangelischen Kirche können Frauen alles machen und werden wenn sie es wollen.
Auch queere Menschen werden doch nicht ausgegrenzt.
Feministische Theolgie in der katholischen Kirche oder in einer anderen Religion wäre gut.
Hm, man muss zwischen alles…
Hm, man muss zwischen alles machen (was ich übrigens bestreiten würde auch wenn die meisten Gemeinden recht liberal sind) und alles werden und der Theologie unterscheiden. Nur weil es eine formale Gleichberechtigung gibt, heißt das nicht, dass es keine Diskriminierung mehr gibt und insbesondere nicht, dass absolut niemand in der Kirche diskriminiert. Die Theologie hängt zwar sicher mit der Kirchenorganisation insoweit zusammen, dass man immer versuchen wird keine fundamentalen Widersprüche zu produzieren, d. h. man muss diverse Positionen biblisch begründen. Allerdings ergeben sich immer noch Spannungen, weil wir in der Bibel den gesellschaftlichen Verhältnissen von vor 2000 Jahren begegnen und diese mit den heutigen ganz anderen Verhältnissen irgendwie abgleichen müssen und andererseits keine Einheitlichkeit in der evangelischen Kirche besteht wie wörtlich, metaphorisch oder kontextuell die Bibel zu lesen ist. Den Katholiken bleibt ihr Teil überlassen. Das bedeutet aber nicht, dass bei uns alles erledigt ist.
Aber besser wird es nicht…
Aber besser wird es nicht werden.Die Kirchenaustritte werden nicht weniger werden.
Und denen,die Sonntags in die Kirche gehen ist feministische Theologie vollkommen egal.
Und die katholische Kirche wird so bleiben,es wird sich nichts aendern.
Hm, so richtig viel verrät…
Hm, so richtig viel verrät der Artikel nun nicht wie verbreitet das Thema in der Kirche eigentlich tatsächlich ist und was es konkret bedeutet. Wir erfahren zwar etwas über historische Vorbilder und dass es da einen Forschungsstandort gibt, aber dann wird es schnell nebulös indem wir erfahren, dass es in der feministischen Theologie eigentlich gar nicht um Frauen sondern irgendwie um Multidiskriminierung von allem möglichen geht und alles sehr themenübergreifend und dann irgendwie für den nicht eingeweihten Betrachter ziemlich beliebig wird, angereichert mit Denglishen Fachbegriffen. Schade eigentlich. Dabei gäbe es zum Thema Frauen, Religion und Kirche wahrscheinlich viel zu sagen sowohl historisch (Bibel, Luther, Kirchenmusik) als auch gegenwärtig Lehramt und Leihenamt, typische Aufgabenverteilungen in Gemeinden, Gruppendynamik, Sprache im Gottesdienst usw.. Die Einführung weltlicher Grabenkämpfe in den kirchlichen Raum und unkritische Übernahme fragwürdiger soziologischer Theorien aus dem Ausland in die doch ziemlich kleingewordene Welt unserer Gemeinden halte ich dagegen für eher entbehrlich. Natürlich gibt es auch Zusammenhänge zwischen der Diskriminierung verschiedener Personengruppen, allerdings stellt sich die im kirchlichen Rahmen z. T. anders dar als im weltlichen Alltag und es hilft auch nicht alles wild zu verrühren, weil ein barrierefreier Zugang in den Gottesdienstraum oder ein Hörgerätesender oder die Einbindung von Migranten in das Gemeindeleben mit der theologischen Deutung der Paulusbriefe in Bezug auf die Rolle der Frau in der Gemeinde erst einmal nicht so wahnsinnig viel zu tun hat. Anders als etwa im Berufsleben stellen auch Frauen in Gemeinden oft die Mehrheit der Ehrenamtlichen oder sind zumindest der aktivere Part. Sie daher nur als Diskriminierungsobjekt zu betrachten greift dann doch sehr kurz, was sich in anderen Bereichen der Kirche etwa bei der Vergabe der Bischofspositionen oder was Pfarrerinnen erleben vielleicht wieder ganz anders darstellt. Dass manche sozialwissenschaftliche Orchidee auf Ablehnung stößt ist übrigens mehr als gerechtfertigt. Die Kirche ist der Ort der gemeinschaftlichen Begegnung mit Gott (wer oder was das auch immer für den oder die Einzelne genau bedeutet) und nicht für politischen Aktivismus aus der Akademikerblase. Der Galaterbrief ermahnt uns, dass weltliche Maßstäbe vor Gott nicht so wichtig sind: "da ist kein Mann noch Frau denn ihr seid eins in Christus." Dies gilt genauso für die, die bestimmte sexuelle Orientierungen oder unkonforme Lebensformen in den Sündenpfuhl werfen wollen wie diejenigen, die Superstar im Diskriminierungsopferwettbewerb werden wollen. Die Äußerung legitimer Interessen wie Teilhabe, wahrgenommen und respektiert zu werden bleibt deswegen natürlich erlaubt und für ein gesundes Zusammenleben in der Gemeinde wichtig.