Neulich an einer Bushaltestelle. Ich warte mit einem Freund. Es ist kalt und unser Atem hängt in der Luft. Direkt gegenüber prangt ein Plakat für den Lotto-Adventskalender.
Lotto. Advent. Weihnachten. Man könnte meinen, größere Gegensätze gäbe es nicht. Ein Ritual der Erwartung, des Innehaltens, der stillen Hoffnung – und daneben die 1:139-Millionen-Chance auf 23 Euro. Wenn es einen Moment gab, in dem mir klar wurde, dass der Adventskalender endgültig tot ist, dann war es dieser. Und seien wir ehrlich: Wir haben ihn selbst umgebracht.
Ursprünglich war die Adventszeit etwas Ernstes. Eine Zeit der Vorbereitung und Sammlung, die im vierten Jahrhundert entstand, als das Christentum noch nicht bedeutete, dass man im Dezember 24 Papiertürchen öffnet, um jeden Tag ein neues Produkt zu "entdecken".
Im 19. Jahrhundert erfanden deutsche Protestanten das Zählen dazu, indem sie Kerzen anzündeten. Denn für viele Menschen war der Advent jahrhundertelang eine Zeit, in der sie in der dunkelsten Zeit des Jahres saßen und wussten: Das Licht kommt.
Industrie optimiert, erweitert und schlachtet aus
Und heute? Heute ziehen wir kleine Ablenkungen aus perforierten Pappfächern. Tee, Lippenstift, Käse, Bier, Sexspielzeug – und ja, offenbar auch Lottoscheine. Menschen, die kaum eine Ahnung davon haben, warum wir Advent überhaupt feiern, zählen die Tage bis Weihnachten, indem sie jeden Morgen ein neues Brotmesser auspacken.
Die Industrie hat getan, was sie immer tut: Sie hat den Adventskalender optimiert, erweitert und ausgeschlachtet. Burgerketten haben einen, Kosmetikhersteller haben einen und auch Getränkehersteller haben einen, der verdächtig nach einem ganz normalen 24er-Pack Dosen aussieht.
Sogar für den Valentinstag, zu Chanukka und Ramadan gibt es mittlerweile Adventskalender. Warten? Besinnung? Nein, es geht um neue Kaufkategorien. Und immer häufiger kaufen wir den Kalender nicht einmal für jemand anderen.
Dass Adventskalender zu einem Massenphänomen wurden, liegt womöglich unter anderem an YouTube: Unboxing-Videos waren die ersten viralen Hits. Und was ist besser als ein Unboxing? 24 Unboxings. TikTok führt diese Idee nun fort: Überraschungen, Bänder, Neuheiten in goldigen Miniformaten.
Alter Adventskalender, neue Religion
Der Adventskalender ist also nicht verschwunden. Wir haben nur seine Bedeutung verändert. Er begann als Form des christlichen Glaubens, heute gehört er jedoch einer anderen Religion an: der Religion des Konsums, der Aufmerksamkeit und des täglichen Kick-Gefühls.
Und wie jede Religion hat auch diese ihre Rituale, ihre heiligen Gegenstände und ihre Verheißungen. Nur wurde "Das Licht kommt" ersetzt durch: "Vielleicht ist heute die Probe der 280-Euro-Creme drin."
Ist der Adventskalender damit tot? Ja. Der echte jedenfalls. Aber keine Sorge: Der neue lebt – und verkauft sich besser denn je.
Ich habe mir natürlich auch einen gekauft. Von einem Kosmetikhersteller. Vielleicht ist ja morgen eine Probe von dieser teuren Creme drin.