Ortsgemeinden sind das Herz der Kirche. Doch bis 2035 dürfte die Mitgliederzahl der bayerischen Landeskirche um etwa 40 Prozent auf 1,2 bis 1,5 Millionen sinken. Eine Lösung versprechen sich immer mehr Landeskirchen von "Regionalgemeinden".

In Zukunft werde es nicht mehr möglich sein, an jedem kirchlichen Ort eine hauptamtliche Kraft zu haben, sagte Landesbischof Christian Kopp bei einer Pressekonferenz Ende November 2025. Doch was als Anpassung an sinkende Mitgliederzahlen präsentiert wird, läuft auf eine Richtungsentscheidung hinaus, über die zu wenig offen debattiert wird, sagen Kritiker: Konzentration der Entscheidungsmacht nach oben. 

Unsere Kirche ist es wert, dass wir über ihre Ausrichtung und Verfasstheit ausführlich diskutieren. Dazu sollen auch folgende Gedanken in aller Wertschätzung gegenüber den Verantwortlichen und Befürwortern von Regionalgemeinden beitragen.

1. Bisheriger Prozess der Strukturveränderung

Es lässt uns verwundert zurück, dass der Landeskirchenrat (LKR) sich dazu entschied, die ersten Weichenstellungen für kommende Strukturprozesse noch in der letzten Sitzung der Herbstsynode 2025 zur Abstimmung zu stellen. Also in der letzten Synodentagung der für 2020-2026 gewählten Landessynode. Und in einem nächsten Schritt zugleich der noch nicht in allen Bereichen konstituierten neuen Landessynode eine Entscheidung im Herbst 2026 abzuverlangen.

Wurde kurz vor der Herbstsynode 2025 der Begriff "Regionalgemeinde" kommuniziert, so wurde es verpasst, dieses Konzept an der Frühjahressynode 2026 weiter zu klären. Auf der Frühjahrssynode 2026 fanden zu diesem Thema keine Aussprachen und Einbringungen statt.

2. Bisher kein Thema in den Medien

Es handelt sich bei diesem Strukturvorhaben um eines der größten der evangelischen Kirche in Bayern in den letzten 100 Jahren – und kaum einer spricht öffentlich darüber. Wir nehmen den Verantwortlichen in der Kirchenleitung ab, dass sie Menschen aus der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB) bei den Entscheidungsprozessen beteiligen wollen. Hierfür muss aber zunächst eine breite inhaltliche Debatte zum Thema Regional­gemeinde geführt werden.

3. Scheinbare Alternativlosigkeit

Immer wieder hört man: "Dies ist die einzige Option. Was sollen wir denn sonst tun, als zu regionalisieren?" Wir glauben, es gibt gute Alternativen. Generell würde es der Akzeptanz des Veränderungsprozesses guttun, wenn alle Alternativen mit ihren Vor- und Nachteilen benannt würden. Dazu müssten von den zuständigen Gremien verschiedene Szenarien erarbeitet und vorgestellt werden. In einem Prozess der Konsultation könnten die verschiedenen Szenarien evaluiert werden. Abschließend stünde die Entscheidung für eine Variante.

4. Vorteile der Regionalgemeinde

Es leuchtet uns noch nicht ein, worin der Gewinn bestehen soll, Regionalgemeinden einzuführen. Es wird von Verwaltungsentlastung gesprochen. Aber diese könnten wir doch auch erreichen, indem wir die Verwaltungsstellen weiter stärken – und beispielsweise im Kindergartenbereich auf Geschäftsführer setzen.

Es wird davon gesprochen, dass Pfarrkollegen (angeblich!) so gerne im Team arbeiten. Aber das kann man doch jetzt auch schon, dafür ist keine Regionalgemeinde notwendig.

Was sind die klaren Vorteile einer Regionalgemeinde? Mit Reinhard Bingener (FAZ vom 4. April) könnte man auf den Gedanken kommen: Der Vorteil liegt in der Zentralisierung von Macht.

5. Zentralisierung von Entscheidungen

Die Entscheidungsgewalten verschieben sich mehr und mehr in die Region, sobald die Regionalgemeinde selbstständig als juristische Person mit Haushalts-, Budget-, Personal- und Immobilienverantwortung ausgestattet ist. Eine Kirchengemeinde vor Ort kann dann nicht mehr entscheiden, ob sie jetzt einen Organisten einstellen will oder nicht. Entlastung bedeutet auch Entmachtung! Dies muss allen Beteiligten klar sein.

6. Regionalgemeinde verschärft Bürokratie und Selbstbeschäftigung

Nach der Fusionierung des Dekanats Wassertrüdingen mit Dinkelsbühl und Feuchtwangen könnte auf dem alten Gebiet des Dekanats Wassertrüdingen eine Regionalgemeinde entstehen. Eine Körperschaft des öffentlichen Rechts wird fusioniert und fast zugleich auf gleichem Gebiet eine neue gegründet? Eine neue Zwischenstruktur ist geboren. Die Regionalgemeinde forciert den Gedanken, in möglichst vielen Dingen Absprachen zu treffen. Wir sehen alle behaupteten Synergie­effekte durch Diskussionsrunden und endlose Absprachen verloren gehen. Warum nicht der Orts­gemeinde mehr zutrauen und Entscheidungen im Dorf treffen lassen? Die Dekanatsfusion hat bislang nicht zu Synergien und tatsächlichen Einsparungen im Haushalt des Dekanats geführt.

Im Altdekanat Wassertrüdingen haben die Gemeinden zu 90 Prozent eine Größe zwischen 200 und 750 Gemeindegliedern. Hier engagiert man sich in der Regel gerne für die eigene Gemeinde, aber nicht für die Region. Wie soll der Kirchenvorstand in der Regionalgemeinde ernsthaft funktionieren? Es sei dahingestellt, dass in größeren Städten die Lage selbstredend eine andere sein kann.

7. Zwang und Freiheit

In manchen Regionen der ELKB mag das Konzept der Regionalgemeinde funktionieren. Hier sollte man es betreffenden Kirchengemeinden ermöglichen. Kirchengemeinden, die lieber fusionieren oder in Pfarreien miteinander kooperieren, sollte man aber auch diese Freiheit zugestehen. Insgesamt ist mehr darauf zu achten, wo etwas natürlich zusammenwächst, als etwas mit Gewalt zusammenzubinden. Durch vergangene Reformprozesse ist bereits viel Vertrauen verloren gegangen.

8. Regionalisierung schwächt gemeindliches Leben und Engagement

Regionalisierung zieht die Verantwortung der Gemeindeglieder in die (ferne) Region. "Darum kümmern sich doch die Verantwortlichen in der Region", wird es heißen, wo früher selbst angepackt und Gemeinschaft gelebt wurde.

Wurden in mancher Kirchengemeinde bei der letzten Wahl noch gerade so Kirchenvorsteher gefunden, so wird es mit der Regionalgemeinde einen disruptiven Absturz an potenziellen Kirchenvorstehern geben: "Da kümmert sich ja die Region drum." So bewirkt die Regionalgemeinde eine massive Schwächung der Ortsgemeinde.

9. Lieber Vakanz als Regionalgemeinde

Eine Vakanz tut weh und ist schwer. Aber sie stärkt die Eigenverantwortung der Gemeindeglieder. Was der Gemeinde wirklich etwas bedeutet, das wird aufrechterhalten. Menschen engagieren sich, weil sie gebraucht werden.

Durch das Konzept der Regionalgemeinde wird die Personalnot an Pfarrern nicht gelindert, sondern einfach nicht mehr benannt und verschleiert! Es gibt keine Vakanz in der Region. Jetzt arbeitet ein Team von Hauptamtlichen für die Region. War früher der Schlüssel ein Pfarrer für 1100 bis 1500 Gemeindeglieder, ist er nun in der Regionalgemeinde 1:2000 (in der Realität wohl viel höher).

10. Phrase vom fehlenden Nachwuchs

"Liebe Gemeinden, uns fehlt der Nachwuchs. Ihr müsst fusionieren, Pfarreien bilden oder jetzt aktuell Regionalgemeinden bilden." So wurde es unseren Gemeinden wieder und wieder gepredigt. Jetzt hört man davon, dass für einen Vikariatskurs mit 30 Bewerbungen (zur Hälfte kamen die Bewerber aus anderen Landeskirchen) nur 15 Personen zugelassen wurden. Für mehr Personen sei kein Platz gewesen. Früher wurde dafür ein fliegender "PS-Kurs" geschaffen. Der Zugang zur Ausbildung wird begrenzt. Nachwuchs ist vorhanden. Die Kirchenleitung investiert das Geld lieber in andere Dinge als in die Nachwuchsbildung von Pfarrern. Das Geld ist knapp. Keine Frage. Dann lasst uns offen darüber reden, wo gespart werden soll. Aber spart bitte nicht an den zukünftigen Pfarrern.

All dies lässt uns eindringlich bitten, mit den Regionalgemeinden keinen Schnellschuss zu machen. Vertagen wir die Entscheidung auf Herbst 2027. Auf dass wir Konzepte überdenken und ergänzen. Mit dem Ziel, dass eine breite Mehrheit die Veränderung mittragen kann.

 

Die Autoren:

Christian Dellert ist Pfarrer der Hesselberg-Gemeinde Gerolfingen und für den Kinderkirchentag auf dem Hesselberg zuständig.

Ingrid Braun ist Pfarrerin der benachbarten Gemeinden Weiltingen, Frankenhofen und Veitsweiler sowie Vorstandsmitglied im Arbeitskreis Bekennender Christen in Bayern.

Simeon Prechtel ist Pfarrer in den Kirchengemeinden Dorfkemmathen, Dühren, Obermichelbach, Untermichelbach und Wittelshofen sowie Mitglied der Landessynode.