Zwei Frauen stehen am 4. April 1976 in zwei verschiedenen Kirchen vor Altären: Die Pfarrvikarinnen Käthe Rohleder und Liesel Bruckner werden an diesem Tag als erste Frauen in Bayern in das Pfarramt berufen. Das heißt: Sie werden ordiniert. Seit sich im Jahr 1919 die erste Frau in Bayern für das Theologiestudium in Erlangen eingeschrieben hat, sind also 60 Jahre vergangen.

"Gehen Sie hin, wohin Sie wollen, aber in Bayern werden Sie keine Arbeit finden", schleudert der damalige Landesbischof Hans Meiser in den 1930er-Jahren Vikarinnen ins Gesicht.

"Heiratet das Zeug doch weg", ruft in einer anderen Landeskirche ein entsetzter Pastor seinen Glaubensbrüdern zu, um die Frauen im Talar zu verhindern. Mancherorts werden Frauen aber bereits seit den 1950er-Jahren als Pfarrerinnen akzeptiert.

Pfarrerinnen in der Pfalz und Einschränkungen

Den Anfang macht die Pfalz, in der seit 1958 Frauen ins Pfarramt dürfen, sich aber, wie in vielen anderen Landeskirchen auch, zunächst zur Ehelosigkeit verpflichten müssen. In der bayerischen Landeskirche dürfen die ersten Pfarrerinnen nur in geschlossenen Gottesdiensten für Frauen, Mädchen und Behinderte predigen, aber nicht das Abendmahl einsetzen.

Eine Pastorin in der hannoverschen Kirche trägt "eine dem Talar ähnliche Amtstracht" und muss bei Heirat oder Schwangerschaft ihr Amt niederlegen.

Theologinnen in Bayern verließen also ihre Landeskirche, um anderswo ihren Beruf auszuüben, erzählt Auguste Zeiß-Horbach, Privatdozentin für Kirchengeschichte an der Augustana-Hochschule Neuendettelsau.

Gudrun Diestel (1930 bis 2024) etwa wurde 1974 Oberkirchenrätin in der EKD. Pfarrerin Waldtraud Hübner (1924 bis 2024), die 1961 die erste Gemeindepfarrerin der Evangelischen Landeskirche in Hessen-Nassau wurde, wäre 1960 gern aus familiären Gründen nach Bayern zurückgegangen, konnte das aber noch lange nicht.

Gegen die "göttliche Schöpfungsordnung"

Auch Gisela Siemoneit aus Fürth, die bis zu ihrer Ordination 1984 viele Steine aus dem Weg räumen musste, sagt: "Wenn es in Bayern nicht geklappt hätte mit einer Stelle, wäre ich woanders hingegangen." Renate Breit, 85 Jahre alt und früher Krankenhausseelsorgerin in Oberbayern, stellt in einem Instagram-Beitrag fest:

"Ich bin stolz darauf, dass ich mich durchgekämpft habe." Die Statements von 50 unterschiedlichen Pfarrerinnen posten derzeit Theologinnen unter der Überschrift: #50jahre_50 pfarrerinnen.

In vielen ehemals typischen Männerberufen mussten Frauen mit Widerständen rechnen, aber für Pfarrerinnen war es vielleicht noch etwas schwieriger, sich durchzusetzen.

Denn in den Augen vieler männlicher Theologen hatten die Frauen die "göttliche Schöpfungsordnung" gegen sich.

Die schöpfungsmäßige Ungleichheit, in der die göttliche Ordnung es verbiete, dass eine Frau eine Kanzel besteigt, könne der Mensch natürlich nicht aufheben, hieß es.

Amtsträger Christus – ein Mann

Die Gegner der Frauenordination hatten verschiedene Anliegen, legt Auguste Zeiß-Horbach in einer eine Arbeit über die Frauenordination dar. Die einen wollten schlicht das bisherige Verhältnis der Geschlechter, wie es sich in der Ordnung der Gesellschaft und der Kirchen widerspiegelte, beibehalten.

Oder man argumentierte mit dem Verhältnis zur katholischen oder orthodoxen Kirche. Das würde leiden, wenn den Priestern dort Frauen gegenüberstehen sollten, wurde gebetsmühlenartig wiederholt. Das geistliche Amt sei das Hirtenamt, dessen Amtsträger Christus - also einen Mann - repräsentiere, so die Gegner der Frauenordination weiter. Es habe doch seine Gründe, dass Jesus nur Männer um sich geschart habe.

Die Lübecker Pastorin Elisabeth Haselhoff (1914 bis 1974) drückt es einmal so aus: "Die Mühsal des Amtes" werde nicht "mit größerer physischer Kraft bewältigt, sondern aus anderen Kraftquellen, die den Männern nicht besser zugänglich sind als den Frauen." Haseloff wurde 1959 als erste Frau in Deutschland zur Pastorin ordiniert.

Veto-Paragraf bis 1998

Als verletzend empfanden viele bayerische Pfarrerinnen den noch 1975 von der Landessynode beschlossenen Veto-Paragrafen. Kirchenvorsteher und Pfarrer, die der Frauenordination aus Gewissensgründen nicht zustimmen konnten, durften eine Frau als Pfarrerin in ihrer Gemeinde ablehnen.

Pfarrerin Brigitte Enzner-Probst hat einmal in Niederbayern erlebt, dass sogar ein katholischer Kollege von dem Vetoparagrafen Gebrauch machen wollte. Er weigerte sich, mit der evangelischen Pfarrerin einen Gottesdienst zu gestalten, erinnert sich diese. Als Theologische Referentin im Frauenreferat kämpfte Enzner-Probst später für die Abschaffung der Klausel, die 1998 ersatzlos gestrichen wurde.

Laut Statistik gibt es in Bayern derzeit 2.012 Pfarrerinnen und Pfarrer, darunter 925 Frauen.

50 Jahre Frauenordination – aber noch nicht weltweit

Während nun die bayerischen Pfarrerinnen feiern, dass sie seit 50 Jahren ordiniert werden können, ist immer noch nicht in allen evangelisch-lutherischen Kirchen der Welt die Frauenordination eingeführt.

Schockiert hat die Frauen 2016 die Entscheidung der Kirche in Lettland, das Recht für Frauen auf die Ordination wieder abzuschaffen. Und auch in der bayerischen Partnerikirche, der evangelisch-lutherischen Kirche in der Ukraine ist die Gleichberechtigung noch nicht umgesetzt.