3.01.2021
Evangelische Kirche

Evangelische Kirche: Bayerischer Theologe Reiner Knieling will rheinische Kirche als Kraftort weiterentwickeln

Der bayerische Theologe Reiner Knieling ist einer von drei Kandidaten für das Amt des Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland - die Wahl findet bei vom 11. bis 15. Januar 2021 tagenden rheinischen Landessynode statt. Der Theologe will die rheinische Kirche im Falle seiner Wahl stärker zu einem Ort des Auftankens machen.
Rainer Knieling
Der evangelische Theologe Rainer Knieling.

Kirche ist nach den Worten des Theologieprofessors Reiner Knieling immer politisch. "Für mich ist die Frage: In welcher Weise sind wir politisch?", sagte der Leiter des Gemeindekollegs der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands (VELKD) und außerplanmäßige Professor für Praktische Theologie an der Kirchlichen Hochschule Wuppertal/Bethel im Sonntagsblatt-Interview. Knieling ist einer von drei Kandidaten für das Amt des Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland - die Wahl findet bei vom 11. bis 15. Januar 2021 tagenden rheinischen Landessynode statt. Der Theologe will die rheinische Kirche im Falle seiner Wahl stärker zu einem Ort des Auftankens machen.

Welches Gottesbild haben Sie?

Knieling: Gott ist größer als das, was ich mir vorstellen kann. Ich bin sehr geprägt von der Fülle der Dreieinigkeit: Schöpfungsspiritualität, Christusfrömmigkeit, Geistesgegenwart und ihr Zusammenspiel. Mich überzeugt am christlichen Glauben, dass Gott sich bereits durch das Alte Testament hindurch immer wieder bei denen, die leiden, die ausgestoßen sind oder aus der Fremde kommen, als der Gegenwärtige zeigt. In Jesus tritt er für die ein, die die Not aushalten. Und im Kreuz zeigt sich die Keimkraft neuen Lebens, die in die Auferstehung mündet. Im christlichen Glauben ist die Verwandlungskraft, die Überwindung dessen, was zerstörerisch ist, immer schon mitgedacht.

Warum wollen Sie Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland werden?

Knieling: Ich habe Lust, mit Leitungsgremien Entscheidungsprozesse so zu gestalten, dass sie zu nachhaltigen und zukunftsfähigen Entscheidungen führen. Und dass viele dann Lust haben, die Entscheidungen in die Tat umzusetzen, weil sie sich mit ihrem Anliegen verstanden fühlen. In diesem Sinne haben wir im Gemeindekolleg der VELKD in den vergangenen neun Jahren viele Leitungsgremien wie Presbyterien, Kirchenkreissynoden und Kreissynodalvorstände begleitet. Das ist für mich die perfekte Voraussetzung für das Präsesamt. Ich möchte die Gremienprozesse so gestalten, dass wir nicht nur die Zahlen, Daten, Fakten einbeziehen. Wir sind im komplexen Gelände, in disruptiven Prozessen unterwegs und wissen noch nicht genau, wie wir uns da bewegen können. Wir haben Tools entwickelt, die ich jetzt der rheinischen Kirche gerne zur Verfügung stellen möchte.

Außerdem ist mir die Ausstrahlung der Kirche und die Sprachfähigkeit in Glaubensdingen wichtig. Ich wünsche mir, dass das, was wir als Kirche der Gesellschaft zu geben haben, wieder stärker als solches ankommt. Wir haben viel zu geben, wie ich aus 16 Jahren Rheinland weiß. Die Erwartungshaltung vieler Menschen an Kirche ist leider nicht so wahnsinnig groß. Sie wissen nicht mehr, was sie bekommen könnten. Mir ist wichtig, dass das, was wir an Hoffnungsquellen, an Vertrauenskraft, an Liebe, an Respekt und Wertschätzung zu geben haben, wieder sichtbarer und bewusster in der Gesellschaft wird. Das sind alles unendliche Ressourcen, die sich durch Gebrauch vermehren. Kirche muss als Kraftort erkennbar sein. Wir glauben doch an den Gott, der uns Kraft gibt im Leben.

Wie kann das aussehen?

Knieling: Nach innen muss Kirche ein Kraftort für all die Mitarbeitenden sein, die hochengagiert und teilweise auch müde geworden sind. Oft geschieht die Arbeit von 200 Leuten mit den 100, die noch da sind. Es geht darum, Arbeit und Struktur so zu gestalten, dass Menschen Lust haben, mitzumachen und dass sie die nötige Stärkung bekommen. Nach außen möchte ich gerne Kirche als Kraftort so weiterentwickeln, dass die vielen, die spirituell, neugierig und gottoffen sind - nach Studien bis zu 40 Prozent - merken, dass sie in ihrer Spiritualität ernst genommen werden und nicht allein sind. Wenn das in der Gesellschaft wieder stärker bewusst wird, dass ich in der Kirche Kraft auftanken kann für das, wofür ich mich Montag bis Samstag engagiere, dann haben wir nicht nur als Kirche, sondern auch als Gesellschaft viel gewonnen.

Wie wollen Sie das erreichen?

Knieling: Nach innen durch eine gute Kultur miteinander umzugehen, durch gut strukturierte Prozesse, durch Verlässlichkeit der Schritte, durch genügend Freiräume für kreative Prozesse. Manchmal braucht es da auch etwas anderes als einen Sitzungstisch, um in einen wirklich schöpferischen Flow zu kommen. Nach außen geht es darum, so zu kommunizieren, dass Angebote auch gefunden werden. Wir sind gerade dabei, bei unserer neuen Website "Kraft für den Wandel" des Gemeindekollegs mit Fachleuten zusammenzuarbeiten, die wissen, wie das digital geht.

Leute, die Sehnsucht haben, sollen in der Kirche Kraftquellen für ihre Spiritualität finden und sie im Netz punktgenau angezeigt bekommen - neben dem, was alles vor Ort läuft. Wir reden manchmal so, als ob alles immer schlechter wird, aber wir haben doch so viele Leute in der Kirche, die engagiert sind, in der Jugendarbeit, in der Gemeinde vor Ort. Da geschieht schon viel Positives. Das ist eine gute Basis, auf die man aufbauen kann.

Also auch neue Gemeindeformen und Erprobungsräume starten?

Knieling: Es ist charmant, dass in der rheinischen Kirche der rechtliche Rahmen zum Ausprobieren einlädt. Was sich in der Kirche erneuert, kann in alten oder neuen Strukturen sein. In England habe ich bei der damals sogenannten Church-Planting-Bewegung gelernt - heute heißt es FreshEx -, dass es nicht um ein Entweder-oder geht. Durch die neue Gemeinde finden auch manche Leute wieder zum klassischen Gottesdienst, weil für sie ein Gottesdienst in einer Sporthalle nichts ist. Für andere ist das genau richtig. Es geht um ein vielfältiges Experimentieren in vorhandenen und in neuen Strukturen.

Wie soll die rheinische Kirche im Falle Ihrer Wahl nach Ihrer Amtszeit aussehen?

Knieling: Menschen, die an die rheinische Kirche denken, sollen das Gefühl haben, hier gut leben, sich engagieren und einen Kraftzuwachs für ihr alltägliches Leben bekommen zu können. Rheinische Kirche ist eine Einladung aufzutanken für das, was ich der Gesellschaft geben möchte, und für die Unterstützung meiner inneren Haltung. Wenn mein Vertrauen mal ein bisschen wackelt oder meine Hoffnung mal einen Knacks hat, kann ich dort mit Menschen im Austausch sein, werde gestärkt und kann realistische Lösungen finden, wie ich dazu beitragen kann, diese Welt zu einem guten Ort zu machen.

Vor Ihrem Theologiestudium haben Sie ein Praktikum "Äußere Mission" absolviert. Wie hat sie das beeinflusst?

Knieling: Ich war in verschiedenen Ländern in Südostasien unterwegs - vor allem in Indonesien, Nordsumatra, und dann auch in Singapur. Die drei Monate in Südostasien waren sehr, sehr prägend. Seitdem kaufe ich nur fair gehandelten Kaffee, weil ich die Arbeitsbedingungen gesehen habe. Ich bin auch im Bereich Mikrokreditwesen engagiert. Gepa und Oikocredit sind zwei Partner, mit denen ich sehr verbunden bin.

Welche Themen sind Ihnen noch wichtig?

Knieling: Neben Nachhaltigkeit ist das der gesellschaftliche Zusammenhalt. Ich finde enorm wichtig, dass wir in der Kirche verschiedene Positionen, ob mehr traditionell oder mehr progressiv, mehr links oder mehr rechts, einbeziehen. Dass wir die unterschiedlichen Anliegen verstehen, die Ängste und Sorgen, die damit verbunden sind, und dass wir so zu einer demokratiestärkenden Kraft werden.

Wir müssen uns klar abgrenzen von denen, die Hass säen und die gegen andere hetzen. Da brauchen wir klare Worte. Hass streuen und gegen andere hetzen ist nicht vereinbar mit christlicher Nächstenliebe, Menschenwürde und, ganz schlicht, menschlichem Anstand. Wir können unterschiedlicher Meinung sein, aber nicht Leben mit Füßen treten. Dafür setze ich mich ein: Kante zeigen und Diskurs stärken.

Wir brauchen eine gute Kultur des Miteinanders. Wenn wir die Sorgen und Ängste, die ja auch hinter mancher Hassbotschaft stecken, einbeziehen, dann sind sicher nicht alle, die sich radikalisieren, zu gewinnen. Die Illusion habe ich nicht. Aber viele sind zu gewinnen, wenn sie wissen, dass auch ihre Sorgen und Ängste im Diskurs einbezogen sind. Wir brauchen eine gute Gesprächskultur.

Wie politisch muss Kirche sein?

Knieling: Wir sind so oder so politisch, ob wir reden oder schweigen. Für mich ist die Frage: In welcher Weise sind wir politisch? Wir bringen die Haltungen ein, die aus dem christlichen Glauben erwachsen. Wir engagieren uns für eine gute Zukunft unseres Planeten. Wenn Gefahr im Verzug ist, reden wir Klartext, zum Beispiel über die unhaltbaren humanitären Zustände in den Flüchtlingslagern in Griechenland. Wir schreiben gemeinsam mit anderen einen Brief an Frau Merkel und fordern eine Lösung. Wohl wissend, dass mit akuter humanitärer Hilfe die Probleme dahinter noch nicht gelöst sind. Hier sind wieder der lange Atem und der Glaubensmut wichtig. Und das Vertrauen auf den Gott des Lebens.

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