11.12.2016
Christen im Irak

Heimkehrer beginnen mit dem Wiederaufbau

Ninive soll leben: Mit einem »Rückkehrfest« haben Christen in der nordirakischen Stadt Erbil die Befreiung ihrer Heimat vom Islamischen Staat (IS) gefeiert. Und sie beginnen bereits wieder, ihre Häuser und Kirchen zu reparieren.
Soldaten richten das Kreuz auf einer Kirchenkuppel im irakischen Batnaya wieder auf (Herbst 2016).
Soldaten richten das Kreuz auf einer Kirchenkuppel im irakischen Batnaya wieder auf.

Was vor einigen Monat noch niemand zu hoffen wagte, wird nun wahr: Das Terrorregime des islamischen Staats (IS) in Syrien und im Nordirak steht fast überall vor dem Zusammenbruch. In der nordirakischen Stadt Mossul rücken die irakische Armee und ihre Verbündeten immer weiter vor und drängen die Islamisten in die Defensive. Zahlreiche, einst christliche Dörfer in der Nähe von Mossul und in der Ninive-Ebene konnten bereits befreit werden. Sie waren vor zwei Jahren vom IS besetzt worden, die meisten der dort lebenden Christen waren geflohen.

Mit einem »Rückkehrfest« haben Tausende Christen in der nordirakischen Großstadt Erbil die Befreiung ihrer Heimat gefeiert. Das Fest war von dem christlichen Hilfswerk »Life Agape« mit Unterstützung der chaldäischen-katholischen Kirche organisiert worden und dauerte sechs Stunden.

Einige Geistliche der chaldäisch-katholischen Kirche sind in ihre Dörfer in der Ninive-Ebene zurückkehrt und haben an drei Orten auf ihren Kirchen neue Kreuze errichtet. Die alten waren vom IS zerstört worden.

Die von Islamisten zerstörte Marienkirche in Karakosch in der Nähe von Mossul, Irak.
Der Wiederaufbau beginnt: Die von Islamisten zerstörte Marienkirche in Karakosch.

»Für diese Reise habe ich zwei Jahre lang jeden Tag gebetet«, berichtete der Priester Vater Thabet in dem Dorf Karemlash. Er hoffe, dass alle Bewohner zurückkehrten und unter freiem Himmel schon bald eine Abendmahlsfeier stattfinden könne. Ähnlich äußerte sich sein Amtskollege, Vater Ammar, in Karakosch. Das Aufstellen der Kreuze sei ein Zeichen dafür, dass die Kräfte der Dunkelheit und des Bösen nach 811 Tagen unter IS-Herrschaft gewichen seien: »Wir können jetzt Gott in Freiheit loben.«

Während der Kampf um Mossul noch andauert, kehren in diesen Tagen die ersten Familien in die befreiten Dörfer der Ninive-Ebene zurück. Im schwer zerstörten Dorf Bartella östlich von Mossul sorgen junge Christen dafür, dass das »Mar Matti Center for Religious Services« seine Arbeit wiederaufnehmen kann. Die Einrichtung will Rückkehrenden mit Veranstaltungen und sozialen Aktivitäten helfen.

Die Hoffnung auf einen Neubeginn ermutigt auch den Archimandrit der Apostolischen Kirche des Ostens: »Wir können die Demographie der christlichen Gemeinschaft im Irak nicht wiederherstellen, jedoch die Rolle der Christen im Irak« sagt Emanuel Youkhana, der auch Direktor des christlichen Hilfswerks CAPNI (Christian Aid Program for Northern Iraq) ist. Lebten im Jahr 2003 noch weit über eine Million Christen im Irak, so sind es heute noch schätzungsweise 250 000 der rund 33 Millionen Einwohner.

Schulbus des von der evangelisch-lutherischen Kirche in Bayern unterstützten Christlichen Hilfsprogramms Nohadra im Irak.
Unterstützung aus Bayern: Schulbus des Christlichen Hilfsprogramms im Nordirak.

Die meisten von ihnen leben derzeit als Flüchtlinge in der kurdischen Autonomieregion im Nordirak. Viele sind im Sommer 2014 aus der Millionenstadt Mossul und aus der nordöstlich der Stadt gelegenen Ninive-Ebene vor dem Islamischen Staat geflohen. Dreiviertel der etwa 50 000 Christen aus Mossul hatten zunächst eine Rückkehr ausgeschlossen. Das Vertrauen sei zerstört, seit ihre muslimischen Nachbarn damals den Buchstaben Nun in Rot auf ihre Häuser malten, um sie als Christen zu kennzeichnen. Christen blieben damals vier Möglichkeiten: zum Islam zu konvertieren, eine besondere Schutzsteuer zu zahlen, zu fliehen oder hingerichtet zu werden.

Viele Christen im Irak wollen sich jedoch nicht in einer Opferrolle einrichten. Durch das von der bayerischen Landeskirche seit Jahren unterstützte Hilfswerk CAPNI wird deutlich, dass sie ihre Aufgabe als Christen im Dienst an der Gesellschaft sehen: Sechs von acht Projekten, die die Landeskirche derzeit über CAPNI fördert, sind Nothilfeprojekte, die Bedürftigen in der Region zugutekommen - unabhängig von ihrer religiösen oder ethnischen Zugehörigkeit. Ein großer Teil des jährlich rund 4 Millionen Euro betragenden Budgets der Organisation kommt aus Bayern.

So fahren seit Monaten 36 Busse, gekennzeichnet mit dem violetten Kreuz-Logo der Landeskirche, täglich durch den Nordirak, um über 1100 Schülerinnen und Schüler aus den Orten, in die sie geflüchtet sind, zur Schule zu bringen.

Die irakischen Christen sehen ihre Aufgabe derzeit im Aufbau von Bildungseinrichtungen. Zwar weist die in den letzten Tagen angefertigte Liste des wieder aufzubauenden Bestands auch 33 Kirchen in der Ninive-Ebene auf, doch sieht man hier eher die Regionalregierung gefragt: Der Staat habe in den vergangenen Jahren auch für den Wiederaufbau der Kirchen in Bagdad gesorgt, sagt CAPNI-Direktor Youkhana.

Während Mossul zum arabischen Irak gehört, ist die angrenzende Ninive-Ebene ein zwischen irakischer Zentralregierung und kurdischer Autonomieregierung umstrittenes Gebiet. Die Kurden machen deutlich, dass religiöse Zugehörigkeit in ihrem Herrschaftsgebiet kein Grund für Benachteiligung oder Hierarchisierung sein darf. Das derzeit von einem Christen geleitete Religionsministerium in Erbil beherbergt acht Büros für Vertreter von großen und kleinen religiösen Gruppen. Von »Minderheiten« ist nicht die Rede. Alle werden als »components« bezeichnet, als Gruppen der Gesellschaft.

Ein gleichberechtigtes Neben- und Miteinander ist politisch gewollt. Dies wäre ein tragfähiger Rahmen für das Weiterbestehen christlicher Gemeinden in der Region. Allerdings ist die kurdische Autonomieregion im Nordirak politisch und militärisch gefährdet.

Loay Mikhael (Mossul), der im Rat der chaldäischen, syrischen und assyrischen Kirchen für die Außenbeziehungen zuständig ist, hat deshalb vor zu großen Erwartungen gewarnt. Die politische Unsicherheit müsse so schnell wie möglich beendet werden, forderte er. Der Internetzeitung Christian Post (Washington) sagte er, viele Vertriebene würden ohne Sicherheitsgarantien nicht in ihre Dörfer zurückkehren. Sie seien in Sorge, dass islamistische Gruppen sie erneut bedrängen könnten. Mikhael schlägt vor, dass die christlichen Orte einen Autonomiestatus bekommen: »Die Christen sind in der Lage, sich selbst zu organisieren.« Allerdings müssten sie internationale Hilfe und den Schutz durch das US-Militär erhalten. Ihm zufolge ist noch nicht geklärt, wer die befreiten Dörfer verwalten wird.

Bei aller Unsicherheit ist dennoch Hoffnung eingekehrt in die befreiten Gebiete im Norden Iraks. Es ist die Region, in die Jona von Gott gesandt wurde, um die Botschaft zu predigen, die Umkehr und Neubeginn ermöglicht hat. Diese Botschaft wurde gehört und Ninive hat Gottes Heil erfahren. Und nun gibt es dort wieder Christen, die sich in Gottes Mission gesandt wissen - dass die Verkündigung der frohen Botschaft in Ninive eine Zukunft hat.

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Sonntagsblatt