8.06.2014
Bayerischer Kirchentag

Hinter den Kulissen: Ein Stück Lebensgefühl auf dem Hesselberg

Die Besucher des Bayerischen Kirchentags auf dem Hesselberg erleben meist einen reibungslosen Ablauf. Doch Organisatoren, Mitwirkende und Stammgäste haben schon vieles miterlebt: Einen Landesbischof, der nicht auftauchte, einen Gottesdienst im Gewitter und vieles mehr.
Kirchentag Hesselberg 2014

Wer sich schon mal auf ein Familienfest im eigenen Garten eingelassen hat, weiß um die herkulischen Planungsaufgaben, die es zu bewältigen gilt. Was aber, wenn nicht 50 Gäste kommen, sondern 10.000? Oder vielleicht auch 16.000? So geht's Jahr für Jahr all denen, die den Bayerischen Kirchentag planen müssen. Oder dürfen.

Der Kirchentag auf dem Hesselberg am Pfingstmontag ist für das evangelische Milieu in Westmittelfranken ein Stück Lebensgefühl. Im gut 35 Kilometer entfernten Wachstein laufen sie Jahr für Jahr mitten in der Nacht los, um beim Beginn des Gottesdiensts oben zu sein. Die Evangelische Jugend Wassertrüdingen schlägt am Pfingstwochenende ein Zeltlager am Berg auf. Zweck der Übung: Bänkeschleppen. Und wenn Helmut Fickel aus Gerolfingen an seine 37 Dienstjahre als Hausmeister beim Evangelischen Bildungszentrum (EBZ) zurückdenkt, fällt ihm schnell das Mähen der Kirchentagswiese als eine zentrale Aufgabe ein: "Das hab ich immer besonders gern gemacht."

Ein sehr eindrucksvolles Beispiel für die Hesselberg-Hingabe der fränkischen Protestanten hat Anne-Barbara Höfflin auf Lager, die seit etlichen Jahren den Kirchentagsbläserchor dirigiert. Es war einmal, vor etlichen Jahren, da tobte ein Gewitter über dem Gottesdienst, es schüttete wie aus Eimern. Die Noten waren aufgeweicht, die Notenständer flogen umher. Als noch Hagel dazukam, versuchte sie, ihre Leute heimzuschicken. Aber es war sinnlos: "Die sind einfach sitzen geblieben." Noch Fragen zum Thema Kirchentagstreue?

Die muss dann allerdings auch für alle gelten. Als einmal Landesbischof Johannes Friedrich in Übersee unterwegs war und den Kirchentag schwänzte, brach bei den Franken ein regelrechter Volksaufstand aus. Seither hütet sich das Bischofsbüro, den Pfingstmontag anderweitig zu verplanen. Es lohnt sich ja auch für alle: Als Heinrich Bedford-Strohm 2012 erstmals als Landesbischof kam, stand die Veranstaltung mit über 16.000 neugierigen Besuchern kurz vor dem Parkplatz-Kollaps. Damit dann aber wirklich auch alles so läuft, wie es soll, braucht es die hilfreichen Hände von über 400 Leuten, vom Busfahrer über die Polizei und die Feuerwehr bis zum Posaunenbläser. Ein 19-seitiges Organisationspapier legt alles, aber auch wirklich alles fest, inklusive der Verantwortlichen für das Leeren der Windeleimer im Wickelraum.

Über 400 Helfer sind auf dem Hesselberg im Einsatz

Organisator des Organisationspapiers ist Diakon Johannes Strecker aus Wassertrüdingen, der dafür sogar eigens aus München bezahlt wird: Die Hälfte seiner Stelle besteht aus dem Dienstauftrag, den Kirchentag zu managen. Landeskirchliche Versuche, die Veranstaltung zu regionalisieren, um die Kasse der Landeskirche zu entlasten, haben die Wassertrüdinger schon vor Längerem erfolgreich abgeschmettert.

Den Job, der ihn übrigens tatsächlich das ganze Jahr über beschäftigt, macht Strecker seit 14 Jahren: "Mich kann nichts mehr schrecken." Einmal, gesteht er, war er "leicht nervös": Als nämlich der Hauptredner Heiner Geißler noch ein paar Minuten vor seinem geplanten Auftritt vom Erdboden verschwunden war. Irgendwann rief Geißler, allein im Privatauto unterwegs, aus dem Stau an und kam schließlich mit Verspätung, aber er kam.

Eine zentrale Rolle spielt Klaus Walther, seit 28 Jahren Küchenchef auf dem Hesselberg. Denn gegen halb zwölf, wenn der Gottesdienst vorbei ist, wollen um die 10.000 Menschen etwas zu essen. Aber vielleicht eben auch 16.000.

In der EBZ-Küche blubbert am Kirchentagsmorgen ab fünf Uhr in drei riesigen Kesseln Erbseneintopf. Bis um 10 Uhr muss gerührt werden. Walther: "Da winkt die Sehnenscheidenentzündung."

Wenn das Gemüse und die maschinell vorgeschnippelten Bockwürste zugefügt sind, fahren Freiwillige 700 Liter Eintopf zu den Ausgabestationen. Eine eiserne Reserve hat Walther in der Tiefkühltruhe.

Problematischer ist es, wenn zu viel übrig bleibt, an verregneten Kirchentagen etwa. Dann gibt's zu Hause bei den EBZ-Mitarbeitern drei Tage Erbseneintopf. Flankiert wird das Eintopf-Angebot von 500 Portionen Fleischkäse, 350 Portionen Maultaschen und einem Bratwurstgrill, außerdem rund 1.500 Eiswaffeln. Alles aber nur als Zusatzprogramm, betont der Küchenchef: "Denn beim Kirchentag wollen eigentlich alle nur Eintopf essen."

Dossier

Bayerischer Kirchentag auf dem Hesselberg

Der Hesselberg, mit rund 689 Metern höchster Berg Mittelfrankens und in der Nähe von Wassertrüdingen, ist seit dem Jahr 1951 eng mit der evangelischen Kirche verbunden. Vor 66 Jahren eröffnete dort der damalige Landesbischof Hans Meiser (1881-1956) die neu gegründete Landvolkshochschule. Aus diesem Einweihungsfest entwickelte sich der heutige Bayerische Kirchentag. In unserem Dossier erfahren Sie mehr über den Bayerischen Kirchentag auf dem Hesselberg.

Rund um das Pfingstwochenende herrscht im gesamten EBZ Urlaubssperre. "Unsere 60 Leute sind am Kirchentag alle irgendwie im Einsatz", sagt Anita Spatz, die als Hauswirtschaftsleiterin von ihrem Büro aus das Team dirigiert. Ehemalige und Freiwillige kommen noch dazu. Idealerweise merken die Besucher nichts, wenn Pannen passieren - wie an jenem Pfingstmontagmorgen, als der Hausmeister einen leeren Gastank feststellte. "Improvisieren ist alles," sagt Spatz.

Einen Sonderjob hat Verwaltungsleiter Wolfgang Wagner: Betreuung der Ehrengäste. "Im letzten Jahr war ich der dritte Bodyguard vom Innenminister", sagt Wagner. Vor allem Landesbischof Bedford-Strohm habe ihm einiges abverlangt, erinnert er sich: Weil sich der Bischof schier für jeden Kirchentagsbesucher Zeit für ein Gespräch nahm, brauchte er eine halbe Stunde für die paar Meter vom Gottesdienst zum Speisesaal. "Sie kriegen nix zu essen, wenn das so weitergeht", musste er Bedford-Strohm zum Eintopf nötigen.

Im Grunde hat sich der Ablauf des Kirchentags nie verändert. Gottesdienst, Eintopf, Versammlung. Keine Experimente. Genau darin liegt für das Stammpublikum der Reiz. "Verlässlichkeit und Beheimatung" nennt das EBZ-Chef Christoph Seyler.

Klassentreffen eines ganzen Landstrichs

Für all jene, die in den Winterkursen auf dem Hesselberg prägende Monate ihres Lebens erfahren haben, ist der Kirchentag so etwas wie ein großes Klassentreffen. Seyler hat's am eigenen Leib erfahren: Zuerst kam er als Kind zum Kinderkirchentag, dann als Kindergottesdiensthelfer, später als Gemeindepfarrer und Dekan. Diesmal ist er im Gespräch mit dem Landesbischof der "Anwalt des Publikums".

Entspannend wirkt in diesem Jahr übrigens, dass es keine Fernsehübertragung vom Gottesdienst gibt. Als das Bayerische Fernsehen vor einigen Jahren erstmals live übertrug, verzeichnete man derart hohe Einschaltquoten, dass der Hesselberg nun alle zwei Jahre von einem 70 Mann starken TV-Team angesteuert wird. Mit entsprechenden Herausforderungen für Übernachtungs- und Elektronik-Logistik. Vor allem aber muss dann der Gottesdienst sekundengenau getaktet sein, was eine Generalprobe am Tag zuvor erforderlich macht.

Auf die Besucherzahl hat die Fernsehübertragung keinen Einfluss, weiß Strecker:

"Egal, wie viele uns auch im Fernsehen von zu Hause zuschauen, bei uns ist immer voll."

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