2.06.2020
Finanzielle Probleme in Corona-Krise

Idylle in Not: Kirchliche Jugendgästehäuser wie der Wiedhölzlkaser kämpfen um ihre Existenz

Seit Pfingsten dürfen Beherbergungsbetriebe ihren Betrieb wieder öffnen. Doch die Tücke steckt im Detail - das merken gerade kleinere kirchliche Jugendgästehäuser.
Das Jugendgästehaus Wiedhölzlkaser bei Reit im Winkl.

Der Wiedhölzlkaser ist ein Jugendgästehaus wie aus dem Katalog: Hinter saftigen Wiesen ragt die Steinplatte majestätisch in den Himmel, rund ums Haus erstreckt sich das Naturschutzgebiet Weidsee, und ein Funkloch verheißt - Stichwort Digital Detox - ungestörte Erholung, auch wenn da manche Jugendliche vielleicht erstmal grummeln.

Wiedhölzlkaser bei Reit im Winkl

Doch ob das Idyll bei Reit im Winkl nächstes Jahr noch seine Türen für Schulklassen und Jugendgruppen öffnen kann, ist fraglich - trotz der angekündigten Lockerungen für Beherbergungsbetriebe.

"Wir sind ein Vollversorgerhaus mit 60 Plätzen in Mehrbettzimmern, wir müssen uns um Personal-, Haftungs- und Sicherheitsfragen kümmern, um Hygienevorschriften und Fragen der Hotellerie", sagt der Traunsteiner Dekan Peter Bertram. Es lohne sich nicht, für eine Belegung mit 20 Gästen zu öffnen

Die Ankündigung des Kultusministeriums, dass 2020 keine Schulfreizeiten mehr stattfinden würden, sei "ein großes Problem".

Bertram rechnet mit einem Verlust im sechsstelligen Bereich. Wie lange das zu stemmen ist? "Wir werden noch dieses Jahr wegweisende Entscheidungen treffen müssen", sagt Bertram, alle Optionen würden geprüft.

Träger des Wiedhölzlkaser ist das evangelische Dekanat, dessen Gremien sich in der aktuellen Krise ziemlich allein fühlen. Obwohl das Haus von Gästen aus ganz Oberbayern genutzt werde, gebe es wenig Unterstützung von anderen Stellen, sagt Bertram und zielt damit auch auf die Evangelische Jugend in Bayern (EJB).

Die Pressesprecherin der EJB wiederum teilte auf Anfrage des Sonntagsblatts mit, dass sich eben fast alle Jugendgästehäuser in Trägerschaft der jeweiligen Dekanate befänden. "Als Amt für Jugendarbeit haben wir da keinen Einfluss."

Wer zeigt sich verantwortlich?

Eine Antwort, die nicht allen Verantwortlichen in den Dekanaten gefallen wird. Schließlich lebt Jugendarbeit generell von Räumen für Begegnung und braucht nicht nur pädagogische Konzepte, sondern auch betriebswirtschaftliche Kenntnisse und finanzielle Absicherung.

Situation im Studienzentrum in Josefstal

Mit Letzterem tut sich zumindest das Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit in Josefstal am Schliersee leichter. Zwar fallen auch hier sämtliche Kursangebote und Buchungen für die "Tage der Orientierung" flach - 52 Schulklassen nutzen jedes Jahr dieses Angebot.

Dafür laufen die Online-Fortbildungskurse, die Leiter Roger Schmidt und sein Team auf die Beine gestellt haben, ausgezeichnet und gleichen die Umsatzeinbußen aus dem Übernachtungsbetrieb etwas aus.

Wie Letzterer wieder in Gang kommen soll, ist Schmidt noch schleierhaft. "Wenn immer nur einer in die Sanitärräume darf, wie lang muss dann eine Seminarpause sein? Ist das Foyer überhaupt groß genug, damit sich alle im richtigen Abstand anstellen können?", zählt Schmidt nur einige Detailfragen auf, die ihm Kopfzerbrechen bereiten.

Selbstversorgerhäuser

Etwas leichter tun sich zur Corona-Zeit die Dekanate mit Selbstversorgerhäusern. "Riederau am Ammersee wird uns sicher Verlust bescheren", sagt der Weilheimer Dekan Jörg Hammerbacher. Doch weil dort kaum Personal eingestellt sei, bleibe der Verlust wohl verkraftbar.

Ähnlich schildert es Klaus Schmucker, Leiter der Evangelischen Dienste München, mit Blick auf das Hans-Leipelt-Haus in Grafrath und den Amalienhof. "Wir bereiten ein Hygienekonzept vor und hoffen, dass wir ab Spätsommer wieder loslegen können", sagt er gelassen: "Derzeit ist alles im Fluss."

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