Darf’s ein bisschen mehr sein? Die Frage kennen Sie auch, oder? Von der Wurst- und Käsetheke beim Einkaufen. Von klein auf ist das im Ohr. Da wird abgewogen, Scheibchen rauf, Scheibchen runter. Die Anzeige im Blick. Und dann: Darf’s ein bisschen mehr sein? Klar. Natürlich, gern ein bisschen mehr. Lieber als weniger zumindest, womöglich gar zu wenig. Mehr ist auf jeden Fall besser.
Und das nicht nur an der Wursttheke. Auch beim Wohnen gilt: Lieber mehr Zimmer als nur zwei. Beim Einkauf hat man gern mehr Auswahl. Mehr Freunde, mehr Blumen im Garten. Da wird es kaum Widerspruch geben. Natürlich, gern ein bisschen mehr. Warum das wohl in so vielen von uns steckt?
Ich glaube, das hat seine Geschichte: Wenn ich erinnere, was meine Oma mir erzählt hat von Krieg und Nachkriegszeit, dann ging es dabei fast immer um Verlust und Mangel. Es fehlte an allem. An Dächern über dem Kopf, an irgendwas zu essen im Bauch. Socken wurden unzählige Male gestopft und Spielzeugbälle aus Lumpen gebastelt. "Wir hatten ja nichts…" Von allem gab es zu wenig. Von Frieden und Sicherheit oder Sorglosigkeit ganz zu schweigen. Wir Nachgeborenen haben das aus Geschichten und Schwarz-weiß-Fotos mitbekommen oder auch aus kleinen Macken der Großeltern: Meine Oma hat altes Papier mit leerer Rückseite immer zu Einkaufszetteln geschnitten. Kann man doch aufbrauchen Das ist doch noch gut. Und den Teller leeressen, bloß nichts wegwerfen!
Nach diesen kargen Jahren konnte es ja nur bergauf gehen. Aus der Wiederaufbau-Erfahrung wurde die Erwartung: Ab jetzt geht es immer bergauf. "Immer mehr" wurde das Grundgefühl. Mehr, besser, schöner. Und, ja: das Einkommen steigt, das durchschnittliche Lebensalter steigt. Mehr medizinische Versorgung, bessere Ernährung. Wachstum und Wohlstand – so lautet unser Plan.
Und ist das vielleicht sogar ein göttlicher Plan? Verspricht die Bibel nicht auch ein Leben in Fülle statt Mangel? Länder, in denen Milch und Honig fließen. Na, und Jesus? Als es einmal viel zu wenig zu essen gab für die fünftausend Menschen, die zusammengekommen waren, um ihm zuzuhören, da….
Da nahm er die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel und segnete sie, brach die Brote und gab sie den Jüngern, dass sie dem Volk austeilten. Und sie aßen und wurden alle satt; und es wurde aufgesammelt, was ihnen an Brocken übrig blieb, zwölf Körbe voll. (Lukas 9,16f.)
Voll viel! Aus dem Wenigen, aus fünf Broten und zwei Fischen macht Jesus – natürlich: Mehr. Viel mehr. Kein Wunder, dass das bis heute gut ankommt.
Fastenzeit: Nachdenken über das Weniger!
Mehr ist besser. Hm. Seit einer guten Woche sind wir in der Passions- und Fastenzeit angekommen. Sie zweifelt das mit dem Immer-Mehr an. In den Kirchen geht es in diesen Wochen bis Ostern um den Leidensweg Jesu. Um Schmerzen, Verlust, Abschied, darum, wie Jesu Leben immer weniger wird. Viele Menschen fasten in diesen Wochen. Auch dabei geht es um das "Weniger". Das ist wieder in. Weil viele spüren: "Immer mehr" wird halt schnell "Zuviel". Zu viel Süßkram und zu viel Handygedaddel, zu viel Auto statt Bewegung. Das Kirchenjahr schenkt nun also sieben Wochen Zeit, sich die Frage zu stellen: Nicht "Darf’s ein bisschen mehr sein?", sondern "Wieviel Mehr muss es denn immer noch sein? Oder darf’s womöglich ein bisschen weniger sein?
In diesem Jahr beschäftigt mich das noch viel mehr als früher. Weil ich das Gefühl habe: Diese Frage kommt in neuer, viel größerer Weise auf uns zu. Da geht es nicht mehr um freiwilliges Verzichten auf Schokolade oder Zeit am Handy. Da geht es eher um Schmerzen, Verlust, Abschied. Und um die Zukunft, meine, Ihre, die der nächsten Generationen.
Ob ich mir eigentlich Sorgen um die Zukunft unserer Kinder mache? In einem Gespräch wurde ich das neulich gefragt. Hintergrund war die Annahme, dass es in der Welt und in unserem Land, wirtschaftlich und politisch nun eben nicht mehr bergauf geht. Dass wir, aber spätestens unsere Kinder oder Enkel womöglich in Zukunft nicht mehr mit all dem leben werden, was wir für normal halten. Dass es gar bergab geht: Weniger Wohlstand, weniger Sicherheit, weniger Wachstum, weniger Frieden.
Das Gespräch ist mir nachgegangen. Mir fällt auf, wie oft es darum geht: den Gürtel enger schnallen, sich mental auf andere Zeiten einstellen. Wobei es uns verglichen mit der ganzen Welt natürlich noch richtig gut geht. Was mögen Menschen in der Ukraine, in Syrien oder in den USA über die Zukunft denken? Trotzdem höre ich auch bei uns ständig davon. In der Kirche zum Beispiel: Kirchensteuer, Personal, Gebäude. Alles wird weniger. Die fetten Jahre sind vorbei.
Übrigens – und nicht zuletzt – auch beim Blick in den Spiegel sehe ich: Hm, jugendliche Frische war auch schon mal mehr. Klar, das ist lang nicht so dramatisch wie die gesellschaftliche Lage, aber es kann einen schon ordentlich beschäftigen zu realisieren: Die restlichen Lebensjahre werden halt immer weniger… Lange dachte ich, dass die Welt mir ewig offen stünde. Mittlerweile spüre ich: Da sind schon eine Menge Türen zugegangen. Ältere Menschen erzählen: Der Radius wird immer enger. Immer weniger gebraucht werden, der Freundeskreis wird kleiner. Weniger und weniger und weniger.
Ich merke, wie all das ganz schön an mir rüttelt und wie es mir eng wird ums Herz. Jesus, wo sind die Brote und Fische? Hinter meinem "Mehr"-Gefühl steht kein Ausrufezeichen mehr, sondern ein vages Fragezeichen: Mehr? Wir müssen uns wohl eher ans Weniger gewöhnen. Nur wie macht man das?
Magere Jahre – Kein Wegducken, kein Schönreden.
Neben den Bildern von Fülle, Milch, Honig und überbordenden Brotkörben suche ich in der Bibel nach einer Geschichte, die von etwas anderem erzählt, vom "Weniger". Da gibt’s die alte Erzählung vom jungen Mann Josef. Der erweist sich als klug und geschickt. Dazu kommt aber noch etwas, etwas Unverfügbares: Sein Gott Adonaj ist mit ihm. Darauf vertraut er, durch alle Krisen hindurch. Das spricht sich in Ägypten herum. Josef soll dem Pharao helfen. Der träumt seltsame Dinge von Kühen und Ähren.
Ich habe es schon den Wahrsagern erzählt", schloss der Pharao, "aber keiner konnte mir sagen, was es bedeutet." Da antwortete Josef: "Gott hat dem Pharao im Traum gezeigt, was er vorhat. Beide Träume bedeuten dasselbe; 26es ist eigentlich ein einziger Traum. Die sieben fetten Kühe und die sieben prächtigen Ähren bedeuten sieben fruchtbare Jahre. Die sieben mageren, hässlichen Kühe und die sieben kümmerlichen, vertrockneten Ähren bedeuten ebenso viele Hungerjahre.
Ich habe es schon gesagt: Damit will Gott dem Pharao ankündigen, was er in Kürze geschehen lässt. In den nächsten sieben Jahren wird in ganz Ägypten Überfluss herrschen. Aber dann kommen sieben Hungerjahre, da wird es mit dem Überfluss vorbei sein; man wird nichts mehr davon merken, und drückende Hungersnot wird im Land herrschen."
Vielleicht weil er Gott im Rücken weiß, traut sich Josef etwas: Erstaunlich schnörkellos kündigt er dem Pharao so eine große Krise an, vor der man die angekündigten sieben fetten Jahre kaum noch hört. Magere Jahre kommen, und sie werden schwer drücken.
Ich finde, das ist ein erster Schritt, um mit der Aussicht umzugehen, dass manches weniger wird: Ihr erst einmal direkt ins Auge schauen. Ohne sich weg zu ducken oder Ausflüchte zu suchen. Im Abwehren sind wir in unserer Zeit ziemlich gut, fürchte ich. Wird schon alles nicht so schlimm kommen. Oder es betrifft nur andere und gar nicht mich. Oder… Vor über 50 Jahren gab es die ersten Studien, dass die Ressourcen der Welt und das Wachstum endlich sind. So richtig hören wollten diese Botschaften wenige, bis heute immer noch viel zu wenige. Schließlich kommt der Strom doch aus der Steckdose; die Heizung wird schön warm. Und die schmelzenden Eisberge – na, die sehe ich ja nun mal nicht vor meiner Haustür. Pharaonen braucht es, unter den Politikerinnen und Wirtschaftsbossen, aber eben auch an jedem Küchentisch. Solche, die sich vor anstrengenden Botschaften nicht wegducken und sich den Herausforderungen für die Zukunft stellen. Unbequem, aber wichtig.
Noch etwas fällt mir auf: Josef redet die mageren Zeiten nicht schön. Kein "Hey, steckt nicht in jeder Krise eine Chance?" "Gesundschrumpfen." "Weniger ist mehr." Das klingt manchmal richtig zynisch, besonders wenn es jene sagen, die mehr haben. Die Aktion "Brot für die Welt" bringt das seit einigen Jahren mit Plakaten auf den Punkt Darauf zu sehen: eine Essensschüssel mit einer Miniportion Reis. Drunter steht: Weniger ist leer.
Natürlich braucht es auch Hoffnung und Optimismus, um Krisen zu bewältigen. Aber eben nicht sofort. Wenn wir in vielen Lebensbereichen Abschied nehmen von Gewohntem, dann hilft es kaum, diesen Verlust gleich zum neuen Gewinn zu erklären: Werden Kirchengebäude verkauft, spart das eine Menge, aber es ist auch erst einmal schmerzhaft für alle, die sich dort zuhause fühlen oder ihre erste Liebe im Jugendhaus geküsst haben.
Ich kenne ein älteres Ehepaar. Als es nach Ewigkeiten in der eigenen Wohnung beschloss, in ein Seniorenheim zu ziehen, war das sinnvoll. Das haben ihnen auch viele gesagt "Das kann man sich doch auch gemütlich machen", "Da seid ihr gut umsorgt". Schwer zu hören war das. Denn es war eben auch: erstmal furchtbar traurig. Sie haben ihre Wohnung so geliebt. All die Erinnerungen. Das Leben darin. Das kleine Apartment am anderen Ende der Stadt, die vermutlich "letzte Station" schien ihnen nicht gleich rosig. Das auszusprechen war wichtig. Bitte Zeit lassen bei so was. Und ehrlich sein. Weniger ist manchmal einfach weniger.
Josef redet dem Pharao nichts schön: Die mageren Jahre werden schmerzhaft.
Vorsorgen
Trotzdem hat er einen Rat. Vielleicht klingt in seinen Worten Gottes Weisheit hindurch:
Darum rate ich dem Pharao, einen klugen, einsichtigen Mann zu suchen und ihm Vollmacht über ganz Ägypten zu geben. Der Pharao sollte in den kommenden guten Jahren den fünften Teil der Ernte als Abgabe erheben. Er sollte dafür Beamte einsetzen, die unter der Aufsicht des Pharaos das Getreide in den Städten sammeln und speichern. Dann ist ein Vorrat da für die sieben schlechten Jahre, und das Volk im ganzen Land Ägypten wird nicht vor Hunger zugrunde gehen."
Der Pharao fand den Vorschlag gut, und alle seine Berater ebenso. Er sagte zu den Beratern: "In diesem Mann ist der Geist Gottes. So einen finden wir nicht noch einmal."
Vorsorge treffen für die mageren Jahre. Josef verspricht nicht, das Problem sei damit gelöst, aber die Not wird gelindert. Ganz praktisch: Der Pharao soll sparen. Die Abgaben in den fetten Jahren erhöhen. Rücklagen bilden. Wer spart, der verzichtet schon in den fetten Jahren auf etwas. Das hilft dann, wenn es enger wird. Und man übt so auch schon rechtzeitig ein, mit weniger auszukommen. Der uralte Rat dürfte ruhig bis heute nachhallen. So leben, dass wir jetzt schon an die nächsten Generationen denken. Wenn magere Jahre kommen, dann können wir heute zumindest beginnen, die Scheunen zu füllen. Ganz praktisch, aber vielleicht auch noch mit etwas anderem:
Kennen Sie Frederik? Diese kleine Geschichte von der Maus, die für den Winter vorsorgt, aber eben anders als die Mäuse, die Korn sammeln. Ja, eine Kindergeschichte – aber ihre Botschaft kann ich als Erwachsene gebrauchen. Frederik sammelt Farben, Gerüche, Geschichten. Kein Futter für den Bauch, aber für die Seele. Wenn ich nun die Scheunen füllen will in der Aussicht auf das ganz persönliche Weniger in meinem Leben – was kommt denn dort hinein? Rente ansparen, ja. Aber helfen werden auch Erinnerungen und Geschichten, tragende Beziehungen. Dazu einen Vorrat an Mut, Hoffnung und Ideenreichtum, so wie meine Oma mit ihren Einkaufszetteln. Den Vorrat werden die nächsten Generationen auch brauchen.
In allem, was Josef dem Pharao rät, sagt er noch etwas ganz Wichtiges: Der Pharao soll sich Unterstützung suchen. Kluge Leute sollen helfen beim Vorsorgen für die Krise. Das ist gut zu erinnern: Gehen wir Schwieriges nicht allein an. Behalten wir die Not nicht für uns. Lass uns das mit anderen gemeinsam angehen. Mit anderen Menschen. Mit Gott. Zusammen. Das schenkt mir Mut für das Weniger und fürs Einfach sein.
Fastenzeit: Einüben ins Weniger
Sich vorbereiten auf das Weniger. Ganz und gar wird das vermutlich gar nicht gehen. Schmerz, Trauer, Hoffnungsschimmer kommen ja nicht nach Fahrplan vor. Aber als Übungshase kann womöglich doch die Fastenzeit taugen. Als Zeit, in der ich überhaupt einmal diese Gedanken ans Weniger zulasse. Ob ich mit wenig auskomme? Woran hänge ich? Es ist eine Zeit, in der ich mit der Leidensgeschichte Jesu übe, Abschieden und dem Verlust ins Auge zu blicken. Weil Jesus das gemacht hat: Schnörkellos hat er angekündigt, dass einer ihn verraten und Petrus nicht zu ihm stehen würde. Er hat seine Angst nicht versteckt oder heruntergeschluckt, sondern rausgeschrien zu Gott. Und er hat uns nächsten Generationen für Jahrtausende etwas in die Scheunen gelegt: Feiert ein Mahl miteinander – solches tut zu meinem Gedächtnis. Das tun wir, nicht mit großem Buffet: Mit einem Stück Brot und einem Schluck Traubensaft oder Wein. Wenig ist das, aber genug.
Und was passiert dann als Folge in meinem Denken, Fühlen, Leben, wenn manches weniger wird oder ganz fehlt? 7 Wochen Ohne, so lautet seit einigen Jahren die Fastenaktion der Evangelischen Kirche. Sie lebt davon, dass sie dem Ohne auch ein Mit an die Seite stellt. Nein, nicht im Sinne von schöngeredetem Weniger ist Mehr. Vielmehr als Folge aus dem, was viele Menschen berichten von so einer Fastenzeit: Wenn eine Sache wegfällt in meinem Leben, wenn Lücken entstehen – ja gewiss auch schmerzhafte und traurige Lücken – dann entsteht damit trotzdem Raum für… ja, wofür? Vermutlich lässt sich das nicht einfach sagen. Das wird sich daran entscheiden, was ich draus mache. Was ich hineinlasse. Welche Geschmacksnerven lassen sich mal wieder aktivieren, wenn nicht immer alles zuckersüß ist? Wie erlebe ich die Freiräume, wenn ich Gewohnheiten wie den schnellen Blick in die sozialen Medien drastisch reduziere? Viele Menschen erzählen mir: Zuerst fehlt etwas und man wird nervös. Aber sie erzählen auch: Nach ein paar Tagen erleben sie Freiräume, ungefüllte Zeit. Zeit, um überhaupt nachzudenken, was man mit ihr anfangen will.
Weniger ist… nein, nicht immer mehr. Aber oft macht es Platz für anderes. Manchmal auch für einen andere. Manchmal findet Gott diese neuen Lücken und freien Räume in meinem Leben, leitet und begleitet mich in meinem viel größeren Nachdenken als nur über Schokolade und Handy: Wenn ich die Gedanken und Gefühle an mich heranlasse, dass Weniger schmerzhaft, aber kein Weltuntergang ist. Dass wir hoffentlich rechtzeitig Vorsorge treffen für die Zukunft. Ich fange an zu spüren, dass ich die Wahl habe: Ich kann die immer weniger Tage nur mit Verdruss über ihr Verrinnen verbringen oder etwas mit ihnen anfangen? Beim nächsten Abendmahl schmecke ich: Genug. Und ich muss das alles nicht allein angehen. Da sind Menschen um mich. Und noch jemand.
Dieses Wunder mit Broten und Fischen kommt mir noch einmal in den Sinn: Ich glaube nicht mehr, dass es um Überfluss gehen sollte? Mehr, mehr immer mehr. Vielmehr darum, uns Menschen erleben zu lassen: Moment, es gibt etwas gegen deine Angst vor dem Zuwenig. Gott hat die Scheunen für uns gefüllt.