Theologieprofessor Ralf Frisch provoziert gerne mit steilen Thesen und spitzer Zunge: An seinen Kolumnen auf sonntagsblatt.de scheiden sich mitunter die Geister.

Nun hat der Claudius-Verlag eine Kolumnen-Sammlung veröffentlicht: "Mehr Opium fürs Volk." In den Texten teilt Frisch ordentlich aus gegen eine angebliche Infantilisierung und Gottvergessenheit von Theologie und Kirche - nicht, weil er sie als ordinierter Pfarrer doof findet, sondern weil Kirche und Theologie ihm am Herzen liegen, sagt er. Ein Gespräch über verbale Kettensägen, moralinsaure Botschaften und den innersten Wunsch, geliebt zu werden.

Herr Frisch, man fragt das in Deutschland ja nicht gerne, aber was für eine Summe stand vergangenen Monat auf Ihrer Gehaltsabrechnung?

Ralf Frisch: Das kann jeder nachschauen, der weiß, was Hochschullehrer besoldungsmäßig verdienen. Es kommt natürlich darauf an, was für eine Professur man hat. Wieso fragen Sie?

Die Frage stellt sich, weil Sie vom System Kirche eigentlich ganz gut leben. Sie sind ordinierter Pfarrer, damit faktisch Kirchenbeamter auf Lebenszeit, und Professor an einer evangelischen Hochschule. Warum packen Sie dann so regelmäßig die "Bazooka" - oder wie Sie selbst schreiben: die Kettensäge aus, um gegen Ihre eigene Kirche zu schießen?

Ganz einfach: Genau deshalb, weil ich dafür bezahlt werde. Wenn Karl Barth recht hat, dass Dogmatik die Selbstprüfung der christlichen Kirche hinsichtlich der Frage ist, ob diese Kirche eigentlich noch ihrem Gegenstand - dem Evangelium - entspricht, dann gehört das schlicht zu meinem Job. Ich setze mich kritisch mit der Kirche auseinander, weil sie mir existenziell und intellektuell am Herzen liegt, nicht weil ich sie ablehne oder ihr gar schaden wollte. Man kann der Kirche auch dadurch schaden, dass man sie zu wenig kritisiert, sondern es sich einfach in ihr gemütlich macht oder nur noch mit Strukturdebatten ohne die geringste Leidenschaft für die spirituelle Regeneration der Kirche beschäftigt ist.

"Das Scheitern der Moral zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel"

Sie werfen der Kirche unter anderem vor, sie renne mit vorgeschützter Zuversicht in den Abgrund, theologische Fundamente seien erodiert. Sie verkünde nur noch "moralisches Heldentum". Das ist fundamentale Kritik. Was meinen Sie damit genau?

Ich sehe, dass die öffentliche Theologie in der medialen Landschaft oft die Probe aufs Exempel zu sein scheint, ob es auch ohne Gott geht und ob es ohne Gott vielleicht sogar besser geht. Das Narrativ der "modernen Kirche" ist das des aufgeklärten, moralisch-sozialen Akteurs. Der Glaube an die Humanität und den guten Menschen scheint zum eigentlichen Bekenntnis der evangelischen Kirche geworden zu sein.

Was ist denn so schlimm daran, an das Gute im Menschen zu glauben?

Ich bin der tiefen Überzeugung, dass der Glaube an den guten Menschen nichts mit dem christlichen Glauben zu tun hat. Christus wurde im Namen der herrschenden Moral, der herrschenden Politik und der herrschenden Religion gekreuzigt. Wenn der Glaube an den guten Menschen die Basis des Glaubens wäre, dann bräuchten wir keine Passionsgeschichte zu erzählen, sondern könnten es beim mustergültigen Moralprediger von Nazareth belassen. Das Kreuz durchkreuzt die Illusion unserer moralisch-humanistischen Erzählungen. Das Scheitern der Moral zieht sich wie ein roter Faden durch die Bibel.

"Es sollte primär nicht ein politisches Narrativ, egal welcher Couleur, sondern ein religiöses sein"

Aber geht nicht beides? Kann man nicht an den Menschen glauben und an das Wunder Gottes?

Sobald man dieses Kombimodell fährt - der gute Mensch und der gute Gott -, oxidiert der "gute Gott" an der Luft der Aufklärung sofort zu einer Metapher für Zwischenmenschlichkeit. Übrig bleibt meist nur der gute Mensch. Als Lutheraner ist mir diese Form der Zuversicht auf das harmonische Zusammenspiel von Gott und Mensch nicht gegeben. Die Grundfrage ist: Glauben wir an eine rettende Transzendenz, an ein Geheimnis, das die Welt im Innersten und Äußersten zusammenhält, oder glauben wir nur noch daran, dass der gute Mensch die Antwort auf alles ist?

Ihre Kritik richtet sich oft gegen die Kirchenleitung. Aber die Kirche ist doch viel breiter, von ultrakonservativ bis superliberal. Warum sehen Sie immer nur den "Wellness-Einheitsbrei", der Sie so triggert?

Es ist auch ein medialer Kulturkampf. In den Verlautbarungen des Protestantismus habe ich oft das Gefühl, ich lese Texte vom Deutschen Gewerkschaftsbund DGB, der SPD oder den Grünen. Mir geht es nicht darum, dass ich mir etwas politisch Konservativeres wünsche. Mir geht es darum, dass das Narrativ primär nicht ein politisches Narrativ, egal welcher Couleur, sondern ein religiöses sein sollte. Wenn wir als Kirche nur noch moralische Kommunikation betreiben, weil wir glauben, die Sprache der Ethik werde immer verstanden, dann verlieren wir unseren ureigensten Kern.

"Ich bin eigentlich ein dünnhäutiger Mensch, dem nach der Veröffentlichung jeder Kolumne das Herz in die Hose rutscht und die Knie schlottern"

Wann ist die Kirche denn in diese aus Ihrer Sicht rein "politisch-moralische" Richtung abgebogen?

Das begann massiv mit der Aufklärung. Für aufgeklärte Christen schien nach der alles zermalmenden Metaphysikkritik Immanuel Kants nur noch das übrigzubleiben, was durch den Filter des kategorischen Imperativs gelaufen war. Dogmatik galt als "Fantasy". Faktisch wurden die reformatorischen Bekenntnisse dem Bekenntnis an ethisch vorbildliche Menschen geopfert. Die Kirche dachte, es sei Erfolg versprechender, in dieser Währung zu kommunizieren. Heute managen wir eine humanistische Kirche eigentlich mit drei Bibelstellen: mit der Goldenen Regel, dem Gebot der Nächstenliebe und dem Satz "Was ihr dem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan." Dafür braucht man keine Bibel mehr, die dicker ist als eine Postkarte.

In Ihren Kolumnen wirken Sie mitunter destruktiv. Sie benutzen Begriffe wie "Besser-Menschentum" oder "Anstandswauwaus". Warum provozieren Sie so stark?

Ich bin eigentlich ein dünnhäutiger Mensch, dem nach der Veröffentlichung jeder Kolumne das Herz in die Hose rutscht und die Knie schlottern. Aber ich habe das Gefühl, es muss gesagt werden. Meine Kolumnen sind ja nicht nur polemisch, sondern auch witzig, selbstironisch und geistreich. Ich leide an der Kirche und an der Theologie, weil ich in ihr das "Oberlicht" suche, die Vertikale. Die Provokation ist natürlich eine Strategie der Aufmerksamkeitserzeugung. Manchmal braucht die Wahrheit halt jemanden, der sie deutlich und drastisch artikuliert. Ich werde offenbar irgendwo im Netz als "Krawalltheologe" bezeichnet, was ich an sich nicht besonders cool finde. Andererseits gefällt es mir natürlich auch, obwohl es vernichtend gemeint ist und mich als unseriösen Populisten darstellen soll. Aber eine Wahrheit ist ja auch: Wenn man zu leise tritt, wird man nicht gehört. Wenn ich ehrlich bin, ist Luther in dieser Hinsicht echt ein Vorbild für mich. Neulich hat jemand zu mir nach einem Vortrag gesagt, ich habe eine hohe Irritationskompetenz. Das hat mir gefallen.

"Die Krise unserer Zeit ist eine Glaubens- und eine Gotteskrise"

Besteht nicht die Gefahr, dass Ihre Botschaft durch Begriffe wie "Gutmenschentum" oder "Zerfall des Abendlandes" geschmälert wird und Sie am rechten Rand fischen?

Es ist eine erfolgreiche Strategie, alles, was nicht einer bestimmten politischen Überzeugung entspricht, sofort als "rechts" zu etikettieren. Ich würde nie die AfD wählen. Aber wenn wir die Sorgen der Menschen, die den Zerfall christlicher Traditionen und des gesellschaftlichen Konsenses spüren, als "rechte Kampfbegriffe" abtun, nehmen wir die Menschen nicht ernst und brechen die Brücken zu ihnen ab. Luther wollte dem Volk aufs Maul schauen. Viele, die von "unserer" Demokratie reden, wollen dem Volk am liebsten den Mund verbieten. Ich fürchte, dass das nicht gut ausgeht und dass es tatsächlich zu AfD-Mehrheiten in den neuen Bundesländern führen könnte. Außerdem führt die Tatsache, dass man bestimmte Dinge nicht sagen darf, weil einen dann "die Rechten lieben könnten", dazu, dass man in der Sache gar nicht mehr diskutiert.

Was ist denn Ihr konstruktiver Gegenvorschlag? Wie geht es weiter? Wie kann es weitergehen? Wie kann die Kirche überleben?

Es hilft nichts außer der Wiederentdeckung der religiösen, spirituellen, also der geistlichen Kommunikation. Die Krise unserer Zeit ist eine Glaubens- und eine Gotteskrise. Man kann aus fast allen kirchlichen Verlautbarungen das Wort "Gott" rauskürzen, ohne dass sich der Sinn ändern würde. Wenn das Wort "Gott" überhaupt drin ist. Wir müssen den USP - das Alleinstellungsmerkmal, also das Proprium - der Kirche wiederfinden: das Andersweltliche. Den Spirit, der die Christen von den Nichtchristen unterscheidet. Den Spalt, der sich von oben her auftut und nach dem viele Menschen, die in die Kirche gehen, vielleicht doch suchen.

"Es geht um die Erinnerung an eine Dimension der Wirklichkeit, die größer ist als wir selbst"

Aber erreichen Sie mit mehr Geistlichkeit heute noch die Menschen in einer schrumpfenden Volkskirche?

Wir brauchen eine Sprache, die weder in charismatische Naivitäten noch in reinem Moralismus oder in der Binsenweisheit von Friseur- oder Wartezimmer-Zeitschrifen stecken bleibt. Es geht um die Erinnerung an eine Dimension der Wirklichkeit, die größer ist als wir selbst. Wenn die Kirche das nicht mehr anspricht, können wir zusperren. Aber es gibt einen Fundus an Menschen, die eine Sehnsucht nach diesem "Anderen" haben, das sich nicht in Gesellschaftspolitik erschöpft.

Gab es für Sie einen Schlüsselmoment, an dem Sie entschieden haben, so massiv Kritik zu üben?

Ein Schlüsselmoment war 2015. Ich sollte einen Vortrag über "Weltfremdheit" halten und wusste, dass man hören wollte, dass wir als Kirche weniger weltfremd sein müssen. Aber dann kam mir der Gedanke: Ich halte ein Plädoyer für die Weltfremdheit. Die Kirche ist nicht Welt. Sie ist mitten in der Welt, aber sie ist mitten in der Welt jenseitig. Sie ist also sozusagen Schnittstelle zwischen der Vertikalen und der Horizontalen. Als diese Idee in mein Denken einfiel, war das für mich ein echter Aha-Moment. Ich wusste auf einmal, was mir fehlte. Ich wusste, worauf es in der Kirche wirklich wieder ankommen sollte.

"Ich bin eben nicht so der Katzenkalendertyp"

Sie nutzen die Metapher von "Kettensäge und Florett", mit der Sie Kritik üben. Was ist Ihnen lieber?

Beides hat seinen Reiz, um Themen zu sezieren und anzusprechen und um die Sache, um die es mir bei aller Eitelkeit immer geht, eindringlich zur Sprache zu bringen. Die einen finden meinen schonungslosen Stil abstoßend, die anderen finden ihn cool. Das Problem ist natürlich, dass ich, wie wahrscheinlich alle Menschen, die schreiben, für das, was ich schreibe, trotzdem geliebt werden will. Glauben Sie übrigens nicht, dass diese Schonungslosigkeit nicht anstrengend ist. Ich schone ja auch mich selbst nicht. Und wenn dann wieder mal der Tank der Kettensäge leer ist, denke ich mir manchmal, ob ich nicht vielleicht einfach schöne, erbauliche Sachen schreiben sollte, die runtergehen wie Öl oder eben wie das fränkische Bier, das ich so liebe. Aber ich bin eben nicht so der Katzenkalendertyp.

Ralf Frisch: "Mehr Opium fürs Volk"

Ob es um ganz alltägliche Dinge wie das Smartphone neben dem Kopfkissen oder um existenzielle Themen wie Schuld und Vergebung geht, ob er nach der Bedeutung von Christi Himmelfahrt oder nach dem spirituellen Gehalt von Christbaumleichen fragt: Ralf Frisch findet in seinen Kolumnen immer einen originellen Zugriff auf das Thema und eröffnet so neue, manchmal völlig unerwartete Perspektiven. Mit bissigem Humor und spitzer Feder hält er unserer Zeit den Spiegel vor, ganz in der Tradition des "weisen Narren". Seit 12. März 2026 erhältlich.

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