30.10.2019
502 Jahre nach dem Thesenanschlag

Reformationstag 2019: Botschaften aus Bayern zum Fest der Protestanten

Protestanten auf der ganzen Welt feiern am 31. Oktober den Beginn der Reformation durch den Mönch Martin Luther (1483-1546). Sie erinnern an die Bewegung, aus der die evangelische Kirche entstanden ist und reflektieren die gesellschaftliche Bedeutung von Kirche im 21. Jahrhundert. Gedanken zum Reformationstag aus Bayern von Landesbischof Bedford-Strohm, Synodalpräsidentin Preidel, Regionalbischöfin Greiner, Regionalbischof Piper und Regionalbischof Stiegler.
Reformationstag 2019 Botschaften aus Bayern

Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm: Reformationstag soll Fest der Gemeinden sein

"Der Reformationstag soll ein Fest der Gemeinden sein. Ein Fest, bei dem wir uns auf Jesus Christus als den Grund unseres Glaubens zurückbesinnen, uns aber auch gemeinsam Zeit nehmen, um über die Zukunft unserer Kirche nachzudenken", sagt der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), der bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Er freue sich aber auch darüber, dass der Reformationstag insbesondere dort, wo er als gesetzlicher Feiertag verankert ist, über die Kirche und Gemeinden hinaus an gesellschaftlicher Bedeutung gewonnen habe - in den neun Bundesländern Brandenburg, Bremen, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen.

Synodalpräsidentin: Reformation hat die Kirche zukunftsfähig gemacht

Nach Überzeugung der bayerischen Synodalpräsidentin Annekathrin Preidel ist die Reformation ein "immerwährendes theologisches Fitnessprogramm". Der Reformator Martin Luther habe durch seine neue theologische Orientierung die Kirche Jesu Christi im besten Sinne zukunftsfähig gemacht, betont die Präsidentin des Kirchenparlaments der rund 2,4 Millionen bayerischer Protestanten in einem "Geistlichen Wort" zum Reformationsfest. Deshalb sei der Thesenanschlag Luthers in Wittenberg vom 31. Oktober 1517, einem Mittwoch, als "Wednesday for Future" in die Geschichte eingegangen.

Heute hätten die Protestanten die Aufgabe, gegen die umgreifenden Verunsicherungen und Verwerfungen die biblische Gewissheit zu setzen, dass diese Welt nicht untergehen wird. Visionen des Weltuntergangs könnten niemanden motivieren, sondern verstärkten Frustration, Weltvermiesung, und Hoffungslosigkeit.

"Die Angst, die angesichts der Probleme unserer Zeit um sich greift, ist das Problem, nicht die Lösung", schreibt die Synodalpräsidentin.

Denn Panik trübe den Blick, verwirre die Gedanken und blockiere die Kreativität der Menschen, die Welt als Schöpfung Gottes zu gestalten.

Christen sollten deshalb nicht nur auf eine Welt zeigen, die im Argen liegt, sondern in der "sich Himmel und Erde glücklich verbinden", und diese Orte mit Energie und Fantasie gestalten. Darin liege auch die ungeheure Kraft und Faszination, die von Jesus Christus ausgeht. Dieser Geist Christi lasse die Menschen zuversichtlich und mutig in die Zukunft blicken.

Regionalbischof Piper: Rechtfertigung heute bedeutet Wertschätzung

Der Augsburger evangelische Regionalbischof Axel Piper betont die Wertschätzung und Anerkennung der Menschen untereinander. Die Kirche müsse in einer Welt voller Ansprüche und Appelle unterstreichen, dass der Mensch gut sei und sein Leben Wert und Sinn habe.

Rechtfertigung heute geschehe dann, "wenn ich den anderen wissen lasse, dass ich ihn schätze, dass ich ihn anerkenne, so wie ich selbst anerkannt sein möchte. Das wäre die Rechtfertigung und Richtung", so der Regionalbischof für Augsburg und Schwaben. Wenn man darüber nachdenke, was der Beitrag der Kirche für die Gestaltung einer gemeinsamen Zukunft sein könnte, dann sei dies die Zusage: Mensch, du bist gut.

Regionalbischöfin Greiner fordert zum Dialog mit Landwirten auf

Vor dem Hintergrund der aktuellen Klimadebatte fordert die Bayreuther Regionalbischöfin Dorothea Greiner in ihrem diesjährigen Reformationsbrief zum Dialog mit den Landwirten auf. "Ich möchte nicht, dass wir bei unserer Sorge um den Klimaschutz mit dem Finger auf andere zeigen, schon gar nicht auf unserer Landwirte", betont die Theologin darin. Auch in ökologischen Fragen könne man nur mit ihnen und nicht gegen sie vorankommen, schreibt Greiner.

Für den Schöpfungsschutz sei der Austausch mit den Landwirten wichtig: "Reden wir nicht über sie, sondern mit ihnen - und in Achtung und Anerkennung", heißt es im dem Rundschreiben, das bereits vor den kürzlichen Großdemonstrationen der Landwirte in Druck gegangen war. In diesen Tagen wurde es an alle Kirchenvorstände sowie die haupt- und ehrenamtlich Mitarbeitenden im Kirchenkreis Bayreuth versandt.

Die Regionalbischöfin erinnert in dem Reformationsbrief an die Preispolitik der letzten Jahrzehnte für Lebensmittel, die für viele Bauern zu existenziellen Krisen geführt habe. Dabei seien Landwirte wichtige Säulen der Gesellschaft und der Kirche sowohl als Erzeuger von Grundnahrungsmitteln als auch als Landschaftspfleger.

"Hut ab vor der unternehmerischen Leistung und ihrer Liebe zu Schöpfung", so Greiner.

Nach Überzeugung der Regionalbischöfin ist der Schutz der Schöpfung auch eine Frage der Spiritualität. "Die größten Umweltprobleme sind nicht Artensterben, Ansteigen der Temperaturen und des Meeresspiegels, sondern das, was dazu geführt hat: Egoismus, Gier und Gleichgültigkeit." Auf globale politische Maßnahmen zu warten, ersetze nicht die persönlichen kleinen Schritte: "Wir beeinflussen mit unserem Tun auch das große Rad."

Gleichwohl warnt Greiner davor, zum "Moralapostel" zu werden. "Wir brauchen das Gegenteil von Gesetzlichkeit: Freude am Schöpfer und an der Schöpfung, Freude an Christus, dessen Erlösung dem ganzen Kosmos gilt, und Freude am Heiligen Geist, der lebendig macht und in schöpfungsgemäßes Leben führt."

Regionalbischof Klaus Stiegler: Mensch ist Ebenbild Gottes

Der evangelische Regensburger Regionalbischof Klaus Stiegler hat in seiner Predigt betont, dass jeder Mensch ein Ebenbild Gottes sei, "mit unverlierbaren Wert, mit unverletzlicher Würde". Das sei die Botschaft der Reformation, die nicht in Vergessenheit geraten dürfe, sagte Stiegler laut Predigttext.

Den anderen als gleichberechtigt anzuerkennen, sei heutzutage alles andere als selbstverständlich. Dies hätten auch die schrecklichen Ereignisse von Halle gezeigt. Noch immer gebe es Antisemitismus "in erschreckendem Ausmaß", sagte Stiegler. In der Vergangenheit hätten sich Christen "häufig nicht eindeutig und entschlossen genug" gegen den Antisemitismus gestellt. "Als Kirche der Reformation haben wir unseren Platz an der Seite der Jüdinnen und Juden", sagte Stiegler. Als neuer Regionalbischof feiere er den ersten Festgottesdienst mit Regensburger Christen. Besonders freue ihn, dass dies am Reformationstag sei, dem Geburtstag der evangelischen Kirche.

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