Fragt man nach der inneren Verfasstheit der evangelischen Kirche jenseits überfälliger Strukturveränderungen, bietet die Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU) von 2022 einige aufschlussreiche Befunde.
Nur noch 29 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder stimmen demnach der Aussage zu: "Ich glaube, dass es einen Gott gibt, der sich in Jesus Christus zu erkennen gegeben hat." Der Glaube an einen persönlichen Gott, der sich in Jesus Christus offenbart, ist also längst nicht mehr selbstverständlich.
Wenn die Religion ihre Selbstverständlichkeit verliert
Ein Blick auf die Entwicklung seit der vorherigen KMU von 2012 zeigt eine deutliche Verschiebung. Während der Glaube an den in Jesus Christus erkennbaren Gott zurückgegangen ist, haben andere religiöse oder suchende Haltungen zugenommen. So ist der Glaube an ein unbestimmtes "höheres Wesen" unter den evangelischen Kirchenmitgliedern von 23 auf 33 Prozent gestiegen, die Zustimmung zum Satz "Ich weiß nicht richtig, was ich glauben soll" hat von 10 auf 21 Prozent zugelegt und die Angabe von Kirchenmitgliedern, dass sie gar nicht glauben, stieg von 5 auf 18 Prozent.
Die KMU beschreibt diese Entwicklung als "Abfluss": von den Kirchlich-Religiösen über die Religiös-Distanzierten hin zu den Säkularen. 39 Prozent der evangelischen Kirchenmitglieder gehören danach zur Gruppe der Säkularen – also zu Menschen, die angeben, dass Religion in ihrem Leben keine Rolle spielt.
Der Theologe Ulrich H. J. Körtner spitzt diese Entwicklung zu: "Nicht nur die christliche Antwort auf die Gottesfrage, sondern sogar diese selbst scheint in Vergessenheit zu geraten."
Doch gerade diese Dramatik wirft die Frage auf: Wo in der Kirche sind Räume für Menschen, deren Glaube nicht mehr selbstverständlich ist, denen das religiöse Fragen aber gerade noch nicht verloren gegangen ist?
Das religiöse Fragen ist noch da
Drei Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Umfeld der KMU – Kristin Merle, Reiner Anselm und Uta Pohl-Patalong – lesen die Daten der KMU etwas anders. Sie kritisieren, dass der Religionsbegriff der Untersuchung stark von kirchlich geprägten Vorstellungen ausgehe. Religiöse Formen, die individueller, diffuser und weniger kirchlich geprägt sind, könnten dadurch leicht aus dem Blick geraten.
Sie befragen die Ergebnisse der KMU deshalb offener nach Transzendenz: Glauben Menschen an eine schöpferische Kraft? Erleben sie in der Natur etwas Heiliges? Gibt es religiöse Gründe, eine Kerze anzuzünden?
Das Ergebnis: 82 Prozent der Kirchenmitglieder bejahen mindestens einen dieser Hinweise auf Transzendenzvorstellungen, -erfahrungen oder -praktiken. Bei 66 Prozent sind es sogar zwei oder mehr.
Das bedeutet nicht, dass zwei Drittel der Kirchenmitglieder "gläubige Christinnen und Christen" wären. Aber es deutet auf etwas hin: Religiosität wird zugleich säkularer und individueller, uneindeutiger – und schwieriger in klassische Kategorien der Kirche einzuordnen.
Und gerade bei den Religiös-Distanzierten scheint die religiöse Frage noch nicht erledigt zu sein. Der Glaube hat seine Selbstverständlichkeit verloren, das Fragen aber noch nicht.
Religiös – aber sprachlos?
Doch tritt zu alldem ein weiteres Problem: Nicht nur verändert sich der Glaube, auch die Fähigkeit, über Religion zu sprechen, geht zunehmend verloren.
So unterscheidet die KMU zwischen Menschen, die über Religion sprechen, und solcher Kommunikation, die sich tatsächlich religiöser Sprache und Denkmuster bedient. Während immerhin 34 Prozent der Befragten über Religion sprechen, findet religiöse Kommunikation nur noch bei etwa 18 Prozent der Bevölkerung statt. Sie konzentriert sich zudem stark auf die kirchlich-religiöse Gruppe.
Wo Gelegenheiten fehlen, über religiöse Fragen zu sprechen, kann auch die Fähigkeit schwinden, die eigenen Gedanken und Erfahrungen dafür in Worte zu fassen. Den einen fehlen die Begriffe, um Zweifel und Fragen auszudrücken. Den anderen wird es unangenehm, vor anderen von eigenen religiösen Erfahrungen oder Überzeugungen zu erzählen.
Die Kirche erreicht ihre distanzierten Mitglieder durchaus noch – insbesondere bei Kasualien wie Taufe, Konfirmation oder Beerdigung. Diese Anlässe sind wichtige Kontaktpunkte, gerade an biografischen Schwellen. Doch sie eröffnen nur begrenzt Räume dafür, dass Menschen selbst mit ihren religiösen Fragen und Vorstellungen zu Wort kommen.
Vielleicht braucht es deshalb Orte, an denen religiöse Sprache erst einmal ausprobiert werden darf. Orte, an denen man noch nicht wissen muss, was man glaubt.
Die Wohnzimmerkirche – ein Erprobungsraum
Ein Format, das genau das versucht, ist die Wohnzimmerkirche. Entwickelt wurde das Konzept in Hamburg von einem Team um die Pastorin Emilia Handke. Inzwischen gibt es Wohnzimmerkirchen an vielen Orten, häufig vorbereitet und getragen von ehrenamtlichen Teams. Auch in München.
Dafür werden die Kirchenbänke zur Seite geschoben, Sessel, Sofas und Stehlampen in den Altarraum getragen. Lichterketten sorgen ebenso für Gemütlichkeit wie Getränke und Snacks. Bei gedimmtem Licht spielt eine kleine Band. Die Atmosphäre erinnert eher an eine Hausparty oder eine Kneipe als an einen klassischen Gottesdienst – ein Setting, das auch "gottesdienstlich Ungeübten" vertraut sein kann.
Im Mittelpunkt stehen keine fertigen Antworten, sondern Fragen. Sie stecken in kleinen Plastikkugeln und werden von den Teilnehmenden gezogen. Anstelle einer Predigt tauschen sich Menschen in kleinen Gruppen darüber aus. Dazu können kurze inhaltliche Impulse von Ehrenamtlichen kommen.
Was die Wohnzimmerkirche von einem geselligen Themenabend unterscheidet, ist ihre liturgische Struktur – und ihre religiöse Sprache. Wer hierherkommt, begegnet also einer Sprache, die ihm oder ihr womöglich fremd ist. Zugleich ist man eingeladen, sich diese Sprache probeweise auszuleihen: von den anderen Menschen, mit denen man ins Gespräch kommt, aber auch von biblischen Geschichten, Gebeten und Segensworten.
Und bei geliehener Sprache ist es eben so: Sie kann am Ende des Abends zurückgegeben werden. Man kann sie aber auch behalten.
Die Wohnzimmerkirche ist sicherlich keine Patentlösung. Aber sie kann ein Erprobungsraum sein für Menschen, deren Religiosität säkularer, individueller und uneindeutiger geworden ist. Für Menschen, die vielleicht noch nicht wissen, was sie glauben – aber darüber sprechen möchten.
Emilia Handke beschreibt das Ziel der Wohnzimmerkirche als Versuch, "ein religiöses Zuhause für einen Abend zu schaffen".
In einer Zeit zunehmender religiöser Sprachlosigkeit wäre das schon ziemlich viel.
Wohnzimmerkirchen in München
Sonntag, 27. September 2026, 19 Uhr, Himmelfahrtskirche München-Sendling
Freitag, 2. Oktober 2026, 19.30 Uhr, Friedenskirche Trudering